Großbritannien: Inflation dämpft die Binnennachfrage - Bank of England mit Zinsschritt im November


27.09.17 10:15
Nord LB

Hannover (www.anleihencheck.de) - In Großbritannien dämpfen die hohen Inflationsraten weiterhin den Expansionsspielraum der Binnennachfrage, berichten die Analysten der Nord LB.

Im August sei die Jahresteuerung bei den Lebenshaltungskosten auf 2,9% Y/Y geklettert. Neben den auch in anderen Ländern zuletzt zu beobachtenden Basiseffekten bei den energiesensitiven Komponenten sei das schwache Britische Pfund maßgeblich für den starken Anstieg der Verbraucherpreise verantwortlich. Der Anteil importierter Produkte im statistischen Warenkorb sei in Großbritannien typischerweise sehr hoch. Der letzte Arbeitsmarktbericht habe mit der auf den historischen Tiefstwert von 4,3% gefallenen Arbeitslosenquote auf den ersten Blick zwar erfreuliche Informationen zu bieten gehabt. Der weiterhin nur sehr schleppende Zuwachs bei den Löhnen und Gehältern um gerade einmal 2,1% Y/Y werde von der hohen Inflationsrate aber mehr als aufgezehrt. Eine Erosion der Kaufkraft der Verbraucher im Vereinigten Königreich sei die Folge. Obwohl viele Briten versuchen würden, ihr Konsumniveau zulasten der Ersparnis aufrechtzuerhalten, werde das nicht lange gut gehen und die Binnennachfrage noch stärker unter Druck bringen.

Das britische Parlament habe am 12. September mit 326 gegen 290 Stimmen das Austrittsgesetz (European Union Withdrawal Bill) verabschiedet. Hierbei gehe es vor allem um eine Überleitung von mehr als 12.000 Rechtsvorschriften der Europäischen Union (EU) in britisches Recht, eine Bestätigung durch das Oberhaus stehe allerdings noch aus. Zudem seien in den Beratungen verschiedener Ausschüsse Änderungsanträge wahrscheinlich. Die trotz dieses Etappensiegs politisch angeschlagene Ministerpräsidentin Theresa May bemühe sich derweil darum, wieder ein wenig Schwung in die völlig festgefahrenen Brexit-Verhandlungen zu bringen. Als Ort ihres stark beachteten Auftritts mit dem Versuch einer Präzisierung der zuvor kaum identifizierbaren Konzepte und Leitlinien für den Ausstieg aus der EU habe sie sich mit Florenz ein historisches Handelszentrum ausgesucht. May wolle erstmals Gesprächsbereitschaft mit Blick auf die noch offenen Zahlungen Großbritanniens an die EU ("Exit Bill") signalisieren und die Tür für die Vereinbarung eines längeren Übergangszeitraums öffnen.

Auf seiner Sitzung am 14. September habe das Monetary Policy Committee (MPC) der Bank of England (BoE) mehrheitlich entschieden, alle relevanten geldpolitischen Parameter unverändert zu belassen. Bei der Abstimmung zum Leitzins hätten mit Ian McCafferty und Michael Saunders erneut zwei Mitglieder des MPC für eine Anhebung der Bank Rate um 25 Basispunkte votiert. Die Beschlüsse zu den Ankaufprogrammen seien einstimmig erfolgt. Allerdings habe die Notenbank in ihrer Erklärung darauf hingewiesen, dass über kurz oder lang eine Straffung der Geldpolitik gerechtfertigt sein könne, sofern sich die Wirtschaft so wie in den im letzten Monat vorgestellten Projektionen entwickle.

Auch wenn die Analysten der Nord LB hinsichtlich der Widerstandsfähigkeit der britischen Wirtschaft gegen Brexit-Verunsicherungen und Wechselkursturbulenzen skeptisch bleiben, sind sie nun der Meinung, dass die absehbar weiterhin viel zu hohen Inflationsraten die BoE zu einer Anhebung der Bank Rate um 25 Basispunkte auf 0,50% auf ihrer Sitzung am 2. November zwingen werden. Mit dieser Meinung seien die Analysten nicht ganz allein, die Geld-, Bond- und Devisenmärkte würden diesen Zinsschritt mehr und mehr einpreisen. Die erste geldpolitische Straffung seit ziemlich genau zehn Jahren solle einer weiteren Abwertung des Pfund und einem noch stärkeren Überschießen der Inflationsraten entgegenstehen. Die Analysten der Nord LB glauben, das wird nur teilweise gelingen. (Ausgabe Oktober 2017) (27.09.2017/alc/a/a)