Inflation steigt auch ohne EZB, US-Notenbank vor Zinswende


02.12.15 12:21
GECAM

Wangen (www.anleihencheck.de) - Aktuell freuen sich die Märkte über neue und weitere stimulierende Maßnahmen der europäischen Zentralbank, so Daniel Zindstein, Leiter Portfoliomanagement des Vermögensverwalters GECAM AG.

Eine Zinserhöhung in den USA scheine bereits eingepreist zu sein und könne kaum mehr die positive Stimmung belasten. Damit sei ein ideales Umfeld für Aktien und Unternehmensanleihen gegeben.

Die Fantasie reiche von weiteren Senkungen des Einlagensatzes für Banken von -0,20% auf -0,30%, bis zu einer Ausweitung des Anleihekaufprogramms um 20 oder 40 Milliarden Euro pro Monat. Wer biete mehr? Aber leider komme das Geld nur schleppend in der Realwirtschaft an. Die Investitionstätigkeit der Unternehmen sei sogar zum Teil rückläufig. Die Kreditvergabe schrumpfe zwar nicht weiter, wie über die letzten sieben Jahre, steige aber auch nicht euphorisch an. Und das, obwohl die Zinsen auf historisch beispiellosen Rekord-Niveaus lägen. Darüber hinaus sei die Inflation weit weg von den selbstgesteckten Zielen der EZB von knapp 2%. Sie liege nur etwas über Null.

Lediglich die Konsumausgaben würden in ganz Europa steigen und seien die Hauptstütze der Konjunktur. Wie könne denn das sein? Es drohe doch eine Deflationsspirale, wie die EZB permanent kolportiere, um ihre Gelddruck-Politik zu rechtfertigen. Normalerweise müssten die Menschen doch auf ihrem Geld sitzen, wenn alles in Zukunft billiger werde. Das liege daran, dass die geringen Preissteigerungen auf angebotsseitige Faktoren zurückzuführen seien, vor allem fallende Rohstoffpreise.

Eine derart verursachte Deflation sei positiv, verleihe sie doch der Wirtschaft in rohstoffimportierenden Ländern mittelfristig einen Wachstumsschub und die Konsumenten könnten sich mehr leisten - der Wohlstand steige. In einer negativen wirkenden Deflation hätten die Verbraucher und Unternehmer Zukunftsangst, würden nichts mehr kaufen, in Erwartung einer schlechten Wirtschaftsentwicklung - eine sogenannte Deflationsspirale käme in Gang.

Ganz generell sei es für die Experten nur schwer nachvollziehbar, warum niedrige Preissteigerungsraten schlecht sein sollten für die Wirtschaft. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) habe in diversen Studien beschrieben, dass Phasen sinkender Verbraucherpreise in der Historie gar nicht so schädlich gewesen seien, wie genau die Experten meinen würden, dass mit expansiver Geldpolitik alle Probleme dieser Welt zu lösen seien.

In vielerlei Hinsicht waren, sind und bleiben Inflationsraten im Vergleich zu historischen Phasen tendenziell niedrig, so die Experten von GECAM. Viele Gründe gebe es hierfür anzuführen: Globalisierung und internationale Arbeitsteilung, strukturelle Wandlung der Volkswirtschaften hin zum Tertiären Sektor (Dienstleistungen) und damit verbunden weniger Investitionsbedarf, das Internet als globale Deflationsmaschine, gebremste Wachstumsdynamik durch Flucht in Sicherheit, gelähmte Wirtschaft durch Regulierung der Finanzindustrie, Schrumpfung der Bankbilanzen weltweit (Deleveraging), Ende des Rohstoff-Booms, Demographie in der westlichen Welt und vieles mehr.

Man müsse davon ausgehen, dass eine Zentralbank die nervösen Preisschwankungen bei Energie- und Nahrungsmittelpreisen nicht beeinflussen könne. Daher wäre es logisch sich die Kerninflation anzuschauen, also die Preissteigerungsrate, die von innen aus der eigenen Volkswirtschaft komme und signalisiere, ob es echte Preisspiralen nach oben oder nach unten gebe.

