Erweiterte Funktionen
Inflation oder "nur" relative Preisänderungen?
20.05.21 10:30
Degroof Petercam
Brüssel (www.anleihencheck.de) - Die am Mittwoch, den 11. Mai, veröffentlichten 4,2% auf Jahresbasis für den US-Verbraucherpreisindex haben die Inflationsdebatte auf ein neues Niveau gehoben, so Peter De Coensel, CIO Fixed Income bei Degroof Petercam Asset Management (DPAM).
Er wolle aber die Diskussion versachlichen, indem er sich mit dem wichtigen Unterschied zwischen Änderungen der relativen Preise und echter Inflation befasse.
Wie im Jahr 2008 würden die Behauptungen einer hinterherhinkenden US-Notenbank an Zugkraft gewinnen. Die Aufrechterhaltung der Preisstabilität sei ein vorrangiges Ziel der FED. Im März 2020 habe sie die Zinsen auf null gesenkt und ein aggressives Ankaufprogramm für Vermögenswerte gestartet, um einen deflationären Schock zu verhindern. Bei einem deflationären Schock würden die Preise für Waren und Dienstleistungen sowie die Einkommens- und Gehaltsniveaus sinken. Die erste Reaktion der FED sei also notwendig und maßvoll gewesen, als die Weltwirtschaft buchstäblich zum Stillstand gekommen sei. Etwa 15 Monate später hoffe die Welt, dass die Massenimpfung das Rückgrat der Pandemie gebrochen habe. Sich wieder öffnende Volkswirtschaften würden eine höhere Volatilität in den Wirtschaftsindikatoren auslösen. Die offiziellen Inflationsdaten würden keine Ausnahme bilden.
Zentralbanken hätten keine Macht bei der Bekämpfung von relativen Preisänderungen. Allerdings könnten sie die Inflation kontrollieren. Diese beziehe sich auf den Rückgang der Kaufkraft des Geldes, wenn eine Zentralbank mehr Geld schaffe als die Öffentlichkeit halten wolle. Inflation manifestierte sich, wenn alle Preise und Löhne zusammen steigen würden. Inflationswachstum manifestiere sich in dem Moment, in dem die Zentralbanken die Geldmenge in einer übergroßen UND anhaltenden Weise über das nominale BIP-Wachstum hinaus ausweiten würden. Der Begriff "anhaltend" sei dabei der Schlüssel, "Quantitative Easing" könne und sollte nicht ständig verwendet werden. Wir würden beobachten, dass das globale Geldmengenwachstum genau in diesem Moment die Trendwende geschafft habe. Der größte Beitrag zum Inflationsanstieg auf Monatsbasis von 0,8% in der vergangenen Woche sei auf steigende Preise (+10,1%) für gebrauchte Autos zurückzuführen gewesen, die 0,35% ausgemacht hätten. Weitere Preiserhöhungen seien im Einzelnen bei Hotelübernachtungen (+7,6%) und Flugtickets (+10,2%) zu beobachten gewesen. De Coensel möchte daher betonen, dass eine isolierte Betrachtung von Inflation in Bezug auf Reisen, Öl, Lohn oder Wohnen ein Trugschluss sei.
Ungeachtet dessen seien die Wirtschaftsakteure besorgt. Wir müssten uns auf die Geschwindigkeit konzentrieren, mit der sich der reflationäre monetäre Impuls auf Löhne und Preise auswirke. Die Höhe des Spielraums und die Erwartungen der Menschen seien zwei starke Transmissionsfaktoren. Letzten Freitag hätten wir erfahren, dass die Kapazitätsauslastung in den USA auf 74,9% gesunken sei. Vor zwei Wochen hätten wir eine stabile Erwerbsbeteiligung, einen überraschenden Anstieg der Arbeitslosenquote und enttäuschende monatliche Lohnsummen vorgefunden. Die jüngsten Umfragen zu den Inflationserwartungen des Michigan-Instituts würden eine gewisse Besorgnis in der Öffentlichkeit zeigen, da die 1-Jahres- und längerfristigen 5- bis 10-Jahres-Inflationserwartungen in Richtung 4,6% bzw. 3,1% gestiegen seien. Dies könnte durch die Verwechslung von relativem Preisdruck und Inflation beeinflusst sein. Effektiv seien relative Preisänderungen kein monetäres Phänomen. Sie würden sich als Ergebnis von Preisanpassungen auswirken, die durch Ungleichgewichte zwischen Angebot und Nachfrage ausgelöst würden. Relative Preisänderungen vermitteln Informationen über die Knappheit bestimmter Güter und Dienstleistungen, die eine effiziente Allokation von Ressourcen in marktbasierten Wirtschaftssystemen antreiben würden. Die Inflation als solche gebe keine nützlichen Informationen über unsere Konsum-, Produktions- oder Arbeitsmarktoptionen. Außerdem könnten die Ergebnisse negativ überraschen, wenn Entscheidungen auf der Grundlage eines schlechten Verständnisses des Unterschieds zwischen Inflation und relativen Preisen getroffen würden.
