Inflation: Flossbachs Kernthesen - und die Folgen für seine Strategie


17.04.23 13:00
FONDS professionell

Wien (www.anleihencheck.de) - Wohin entwickeln sich die Teuerungsraten? Wie reagieren die Notenbanken darauf? Und was bedeutet das für die Geldanlage? Bert Flossbach verrät, welches Szenario er und seine Kollegen aktuell als am wahrscheinlichsten erachten und wie sie ihre Portfolios darauf ausrichten, berichten die Experten von "FONDS professionell".

Die Zinswende, ausgelöst durch die rasch steigende Inflation, sei die große Zäsur des Börsenjahres 2022 gewesen. Wer in naher Zukunft erfolgreich investieren möchte, sollte daher zumindest eine grobe Vorstellung davon haben, wie sich die Teuerungsraten und die Leitzinsen entwickeln würden. Kein Wunder also, dass auch Bert Flossbach und seine 300 Kollegen vom Asset Manager Flossbach von Storch mögliche Szenarien diskutieren würden, würden sie mittlerweile doch Portfolios im Wert von rund 70 Milliarden Euro für Privatanleger und institutionelle Investoren verantworten.

In seinem soeben erschienenen Kapitalmarktbericht skizziere der Vermögensverwalter daher mehrere mögliche Szenarien für die Inflationsentwicklung und die Reaktion der Notenbanken. Am wahrscheinlichsten erscheine es den Finanzprofis, dass die Inflation zwar ihren Höhepunkt überschritten habe, sich aber als hartnäckig erweise: "Der Rückgang der Energiepreise endet. Die Löhne steigen weiter deutlich an, und die Kerninflation bleibt über vier Prozent. Die Notenbanken erhöhen die Zinsen weiter, wenngleich nur noch in kleinen Schritten", umschreibe Flossbach dieses Szenario. In den USA rechne der Vermögensverwalter mit einem Leitzins von 5,25 bis maximal sechs Prozent, in der Eurozone mit einem EZB-Einlagenzins von maximal vier Prozent.

"Der demografisch bedingte Arbeitskräftemangel, teure Umweltauflagen und Energieabgaben treiben die Kosten und Konsumentenpreise. Das Zwei-Prozent-Ziel der Notenbanken rückt in weite Ferne", erläutere Flossbach seine Arbeitshypothese weiter. "Die Notenbanken bitten um Geduld. Ihre Glaubwürdigkeit leidet. Arbeitnehmer, Konsumenten, Gewerkschaften und Unternehmen richten sich zunehmend auf dauerhaft höhere Inflationsraten ein." Daraus würden sich seiner Meinung nach drei Kernthesen und vier Implikationen für die Anlagestrategie ergeben:

Erste Kernthese für die Anlagestrategie: "Die Inflation wird noch längere Zeit deutlich über zwei Prozent liegen, auch wenn die Wirtschaft durch höhere Zinsen und eine restriktivere Kreditvergabe der Banken an Dynamik verlieren könnte", ist Flossbach überzeugt.

Zweite Kernthese für die Anlagestrategie: "Der Spielraum der Notenbanken für weitere Zinserhöhungen ist begrenzt", so der Portfoliomanager. "Aus dem Dilemma von Inflationsbekämpfung und Wirtschaftswachstum ist ein Trilemma geworden, da die Stabilität des Finanzsystems im Falle weiterer Zinserhöhungen zunehmend in Gefahr gerät."

Dritte Kernthese für die Anlagestrategie: "Sollte es zu weiteren Turbulenzen im Bankensystem kommen, müssen die Notenbanken Abstriche bei der Inflationsbekämpfung machen", erwarte Flossbach. "Um ihre Glaubwürdigkeit als Verteidiger der Geldwertstabilität zu wahren, könnten sie ihren Politikwechsel als "temporär" bezeichnen und eine Rückkehr zur Inflationsbekämpfung in Aussicht stellen."

Aus diesen drei Kernthesen leite das Team um Flossbach vier Implikationen für die Anlagestrategie ab:

Erste Implikation für die Anlagestrategie: Diversifikation - "Ein signifikanter Anteil des liquiden Vermögens sollte in Sachwerten wie Aktien und Gold investiert sein", rate Flossbach.

Zweite Implikation für die Anlagestrategie: Qualität - "Um einen Schutz vor Inflation und die Aussicht auf reale Wertsteigerungen zu bieten, ist die Qualität der Unternehmen von besonderer Bedeutung", so Flossbach. Hierunter verstehe der Vermögensverwalter zukunftsträchtige, profitable Geschäftsmodelle mit möglichst sicheren und "inflationsgeschützten" Cash-Flows. "Eine solide Bilanz, das heißt eine im Verhältnis zur Ertragsstabilität angemessene Verschuldung oder gar Nettokasse macht Unternehmen resilient gegenüber möglichen Krisen des Finanzsystems und einer restriktiveren Kreditvergabe der Banken."

Dritte Implikation für die Anlagestrategie: Flexibilität und Solvenz - "Kurzlaufende Anleihen höchster Bonität mit Renditen von drei Prozent in Euro und über vier Prozent in US-Dollar garantieren zwar keinen langfristigen Inflationsausgleich, sind aber eine sichere und flexible Parkposition, die zur Nutzung von Opportunitäten herangezogen werden kann", meine der Milliardenmanager.

Vierte Implikation für die Anlagestrategie: Opportunitäten - "Sowohl bei Anleihen als auch bei Aktien ergeben sich immer wieder Sondersituationen mit einem temporär überdurchschnittlichen Verhältnis von Ertrag zu Risiko", betone Flossbach. Im Anleihebereich nenne er als aktuelles Beispiel Hybridanleihen guter Bonität mit Renditen von über sechs Prozent. Mit Blick auf Aktien erwähne er Titel, die von Übernahmeangeboten profitieren würden, und Aktien, die nach einer Ertragsdelle stark gefallen seien, aber zu alter Ertragsstärke zurückkehren dürften. (17.04.2023/alc/a/a)