Die Kernrate sei in der Eurozone jedoch letztmals zu Beginn des Jahres 2003 auf das von der EZB favorisierte Niveau angestiegen (bis auf einen kleinen Ausreißer im März 2008). Und auch diese Phasen seien letztendlich einem Anstieg der Energiepreise zu verdanken gewesen. Seit Einführung des Euros betrage die durchschnittliche Kernteuerung 1,5%, für die vergangenen fünf Jahre seien es 1,1%, also ungefähr auf dem aktuellen Niveau.

Weshalb halte die EZB bei so vielen inflationsdämpfenden, strukturellen Gründen unverrückbar an ihrem zu Beginn des Jahrtausends festgelegten Inflationsziel von knapp 2% fest? Brauche es nicht eine Neujustierung dieser absoluten Zahl?

Für die Experten seien die Gründe klar. Die EU-Staaten mit einem Reformstau sollten sich die weiter steigende Staatsverschuldung leisten können, ohne in eine Krise zu geraten. Man müsse Mario Draghi zugutehalten, dass er die Notwendigkeit staatlicher Strukturreformen bei jeder Pressekonferenz mahnend anspreche.

Leider bremse die EZB durch die ständig geschürten Ängste die Zuversicht der Wirtschaft in die Zukunft und - durch die Alimentierung der Staaten - längst notwendige Strukturreformen. Die Folgen seien geringere Investitionen oder Investitionen im außereuropäischen Raum, kaum Haushaltskonsolidierungen der Regierungen und vor allem Vermögenspreisblasen. Mittlerweile befinde sich die Rendite für rund ein Viertel aller Euroland-Staatsanleihen im negativen Bereich. Für deutsche Bundesanleihen bedeute dies Renditen von -0,42% für zweijährige, -0,20% für fünfjährige und nur 0,46% für zehnjährige Papiere.

Gieße man diese Rendite-Niveaus in eine Bewertungskennziffer wie das Kurs/Gewinn-Verhältnis (KGV), so sei diese Zahl für Laufzeiten bis zu sieben Jahren gar nicht mehr rechenbar, da die Renditen negativ seien. Für zehnjährige Anleihen liege das KGV bei sagenhaften 217, d.h. man müsste bei einer heutigen Investition 217 Jahre abwarten, bis sich die Anlage über die Zinsen zurückzahlen würde! Wohlgemerkt ohne Berücksichtigung von Steuern und Inflation. Unzweifelhaft würden sich Staatsanleihen in einer Blase befinden!

Die Krone der Zweifel an der EZB-Politik setze jedoch die Erwartung auf, dass die Inflationsraten im nächsten Jahr allein aufgrund von Basiseffekten ansteigen würden. Im gesamten Euroraum werde die Inflationsrate im Januar dadurch auf unglaubliche 1,5 bis 2% ansteigen. Anschließend dürfte sie nochmal in den Bereich von 0,8% im Frühsommer zurückkommen. Wohlgemerkt treffe dieses Szenario zu, wenn die Preise für Rohstoffe und Lebensmittel auf aktuellem Niveau bleiben würden.

Trete aber im nächsten Jahr eine Bodenbildungsphase im gesamten Rohstoffsektor nach mehrjähriger Baisse ein, mit zum Teil auch kräftigen Zwischenanstiegen, so könnten durchaus temporär kräftige Inflationsschübe zu verzeichnen sein. Im Übrigen mit ein Grund, warum die EZB nur noch jetzt im Dezember das Zeitfenster der sehr niedrigen Inflationsraten nutzen könnte, um weitere Maßnahmen zu ergreifen. Danach fehle wahrscheinlich die Rechtfertigungsgrundlage.

