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Indien: Notenbank dämpft Zinssenkungserwartungen


15.01.24 09:26
DekaBank

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Nach der Veröffentlichung überraschend starker Daten zum Bruttoinlandsprodukt haben Ton und Inhalt des Sitzungsprotokolls zum vergangenen Zinsentscheid möglichen Zinssenkungserwartungen in Indien einen weiteren Dämpfer versetzt, so die Analysten der DekaBank.

Die Währungshüter hätten sich zum einen sehr zuversichtlich hinsichtlich der Robustheit der indischen Wirtschaft gezeigt. Zum anderen seien sie mit der Inflationsentwicklung keineswegs zufrieden. Die Preiszahlen für November seien erst nach der Sitzung veröffentlicht worden, doch sie würden den vorsichtigen Tonfall bestätigen. Die Inflationsrate sei von 4,9% auf 5,6% gestiegen und habe damit nur noch knapp unter dem oberen Rand des Toleranzbands gelegen, das bei 2% bis 6% liege.

Die Notenbank habe erneut darauf hingewiesen, dass der eigentliche Zielwert bei 4% liege. Sie sorge sich beim Ausblick vor allem um die hohe Volatilität der Nahrungsmittelpreise, die durch das Klimaphänomen El Niño in den kommenden Monaten hochgehalten werden könnte. Dies könnte in der Folge zu einem Anstieg der Inflationserwartungen führen, was die Währungshüter vermeiden möchten. Es erscheine daher wahrscheinlich, dass die erste Zinssenkung in Indien erst im dritten Quartal dieses Jahres erfolge.

Aufgrund der strukturellen Abschwächung des Wirtschaftswachstums in China werde Indien mit hoher Wahrscheinlichkeit in den kommenden zehn Jahren die wachstumsstärkste große Volkswirtschaft weltweit sein und damit immer mehr in den Fokus von Investoren rücken. In einer Phase, in der Unternehmen stärker um Diversifizierung ihrer Lieferketten bemüht seien, werde Indien als Produktions-standort zumindest verstärkt geprüft. Die Größe des indischen Marktes mache das Land auch als Absatzmarkt attraktiv. Die Regierung gelte als wirtschaftsfreundlich und dürfte bei den Wahlen 2024 für weitere fünf Jahre im Amt bestätigt werden. Doch seien auch in der Vergangenheit immer wieder Hoffnungen mit der indischen Wirtschaftsentwicklung verbunden worden, die dann enttäuscht worden seien.

Indien bleibe ein schwieriger Standort für Produktion und sei nach Einschätzung der Analysten weit davon entfernt, in den kommenden zehn Jahren die Rolle einzunehmen, die China in den vergangenen 20 Jahren für die Weltwirtschaft gespielt habe. In Indien fehle es in der Breite an gut ausgebildeten Arbeitskräften und an einer ausreichend ausgebauten Infrastruktur, auch wenn sich die Regierung verstärkt um Transportwege und Stromkapazitäten bemühe. Auch die Bürokratie sei weiterhin ein Bremsklotz für unternehmerische Aktivität.

Zudem sei es für viele Unternehmen wichtig, ein gutes Netz an Zulieferern um sich zu haben. Dieses Netz gebe es in vielen Branchen in Indien nicht in ausreichender Qualität. Angesichts fundamentaler Schwächen würden mittelfristig Wachstumsraten von deutlich mehr als 7% eher optimistisch erscheinen. Höhere Raten über einen längeren Zeitraum wären aber nicht nur zur Schaffung der benötigten Arbeitsplätze für die schnell wachsende Bevölkerung notwendig. Sie wären auch die Voraussetzung, damit Indien die wirtschaftliche Größe erreiche, um zum Motor der Weltwirtschaft werden zu können. Problematisch sei zudem die innenpolitische Tendenz zur Einschränkung der Rechte der Muslime und zunehmender Übergriffe auf Journalisten und Oppositionspolitiker.

Alle drei großen Ratingagenturen würden Indien mit Baa3/BBB- auf der untersten Stufe des Investment-Grade-Bereichs einstufen. Der Ausblick stehe bei allen Agenturen auf stabil. Einer der Schwachpunkte im Bonitätsprofil seien die Staatsfinanzen. Das öffentliche Defizit unter Einrechnung der Bundesstaaten dürfte 2023 bei rund 9% des BIP liegen. Ein weiterer Schwachpunkt sei das fortgesetzte Leistungsbilanzdefizit. Pluspunkte seien die geringe Auslandsverschuldung sowie die gute Ausstattung mit Währungsreserven. (Ausgabe vom 12.01.2024) (15.01.2024/alc/a/a)