Höhere Steuern oder mehr Inflation - wie wirkt das US-Wahlergebnis auf die Märkte?


29.10.24 11:24
Degroof Petercam

Brüssel (www.anleihencheck.de) - Was würde ein Wahlsieg von Kamala Harris für die Märkte bedeuten, fragen die Experten von Degroof Petercam Asset Management (DPAM).

Welche Anlageklassen könnten profitieren? Und wie sehe es im umgekehrten Fall aus? Bruno Lamoral, Portfoliomanager bei DPAM, schätze die Lage ein.

Gewinne Kamala Harris, dürfte sie es mit einem geteilten Kongress zu tun bekommen. Die Märkte würden das gerne sehen, da nur geringfügige Änderungen der bestehenden Wirtschaftspolitik zu befürchten wären. Sollten die Demokraten auch die Kontrolle über Senat und Repräsentantenhaus übernehmen, könnte eine weitreichende Steuerreform den Markt belasten. Am stärksten würde sich dabei der Vorschlag auswirken, den Körperschaftsteuersatz von 21% auf 28% zu erhöhen. Schätzungen zufolge könnte dies die Gewinne der S&P500-Unternehmen um 6% senken und damit auf die Kurse drücken.

Harris' Vorschlag, zur Bekämpfung der Inflation die Preistreiberei bei Lebensmitteln zu verbieten, stoße nicht nur bei Wirtschaftswissenschaftlern auf Widerstand. Geplante Interventionen, u.a. am Mietmarkt, hätten Harris' Attraktivität an der Wall Street geschmälert. Als Reaktion darauf betone sie ihre Unterstützung für freie und faire Märkte. Ihre unklare Positionierung in Fragen der Handels- und Geopolitik trage jedoch zur Unsicherheit bei. Ein Erdrutschsieg der Demokraten könnte daher zu einer negativen Börsenreaktion führen. Einen solchen Sieg hielten die Experten jedoch für weniger wahrscheinlich. Ein geteilter Kongress hingegen würde den meisten ihrer Vorschläge im Weg stehen. Dies hätte eine positivere Marktreaktion zur Folge.

Ein Sieg der Republikaner und von Donald Trump könnte erhebliche Auswirkungen auf die Wirtschaft und die Anlagemärkte haben. Während die vorgeschlagene Senkung des Körperschaftsteuersatzes von 21% auf 15% von den Aktienmärkten positiv aufgenommen würde, dürften hohe Zölle und eine rigide Einwanderungspolitik zu höherer Inflation und langsamerem Wachstum führen.

Chinas und Europas Märkte wären wahrscheinlich am stärksten betroffen - die beiden wichtigsten Handelspartner hätten Überschüsse im Güterhandel mit den USA von über 200 Milliarden US-Dollar. Die Kombination aus höheren Importpreisen und einer teureren inländischen Produktion könnte jedoch auch den US-Markt selbst belasten. Darüber hinaus könnte die strenge Einwanderungspolitik den Arbeitskräftemangel verschärfen und über höhere Arbeitskosten die Inflation zusätzlich anheizen.

Bei den Börsenreaktionen würde es sehr auf die jeweilige Branche ankommen. Erneuerbare Energien seien bereits abgewertet worden, da erwartet werde, dass Trump aus dem Pariser Abkommen austreten und das IRA teilweise zurücknehmen werde. Zudem kritisiere Trump Big Tech, wolle die Branche aber auch vor Übernahmen aus China schützen.

Banken und traditionelle Energiesektoren könnten positive Auswirkungen von Deregulierungs- und protektionistischen Maßnahmen spüren. Dies könnte zu mehr Fusions- und Übernahmeaktivitäten führen, was für US-Small-Caps von Vorteil wäre. In Europa seien die Konsumsektoren (z. B. Einzelhandel, Grundnahrungsmittel, Spirituosen) und große, auf den Handel ausgerichtete Banken am stärksten gefährdet, während Sektoren wie Baustoffe und Industriegüter unter einer republikanischen Regierung von mehr Onshoring und Reshoring profitieren könnten.

An den Anleihemärkten herrsche Einigkeit darüber, dass das gestiegene Haushaltsdefizit und die höhere Inflation zu höheren Zinssätzen führen würden. Die Auswirkungen könnten jedoch begrenzt sein, wenn die Wirtschaft gleichzeitig langsamer wachse. In diesem Szenario könnte Gold weitere Höchststände erreichen.

Unabhängig vom Wahlausgang würden die Experten fürs kommende Jahr mit reichlich Liquidität am Markt rechnen. Am 1. Januar werde die US-Regierung die Schuldenobergrenze erreichen und keine neuen Schulden mehr aufnehmen können. Das Finanzministerium werde 700 Milliarden US-Dollar aus dem General Account ausgeben müssen. Die Fed dürfte ihre quantitative Straffung im 1. Quartal 2025 beenden. Insgesamt würden die Experten fürs erste Halbjahr 2025 mit einer Bruttoliquidität von 1 Billion US-Dollar rechnen. (29.10.2024/alc/a/a)