Die Inflationsraten in den USA würden schon jetzt höhere Zinsen rechtfertigen und erst recht im neuen Jahr, denn die oben beschriebenen Basiseffekte würden auch dort wirken. Leider seien aktuell die Konjunkturdaten im Vergleich eher etwas enttäuschend, wenn auch robust. Die Experten würden also von einer Zinserhöhung im Dezember ausgehen und sogar von wenigen weiteren Schritten im nächsten Jahr. Denn durch die Inflationsentwicklung, die in den USA mit hoher Wahrscheinlichkeit Raten von deutlich über 2% erreichen werde, steige der Realzins (Nominalzins minus Inflation) gar nicht an, sondern bleibe sogar negativ.

Das bedeute, unter realer Betrachtung finde gar keine Straffung der Geldpolitik statt. Die Gefahr bestehe darin, dass die Märkte nicht so recht an eine überdurchschnittliche Konjunkturentwicklung und nachhaltige Inflation glauben würden, somit das lange Ende der Zinsstruktur gedrückt halten würden, was die Zinsstrukturkurve verflachen ließe. In der Vergangenheit ein untrügliches Zeichen für eine Abschwächung der Wirtschaft oder sogar einer Rezession. Aber davon seien die Experten noch ein Stück entfernt.

Die Weltwirtschaft werde im nächsten Jahr durchaus robust, wenn nicht sogar stärker wachsen als in diesem Jahr. China steuere kräftig gegen eine größere konjunkturelle Abschwächung, Europa wachse überraschend stabil, wenn auch nicht dynamisch und die USA würden die Wachstumslokomotive bleiben. Selbst die Schwellenländer könnten ihre Talfahrt im nächsten Jahr beenden, mit Rückenwind sich stabilisierender Rohstoffpreise. Würden dann noch, die vor allem deutsche Unternehmen belastenden Wirtschaftssanktionen mit Russland wegfallen, da dieses Land für die Lösung der Krisen im Nahen Osten gebraucht werde, wäre das ein willkommener, zusätzlicher Wachstumsimpuls.

Eine Weltwirtschaft, die in einem moderat inflationären Umfeld bei nach wie vor sehr expansiver Geldpolitik (niedrige Zinsen) weiter wachse, sei ein ideales Umfeld für Aktien und vergleichsweise hoch verzinste Unternehmensanleihen aus der zweiten Reihe (High Yields).

Die Experten würden im Vergleich zu Staatsanleihen bei europäischen Aktien keine Blase sehen, obwohl natürlich auch diese Anlageklasse von der Geldschwemme der EZB profitiere. Zum einen sei ein KGV von 13,5 nicht teuer, vor dem Hintergrund der Rentenmarktblase sogar extrem billig. Zum anderen seien die Experten weit von einer euphorischen Betrachtung der Aktienmärkte durch die Marktteilnehmer entfernt.

Erfahrungsgemäß würden Investoren Aktien erst bei einem KGV zwischen 15 und 20 positive bis großartige Zukunftsperspektiven zubilligen, seien also euphorisch und somit etwas blauäugig. Aktuell herrsche eher Angst und Skepsis vor, obwohl die Indices steigen würden. Aus Sicht der Experten bestehe somit weiter Aufwertungspotenzial für Aktien bis in die oben genannten Bereiche. Davor bestehe kein Verkaufsgrund.

Anleger sollten sich jedoch nicht täuschen lassen. Es sind weiter starke Nerven gefragt, damit mit der heftigen Volatilität, die uns auch 2016 ganz sicher erhalten bleiben wird, umgegangen werden kann, so die Experten von GECAM. Wilde und widersprüchliche Zentralbankäußerungen, die Eurokrise, Flüchtlingsströme, Kriegstreiberei im Nahen Osten und viele Dinge, die man sich heute noch gar nicht vorstellen könne, würden die Gründe sein. Vor diesem Hintergrund seien Krisen jedoch Kaufgelegenheiten, eine Lernkurve, die hoffentlich viele bereits verinnerlicht hätten. (02.12.2015/alc/a/a)