Erweiterte Funktionen

Hoffnung auf richtige Zinsen keimt auf


05.03.21 11:30
Weberbank

Berlin (www.anleihencheck.de) - In den letzten Wochen konnten wir ein Aufkeimen der Hoffnung beobachten, dass wir eines Tages mal wieder so etwas wie richtige Zinsen bekommen könnten, so Jens Herdack, CEFA, CIIA bei der Weberbank.

"Ach, Anleiherenditen können auch positiv sein?" Dieser Satz sei schon mit einer gehörigen Portion Sarkasmus ausgestattet. Aber schaue man sich das Zinsumfeld einmal genauer an, so sei es noch vor wenigen Wochen tatsächlich so gewesen, dass die Renditen von ca. einem Drittel aller global existierenden Staats- und Unternehmensanleihen negativ gewesen seien. Das habe Anleihen im Gegenwert von 13,6 Billionen US-Dollar entsprochen. Jüngst sei jedoch Hoffnung aufgekeimt. Mit besseren Wachstumsschätzungen für die USA hätten auch die Renditen von US-Staatspapieren begonnen deutlich zu steigen. So würden 10-jährige Papiere dort inzwischen wieder mit gut 1,4 Prozent rentieren. Dieser Renditeanstieg habe allerdings vice versa auch seine Auswirkungen auf die Kurse der Rentenpapiere gehabt. So hätten Anleger mit 10-jährigen US-Staatsanleihen seit Jahresbeginn schon knapp über 3 Prozent an Kurswert verloren - oder anders ausgedrückt: die Zinserträge von zwei Kalenderjahren auf Basis des aktuell erreichten Renditeniveaus.

Die US-Notenbank habe die Zinsanstiege ohne verbale Intervention zugelassen. Ihr europäisches Pendant, die Europäischen Zentralbank (EZB), habe hingegen erstaunlich schnell auf den Renditeanstieg reagiert. So habe sie sich sofort genötigt gesehen, verbal zu intervenieren und gleichzeitig mit erhöhten Anleihekäufen auch direkt in den Markt einzugreifen. Rentenanleger könnten da nur den Kopf schütteln, denn objektiv gesehen würden selbst nach dem Renditeanstieg nur Bundesanleihen mit über 20-jähriger Laufzeit eine Rendite über Null ausweisen. Wobei es selbst die 30-jährigen Papiere nur auf 0,2 Prozent Jahresrendite bringen würden. Doch im Vergleich zum Jahresanfang, als noch alle deutschen Staatsanleihen, gleich welcher Laufzeit, deutlich negativ rentiert hätten, sei die Bewegung durchaus bemerkenswert gewesen.

Bedeute das aber im Umkehrschluss, dass sich Anleger nun auf dauerhaft steigende Renditen und neue Investitionsmöglichkeiten freuen könnten? Wohl eher nicht. Denn schaue man auf die sehr schnelle Reaktion der EZB, so werde klar, dass diese einen deutlicheren Renditeanstieg nicht zulassen möchte. Zwar dürfte ein zwischenzeitlicher Inflationsanstieg kommen, der sich allein aufgrund von Basiseffekten einstellen werde, da sich die Teuerungsrate nun mit den extrem niedrigen Vergleichswerten des letzten Jahres aufgrund des massiven Ölpreisrückganges vergleiche. Aber ein längerfristig steigender Verbraucherpreisindex über das Zielniveau der EZB von zwei Prozent hinaus sei eher unwahrscheinlich und das gelte damit auch für deutlich steigende Renditen.

In den USA könnten wir hingegen durchaus noch weitere Renditeanstiege sehen, da die dortige Zentralbank mit weniger strukturellen Schwierigkeiten zu kämpfen habe als die EZB, die immer noch mit den Nachwehen der europäischen Staatsschuldenkrise und damit gegen steigende Zinsen kämpfe.

Die Aktienmärkte würden wie der US-Rentenmarkt eine breit angelegte Erholung des globalen Wachstums im Zuge der fortschreitenden Corona-Impfungen spielen. Dabei werde durch die aktuell weiter von Einschränkungen der Bewegungsfreiheit und schleppend voranschreitenden Impfquoten in der EU charakterisierte Situation hindurchgesehen. Der sogenannte "Reflation-Trade", also das Setzen auf Unternehmen, die sich im Umfeld einer wieder aufkeimenden Inflation besonders gut entwickeln könnten, habe zuletzt im Vordergrund gestanden. Wobei das Wort Reflation - also das Wiederaufkommen von Inflation - eigentlich falsch gewählt sei. Denn der Markt erwarte gar nicht so sehr ein deutliches Ansteigen der Inflation als vielmehr ein deutliches Ansteigen des volkswirtschaftlichen Wachstums. Und mithin hätten zuletzt Branchen wie der Energiesektor, Finanzwerte aber natürlich auch der Reisesektor ganz oben auf den Kurstafeln gestanden.

Auch die Aktien von Unternehmen mit kleinerer Marktkapitalisierung hätten sich sehr gut entwickeln können. Die Experten der Weberbank reagieren in den von ihnen betreuten Portfolios auf die bevorstehende Wachstumserholung ebenfalls mit Anpassungen. Einerseits würden sie glauben, dass die strukturellen Gewinner vor der Pandemie auch die langfristigen Gewinner nach der Pandemie sein würden und sich somit Technologieunternehmen weiter sehr gut entwickeln würden. Andererseits würden sie es für angebracht halten, auch wieder stärker in Sektoren zu investieren, die von einer bevorstehenden Post-Corona Erholung profitieren könnten. Auch hätten sie jüngst ihr Engagement in Unternehmen mit kleinerer Marktkapitalisierung weiter erhöht. Technologieunternehmen, die in den letzten Monaten sehr starke Kursanstiege verzeichnet hätten, hätten hingegen zuletzt Kurskorrekturen hinnehmen müssen. (05.03.2021/alc/a/a)