Inflation stellt die Geduld der Anleger auf die Probe


25.06.21 09:15
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Notenbanker haben weniger Angst vor einer hohen Inflation, sondern vor allem davor, dass die Inflationserwartungen ihnen davonlaufen, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank AG.

Je länger aber die tatsächliche Inflation zu hoch sei, desto größer die Gefahr, dass die Erwartungen nachziehen würden und eine Lohn-Preis-Spirale entstehe.

Der weltweite Anstieg der Rohstoffpreise, der Sprung der Teuerungsrate in den USA auf 5% und die anhaltenden Lieferengpässe könnten Anleger dazu veranlassen, sich gegen einen Anstieg der Inflation zu schützen. Das würde die marktbasierten Inflationserwartungen nach oben katapultieren und könnte eine Lohn-Preis-Spirale nach sich ziehen. Möglicherweise sei die Inflation jedoch kurz davor, ihren Zenit zu erreichen. Für die Zentralbanken heiße es auf jeden Fall: Auf die Inflationserwartungen komme es an.

Von der globalen Inflationsfront würden derzeit gemischte Signale kommen. Die Preise für Kupfer, Eisenerz und insbesondere Holz seien in den letzten Wochen gesunken und damit unterhalb ihrer diesjährigen Höchstwerte vom Mai. Am Ölmarkt hingegen setze sich die Rally fort. Eines hätten diese Entwicklungen gemeinsam: Sie seien das Ergebnis einer Normalisierung. Am Ölmarkt würden sich die OPEC+ Staaten offensichtlich auf ein gegenüber heute zwar höheres, im Vor-Corona-Vergleich jedoch dauerhaft niedrigeres Förderniveau einstellen. Entsprechend vorsichtig passe das Kartell seine zuvor massiv gekürzte Produktion an. Bei Kupfer und Holz dürfte es neben einigen Sondereffekten zu einem spekulativen Überschießen der Preise gekommen sein.

Auf Sicht der nächsten sechs Monate würden die Analysten eine Beruhigung bei den Rohstoffpreisen erwarten. Denn die Nachfrage nach Industriemetallen und anderen Vorleistungen habe vor allem damit zu tun gehabt, dass die Verbraucher ihre Ausgaben umgeschichtet hätten, weg von Reisen, Konzerten usw. hin zu Gartenmöbeln, neuen Einrichtungen etc.. Da sich diese Entwicklung mit der Öffnung der Volkswirtschaften wieder umkehren sollte, dürfte auch die Nachfrage nach Rohstoffen zurückgehen und der Preisdruck abnehmen. Dazu komme, dass viele Unternehmen aus Angst vor Lieferengpässen hohe Lagerbestände aufgebaut hätten. Auch dieser Zyklus sollte sich bald umkehren.

Die globalen Lieferengpässe würden jedoch zunächst weiter anhalten. Schlagzeilen würden in dieser Beziehung der Mangel an Computerchips, aber darüber hinaus auch Transportprobleme machen. Abzulesen seien letztere unter anderem an den erneut gestiegenen Containerfrachtraten. Zuletzt hätten diese durch die Schließung des weltweit drittgrößten Schiffsterminals Yantian in Shenzhen Ende Mai neuen Auftrieb erhalten. Der Grund sei eine Reihe von Covid-19 Fällen unter den Hafenarbeitern gewesen.

Für die weitere Inflationsentwicklung stelle Corona insofern ein wichtiges Risiko dar. Neue Ausbrüche könnten auch in Zukunft Lieferketten unterbrechen. Nun möge man einwenden, dass China als besonders wichtiges Glied der globalen Lieferketten ja grundsätzlich die Pandemie gut in den Griff bekommen habe. Auch beim Impfen habe man kräftig aufgeholt. Das sei jedoch nicht die ganze Wahrheit. Zum einen reagiere China weiterhin sehr streng auf etwaige Corona-Ausbrüche, wie das Beispiel Yantian vor Augen geführt habe.

Zum anderen impfe China in erster Linie mit eigenen Impfstoffen, darunter Sinovac, dessen Wirksamkeit aber fraglich sei. In Chile etwa habe man bereits 40% der Menschen zwei Mal geimpft, überwiegend mit Sinovac. Über 60% hätten mindestens eine Impfung erhalten. Man sei so gesehen also weiter als Deutschland (32% bzw. 52%). Dennoch habe die Regierung die Hauptstadt Santiago abgeriegelt, weil die Krankenhäuser aufgrund neuer Coronafälle überlastet seien. Die Siebentagesinzidenz habe sich nicht nachhaltig zurückgebildet und liege über 200 per 100.000 Einwohner.

Die neue Delta-Variante, die jetzt sogar im in weiten Teilen durchgeimpften Israel für wieder steigende Fallzahlen sorge, sei in diesem Zusammenhang ebenfalls ein Risikofaktor für die Funktionsfähigkeit der Lieferketten. Eine neue Pandemiewelle würde allerdings auch das Wirtschaftswachstum dämpfen, woraus sich ein negativer Effekt auf die Inflation ergeben würde.

Im Mai seien in den USA die Konsumentenpreise (CPI) um 5,0% gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Das sei der höchste Preisanstieg seit 2008. Auch die Kernrate der Inflation, die die direkten Preiseffekte von Energie und Lebensmitteln ausschließe, liege mit 3,8% YoY sehr hoch. Um einen derart hohen Wert in der Historie zu sehen, müsse man sogar bis 1992 zurückblicken. Dennoch spreche vieles dafür, dass hier bis zum Beginn des nächsten Jahres eine Beruhigung eintreten werde. Natürlich würden Sondereffekte im Zusammenhang mit Corona eine wichtige Rolle spielen. Allein der 30% YoY-Anstieg der Preise für gebrauchte Autos habe fast einen ganzen Prozentpunkt zur Gesamtinflation beigetragen. Das habe damit zu tun, dass Autovermietungen üblicherweise größere Mengen ihrer älteren Autos am Markt für Gebrauchtwagen anbieten und jetzt stattdessen gebrauchte Autos nachfragen würden.

