Inflation: Hektik macht sich nicht bezahlt


03.02.17 10:22
HSH Nordbank AG

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Hurra, die Europäische Zentralbank (EZB) hat ihr Inflationsziel erreicht, so die Analysten der HSH Nordbank AG.

Also könne die EZB jetzt unverzüglich beginnen, die Zinsen wieder anzuheben und aus dem Programm der Anleiheankäufe auszusteigen. Oder vielleicht doch nicht?

Die Fakten seien klar: Die Teuerungsrate habe im Januar bei 1,8% gelegen und damit dem offiziellen Ziel von "nahe, aber unterhalb von 2%" entsprochen. So weit, so gut. Ein Blick auf die Kernrate der Inflation, die die Preisentwicklung von Energie und Lebensmitteln ausschließe und bei 0,9% verharrt habe, zeige jedoch, woher der Anstieg des Inflationsindex gekommen sei: Von den Ölpreisen. So hätten diese im Januar etwa 80% über dem Niveau des Vorjahres gelegen. Das schlage natürlich auf die Inflationsrate durch, u.a. aufgrund der höheren Treibstoff- und Heizölpreise.

Gehe man davon aus, dass die Ölpreise über den restlichen Jahresverlauf einen Seitwärtstrend einschlagen würden, dann werde der Preis für das schwarze Gold im zweiten Halbjahr nur noch etwa 15% über dem Vorjahr liegen und sich damit lediglich geringfügig im Gesamtpreisindex bemerkbar machen. Entsprechend werde die Inflation am Ende dieses Jahres wieder deutlich unter die 2%-Marke fallen. Das Inflationsziel sei also keineswegs dauerhaft erreicht.

Vor diesem Hintergrund wäre es eher schädlich, jetzt einen überstürzten Kurswechsel einzuleiten und - wie von einigen Marktbeobachtern gefordert - bereits in diesem Jahr mit dem Tapering zu beginnen und am besten auch noch den Leitzins anzuheben. Dies gelte auch vor dem Hintergrund eines politisch fragilen Umfelds, das sich mit den Wahlen in den Niederlanden und Frankreich in schweren Turbulenzen äußern könne. Eine unerwartete Straffung der Geldpolitik würde die Gefahr von Kursstürzen an den Börsen nur noch erhöhen. Da sei es gut, wenn die EZB Ruhe ausstrahle und Hektik vermeide.

Das heiße nicht, dass die Geldpolitik der europäischen Notenbank in den vergangenen Jahren vorbildlich gewesen sei, ganz im Gegenteil. Aber die zahlreichen Kinder - das Trockenlegen der meisten Anleihemärkte über massive Ankaufprogramme, die Besteuerung des Bankensektors durch negative Einlagenzinsen, die Verzerrung der Kapitalallokation, etc. - seien bereits in den Brunnen gefallen. Mit diesen Fehlern müsse man jetzt leben und einen vorsichtigen Ausstieg aus der ultraexpansiven Geldpolitik vorbereiten. Dieser sollte im Jahr 2018 mit einem Tapering starten und im Laufe des Jahres 2018 wären auch erste Zinserhöhungen zu begrüßen, wenn die wirtschaftlichen Bedingungen dies erlauben würden. Danach sehe es durchaus aus, denn die Outputlücke (die Differenz zwischen dem potenziellem BIP und dem tatsächlichen BIP) sei in den letzten Jahren deutlich kleiner geworden, sodass es allmählich auch zu einem nachhaltigen Inflationsanstieg kommen sollte.

Reiße man jetzt jedoch das Ruder entgegen den bisherigen Ankündigungen herum, würden der Euro stark aufwerten, die Zinsen auch am langen Ende kräftig steigen und der Aufschwung in der Eurozone gefährdet. Die Anleger, die sich über den Notstand bei der Suche nach Rendite beklagen würden, sollten lieber noch etwas Geduld haben anstatt auf Zinserhöhungen zu drängen. Denn würde die EZB diesem Druck nachgeben und die Leitzinsen anheben, wäre das Ergebnis vermutlich nur ein kurzes Hurra, dem ein neuer langer Kater folge. (Ausgabe vom 02.02.2017) (03.02.2017/alc/a/a)