Bis zu einem gewissen Grad sei die Abwertung des US-Dollars ein weiterer Faktor, der die relativen Preise vieler Produkte und Dienstleistungen nach oben drücke. Eine Abwertung des Greenbacks erhöhe den Dollarpreis von in die USA importierten Waren und senke umgekehrt den Fremdwährungspreis aller USD-Güter, die in den USA oder außerhalb der USA produziert würden. Eine Dollarabwertung verringere zudem die Kaufkraft von Rohstoffexporteuren in Nicht-USD-Währungen. Wenn die Preissetzungsmacht auf ihrer Seite sei (man denke an die OPEC-Länder), könnte der Dollarverfall sie dazu veranlassen, ihre Gewinnmargen zu erhöhen, was die USD-Preise der weltweit gehandelten Rohstoffe noch mehr unter Druck setze. Dieser Prozess vollziehe sich heute vor unseren Augen, sei aber kein Grund, eine strukturell höhere Inflation zu erwarten. Andererseits könnte eine Dollarabschwächung ein Zeichen für eine US-Inflation sein, wenn die FED im Vergleich zu anderen Zentralbanken eine übermäßige Geldmenge schaffe. Das sei heute nicht der Fall. Die EZB sowie die Zentralbanken Englands, Japans, Kanadas oder der Schweiz.... sie alle würden das Pedal bis zum Anschlag durchdrücken. Das Herumbasteln an quantitativen Programmen sei dabei nicht von Bedeutung.
Wir seien uns bewusst, dass sich die US-Finanzmärkte erneut auf eine Periode überdurchschnittlicher Inflation einstellen würden. Wir würden beobachten, dass diese Märkte nicht auf den Trugschluss hereinfallen würden, relativen Preisdruck und Inflation zu verwechseln. Die 10-jährigen US-Inflationserwartungen (d.h. 10-jährige US-TIPS) würden die US-Verbraucherpreis-Inflation auf Jahressicht im Durchschnitt bei 2,54% sehen. Für die nächsten 5 Jahre erwarte der Markt eine annualisierte Inflation von 2,71%. Das neu geschaffene FED-Politikinstrument Average Inflation Targeting (AIT) sei eingepreist! Auch wenn man die 2-Jahres-Inflation annualisiert einpreise und den Basiseffekt aufgrund des deflationären Schocks von 2020 herauslasse, komme man auf einen Inflationswert von ca. 2,2%: Das AIT liege also genau auf Kurs. Die Preisbildung erfolge auf Kosten tief negativer Realrenditen und sich konsolidierender Nominalrenditen.
Auf dieser Seite des Atlantiks hätten wir weniger Grund zum Jubeln. Die deutschen Inflationserwartungen haben sich auf 1,44% über einen 10-Jahres-Horizont normalisiert und lägen damit immer noch deutlich unter 2%. Noch beunruhigender sei jedoch, dass die 5-Jahres- und 2-Jahres-Inflationserwartungen bei 1,35% bzw. schwachen 1,02% verharren würden. In der Tat drohe der EU nach wie vor ein japanisches Szenario. Zu allem Übel sei der erstarkende Euro ein schlechtes Omen. Sobald die Basiseffekte nachlassen würden und die EZB den Inflationspfad über ihren Projektionshorizont nicht in Richtung 2,00% anpassen könne, würden die Märkte europäischen inflationsgebundenen Anleihen nicht wohlgesonnen sein. (20.05.2021/alc/a/a)
Er wolle aber die Diskussion versachlichen, indem er sich mit dem wichtigen Unterschied zwischen Änderungen der relativen Preise und echter Inflation befasse.
Wie im Jahr 2008 würden die Behauptungen einer hinterherhinkenden US-Notenbank an Zugkraft gewinnen. Die Aufrechterhaltung der Preisstabilität sei ein vorrangiges Ziel der FED. Im März 2020 habe sie die Zinsen auf null gesenkt und ein aggressives Ankaufprogramm für Vermögenswerte gestartet, um einen deflationären Schock zu verhindern. Bei einem deflationären Schock würden die Preise für Waren und Dienstleistungen sowie die Einkommens- und Gehaltsniveaus sinken. Die erste Reaktion der FED sei also notwendig und maßvoll gewesen, als die Weltwirtschaft buchstäblich zum Stillstand gekommen sei. Etwa 15 Monate später hoffe die Welt, dass die Massenimpfung das Rückgrat der Pandemie gebrochen habe. Sich wieder öffnende Volkswirtschaften würden eine höhere Volatilität in den Wirtschaftsindikatoren auslösen. Die offiziellen Inflationsdaten würden keine Ausnahme bilden.