Da die Autovermieter in der Coronakrise ihre Kapazitäten abgebaut hätten und die Beschaffung von Neuwagen sich aufgrund der Produktionsengpässe in der Autoindustrie verzögere (Stichwort: Computerchips), würden die Autovermieter jetzt als große Käufer auf diesem Markt auftreten. Hier führe also die Kombination von Lieferkettenproblemen mit einem Anstieg der Nachfrage zu außergewöhnlichen Preissteigerungen. Bei Flugtickets sei die Angelegenheit ähnlich gelagert. Hier stoße die wiedererwachte Reiselust der Amerikaner auf Fluggesellschaften, die ihre Kapazitäten nicht so schnell hochfahren könnten. Das liege teilweise daran, dass Piloten während der Coronazeit in den Vorruhestand geschickt worden seien, aufgrund der langen Flugpausen wieder trainiert werden müssten und schweres Wetter im Juni zahlreiche Maschinen am Boden gehalten habe.

Das Beruhigende an diesen Fällen sei, dass es offensichtlich nur eine Frage der Zeit sei, bis sich die Unternehmen an die höhere Nachfrage wieder angepasst hätten. Die jetzt höheren Preise würden den Firmen in jedem Fall einen Anreiz liefern, mit Hochdruck die Engpässe zu beseitigen. Die Analysten würden damit rechnen, dass die Inflation noch bis zum Jahresende auf dem jetzt erhöhten Niveau sich bewegen und dann - auch bedingt durch auslaufende Basiseffekte - deutlich fallen werde, auf etwas höher als 2%.

In der Eurozone sei die Teuerungsrate ebenfalls deutlich gestiegen, liege aber mit 2,0% auf einem deutlich niedrigeren Niveau als in den USA. Neben der Mehrwertsteuererhöhung in Deutschland würden hier Basiseffekte eine wichtige Rolle spielen, die vor allem auf den Energiebereich (also etwa Benzin und Heizöl) zurückzuführen seien. Die Kernrate der Inflation liege nur bei 0,9%.

In dieser moderateren Entwicklung würden sich auch die gegenüber den USA verzögerten Öffnungen der Volkswirtschaften widerspiegeln. Insofern sei durchaus damit zu rechnen, dass in den nächsten Monaten die Inflation in einzelnen Segmenten (Flugtickets, Konzerte, Restaurants) kräftig steige. Die Preise könnten zum Jahresende durchaus 2,5% höher liegen als vor einem Jahr. Dann sollte der Preisauftrieb im Vorjahresvergleich aber wieder deutlich nachlassen. Die Analysten würden eine Inflationsrate im Bereich von 1,6% per Ende 2022 für wahrscheinlich halten.

Vieles spreche dafür, dass der Inflationsanstieg temporärer Natur sei. Sicher sein könne man sich aber nicht. Sollten die Lieferkettenprobleme länger anhalten, etwa, weil neue Angebotsschocks die Weltwirtschaft treffen würden, könnte das Mantra der Zentralbanken ("transitory") an Glaubwürdigkeit verlieren. Und damit stelle sich die Kernfrage für die Notenbanken: Wie lange würden die Anleger ruhig bleiben und wann sei der Zeitpunkt gekommen, wo sie sich Inflationsschutz kaufen würden, in der Form von inflationsgeschützten Anleihen und Derivaten wie etwa Inflationsswaps?

Wenn Letzteres passiere, würden die marktbasierten Inflationserwartungen steigen, die die Notenbanken nicht ignorieren könnten. Im Gegenteil: In der Vergangenheit hätten sie immer wieder die Bedeutung der Inflationserwartungen betont. Der ehemalige EZB-Chef Mario Draghi habe beispielsweise auf die 5-Jahres/5-Jahres Inflationsswaps verwiesen. Sie lägen derzeit bei 1,6% und würden aussagen, welche Inflationsrate die Anleger in fünf Jahren im Durchschnitt der dann folgenden fünf Jahre erwarten würden.

Gefährlich würden die Inflationserwartungen in den USA und der Eurozone vermutlich erst, wenn sie 3% erreichen und auf diesem Niveau bleiben oder gar noch weiter steigen würden. Die Inflationserwartungen seien deswegen so wichtig, weil sie letztlich in die Lohnverhandlungen eingehen würden. Je höher sie seien, desto größer sei die Gefahr, dass ein Lohn-Preis-Spirale ausgelöst werde, da für die Arbeitgeber die Löhne eine Kostenkomponente darstellen würden, die sie versuchen würden an die Konsumenten abzuwälzen. Die Notenbanken würden daher nicht umhinkommen, ihre Geldpolitik zu straffen, um diese Spirale gar nicht erst entstehen zu lassen.

Wie geduldig würden die Anleger und die Arbeitnehmer sein? Wenn in einem halben Jahr die Inflation weiterhin so hoch sei wie heute oder höher, dürften die Inflationserwartungen allmählich wieder steigen. Vermutlich werde diese Dynamik dann aber bald wieder unterbrochen werden, da sich wie oben beschrieben die Lage an der tatsächlichen Inflationsfront im ersten Quartal 2022 beruhigen sollte. In der Breite sei daher nicht mit ungewöhnlich hohen Lohnabschlüssen zu rechnen. Die marktbasierten Inflationserwartungen würden in den nächsten Monaten in jedem Fall stärker in den Fokus rücken. (Ausgabe vom 24.06.2021) (25.06.2021/alc/a/a)