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Gratwanderung der FED - können die USA eine Rezession noch vermeiden?


27.07.22 16:30
BNY Mellon IM

Frankfurt am Main (www.anleihencheck.de) - Die US-Notenbank steht vor der Herausforderung, die Inflation zu senken, ohne eine Rezession auszulösen, so Scott Ruesterholz, Anleihe-Portfoliomanager bei Insight Investment, einer Gesellschaft von BNY Mellon Investment Management.

Ihr größtes Problem: Das Bruttoinlandsprodukt liege etwa 1,5% über dem vor der Corona-Pandemie. Dank der fiskalischen Anreize und geldpolitischen Maßnahmen im Zuge der ersten COVID-Welle übertreffe also die Nachfrage das Angebot, was über alle Bereiche - angefangen bei Benzin über Autos bis hin zu Mieten - zu erheblichen Preissteigerungen geführt habe. Die FED versuche nun, das verfügbare Einkommen allmählich wieder auf den Stand vor der Pandemie zu bringen. Idealerweise geschehe dies durch ein langsames Wachstum der Wirtschaft um 1 bis 1,5% für einige Jahre, bis die Inflation auf ihre Zielmarke zurückfalle.

Aber je mehr die Inflation über ihr Ziel hinausschieße, desto schwieriger sei in der Regel die Steuerung der Wirtschaft. Besonders problematisch: Die US-Wirtschaft sei in der Vergangenheit immer dann in eine Rezession geraten, wenn die Energiepreise in einem Jahr um mehr als 20 Prozent gestiegen seien - nur 2011 bilde eine Ausnahme. Im Alltag wirke das wie eine Steuererhöhung, da die US-Amerikaner sehr stark vom Auto abhängen würden, so dass höhere Benzinkosten das verfügbare Einkommen spürbar reduzieren würden. Glücklicherweise hätten die amerikanischen Haushalte aufgrund von Ersparnissen derzeit fast mehr Geld zur Verfügung als Schulden - die Frage sei nur, ob diese Ersparnisse ausreichen würden, um die Preissteigerungen abzumildern.

Wenn es hart auf hart komme, werde die FED bei der Wahl zwischen hoher Inflation und Rezession letztlich eine Rezession in Kauf nehmen. Eine sanfte Landung der US-Wirtschaft sei zwar immer noch möglich. Die Chancen seien jedoch noch nie so schlecht gewesen wie heute. Für Anleger ist das momentane Umfeld schwierig, denn in den letzten 15 Jahren konnten wir uns auf die Stützung der Finanzmärkte durch die FED verlassen - das ist nun vorbei, so Ruesterholz. Für Anleger könnten dennoch einige Branchen interessant sein: Zum Beispiel der Energiesektor, der über eine erhebliche Preissetzungsmacht verfüge, sowie zyklische Konsumgüter, die bei Engpässen höhere Kosten an ihre Kunden weitergeben könnten.

Wir meiden Sektoren, in denen es keinen solchen Preisdruck gibt und die deshalb mit einer schwächeren Nachfrage konfrontiert sein könnten, so Ruesterholz.. Dazu zähle etwa der Einzelhandel. Hingegen bevorzuge der Anleihe-Portfoliomanager Bereiche wie Autos, Freizeitangebote und das Hotel- und Gastgewerbe. Dafür würden US-Verbraucher höchstwahrscheinlich weiter Geld ausgeben. (27.07.2022/alc/a/a)