Ungeachtet dessen seien die Wirtschaftsakteure besorgt. Wir müssten uns auf die Geschwindigkeit konzentrieren, mit der sich der reflationäre monetäre Impuls auf Löhne und Preise auswirke. Die Höhe des Spielraums und die Erwartungen der Menschen seien zwei starke Transmissionsfaktoren. Letzten Freitag hätten wir erfahren, dass die Kapazitätsauslastung in den USA auf 74,9% gesunken sei. Vor zwei Wochen hätten wir eine stabile Erwerbsbeteiligung, einen überraschenden Anstieg der Arbeitslosenquote und enttäuschende monatliche Lohnsummen vorgefunden. Die jüngsten Umfragen zu den Inflationserwartungen des Michigan-Instituts würden eine gewisse Besorgnis in der Öffentlichkeit zeigen, da die 1-Jahres- und längerfristigen 5- bis 10-Jahres-Inflationserwartungen in Richtung 4,6% bzw. 3,1% gestiegen seien. Dies könnte durch die Verwechslung von relativem Preisdruck und Inflation beeinflusst sein. Effektiv seien relative Preisänderungen kein monetäres Phänomen. Sie würden sich als Ergebnis von Preisanpassungen auswirken, die durch Ungleichgewichte zwischen Angebot und Nachfrage ausgelöst würden. Relative Preisänderungen vermitteln Informationen über die Knappheit bestimmter Güter und Dienstleistungen, die eine effiziente Allokation von Ressourcen in marktbasierten Wirtschaftssystemen antreiben würden. Die Inflation als solche gebe keine nützlichen Informationen über unsere Konsum-, Produktions- oder Arbeitsmarktoptionen. Außerdem könnten die Ergebnisse negativ überraschen, wenn Entscheidungen auf der Grundlage eines schlechten Verständnisses des Unterschieds zwischen Inflation und relativen Preisen getroffen würden.
Bis zu einem gewissen Grad sei die Abwertung des US-Dollars ein weiterer Faktor, der die relativen Preise vieler Produkte und Dienstleistungen nach oben drücke. Eine Abwertung des Greenbacks erhöhe den Dollarpreis von in die USA importierten Waren und senke umgekehrt den Fremdwährungspreis aller USD-Güter, die in den USA oder außerhalb der USA produziert würden. Eine Dollarabwertung verringere zudem die Kaufkraft von Rohstoffexporteuren in Nicht-USD-Währungen. Wenn die Preissetzungsmacht auf ihrer Seite sei (man denke an die OPEC-Länder), könnte der Dollarverfall sie dazu veranlassen, ihre Gewinnmargen zu erhöhen, was die USD-Preise der weltweit gehandelten Rohstoffe noch mehr unter Druck setze. Dieser Prozess vollziehe sich heute vor unseren Augen, sei aber kein Grund, eine strukturell höhere Inflation zu erwarten. Andererseits könnte eine Dollarabschwächung ein Zeichen für eine US-Inflation sein, wenn die FED im Vergleich zu anderen Zentralbanken eine übermäßige Geldmenge schaffe. Das sei heute nicht der Fall. Die EZB sowie die Zentralbanken Englands, Japans, Kanadas oder der Schweiz.... sie alle würden das Pedal bis zum Anschlag durchdrücken. Das Herumbasteln an quantitativen Programmen sei dabei nicht von Bedeutung.
Wir seien uns bewusst, dass sich die US-Finanzmärkte erneut auf eine Periode überdurchschnittlicher Inflation einstellen würden. Wir würden beobachten, dass diese Märkte nicht auf den Trugschluss hereinfallen würden, relativen Preisdruck und Inflation zu verwechseln. Die 10-jährigen US-Inflationserwartungen (d.h. 10-jährige US-TIPS) würden die US-Verbraucherpreis-Inflation auf Jahressicht im Durchschnitt bei 2,54% sehen. Für die nächsten 5 Jahre erwarte der Markt eine annualisierte Inflation von 2,71%. Das neu geschaffene FED-Politikinstrument Average Inflation Targeting (AIT) sei eingepreist! Auch wenn man die 2-Jahres-Inflation annualisiert einpreise und den Basiseffekt aufgrund des deflationären Schocks von 2020 herauslasse, komme man auf einen Inflationswert von ca. 2,2%: Das AIT liege also genau auf Kurs. Die Preisbildung erfolge auf Kosten tief negativer Realrenditen und sich konsolidierender Nominalrenditen.
Auf dieser Seite des Atlantiks hätten wir weniger Grund zum Jubeln. Die deutschen Inflationserwartungen haben sich auf 1,44% über einen 10-Jahres-Horizont normalisiert und lägen damit immer noch deutlich unter 2%. Noch beunruhigender sei jedoch, dass die 5-Jahres- und 2-Jahres-Inflationserwartungen bei 1,35% bzw. schwachen 1,02% verharren würden. In der Tat drohe der EU nach wie vor ein japanisches Szenario. Zu allem Übel sei der erstarkende Euro ein schlechtes Omen. Sobald die Basiseffekte nachlassen würden und die EZB den Inflationspfad über ihren Projektionshorizont nicht in Richtung 2,00% anpassen könne, würden die Märkte europäischen inflationsgebundenen Anleihen nicht wohlgesonnen sein. (20.05.2021/alc/a/a)
Aktuelle Kursinformationen mehr >
| Kurs | Vortag | Veränderung | Datum/Zeit | |
| 2,70 % | 1,90 % | 0,80 % | +42,11% | 27.03./22:00 |
| ISIN | WKN | Jahreshoch | Jahrestief | |
| 2,70 % | 1,80 % | |||


