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Gibt es eine Untergrenze für den Zins?
30.08.19 08:30
Hamburg Commercial Bank
Hamburg (www.anleihencheck.de) - Grundsätzlich könnte die Geldpolitik ins Leere laufen, wenn Anleger verstärkt ihr Geld aus dem Finanzmarkt abziehen und stattdessen in bar halten, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank AG.
Im großen Stil werde das aber kaum möglich sein und das schaffe neue Probleme.
In den vergangenen Wochen hätten die Renditen auf deutsche Staatsanleihen immer wieder neue Tiefs erreicht. Zeitweise hätten zehnjährige Bunds bei -73 Basispunkten rentiert. Das Phänomen negativer und fallender Zinsen sei keineswegs auf Deutschland beschränkt. In der Schweiz sei die gesamte Zinsstruktur bis 30 Jahre seit Juli in den negativen Bereich eingetaucht. Deutschland sei mittlerweile an Japan vorbeigezogen. Angesichts dieser Abwärtsdynamik stelle sich die Frage, wie tief die Treppe in den Zinskeller führe. Dabei gehe es zum einen um eine Untergrenze für Anleiherenditen, zum anderen aber auch um eine Untergrenze für den Leit- bzw. Einlagenzins der EZB.
Es gebe eine theoretische Antwort auf die Frage nach der Untergrenze: Sie liege bei -100%. Sei ein Anleger z.B. bereit, für eine zehnjährige Anleihe mit einem Nominalwert von 1000 Euro und einem Kupon von 50 Euro aus welchen Gründen auch immer 100.000 Euro zu bezahlen, werde er nach Ende der Laufzeit nahezu einen Totalverlust machen.
Eine etwas naheliegendere Überlegung zur Untergrenze der Zinsen, die sich zunächst auf die EZB beziehe, hänge mit dem Kosten der Bargeldhaltung zusammen. Bislang habe gegolten: Je niedriger die Zinsen, desto eher lohne sich für die Menschen, ihr Geld eben nicht anzulegen, sondern es für den Konsum auszugeben. Für Banken wiederum sei bislang die Überlegung gewesen, dass diese durch negative Zinsen in alternative Anlagen "gezwungen" würden, nach dem Motto: Lieber werde die Bank das Geld einem Unternehmen zu einem Zins von 0% geben, als es bei der EZB bei -0,4% zu verwahren.
Wenn jetzt aber das Geld in bar gehalten und damit aus dem Finanzsystem abgezogen werde, laufe die Geldpolitik diesbezüglich ins Leere, da sich der Preis der Liquiditätshaltung nicht mehr ändere. Lägen die Kosten der Bargeldhaltung aufgrund der Tresorgebühren einschließlich der Versicherungsprämie beispielsweise bei 1,5%, dann wäre zu erwarten, dass bei Erreichen dieses Wertes mehr und mehr Menschen, Banken und institutionelle Anleger auf Bargeldhaltung ausweichen würden. Für die EZB würde sich hier eine Einlagenzins-Untergrenze bilden, die aber in etwa auch für Anleihen gelte.
So weit, so gut. Wie praktikabel sei jedoch für den Privatsektor die Bargeldhaltung im großen Stil? Bei der EZB würden Banken 537 Mrd. Euro halten. Würde man diesen Betrag in Bargeld umwandeln, entspräche dies 2873 Tonnen. Wolle man ein europäisches Fort Knox aufbauen? Auch wenn die Versicherungsgesellschaft Münchener Rück für einen Teil ihrer Rücklagen bereits im Jahr 2016 den Tresorweg gegangen sei, werde man gesamtwirtschaftlich den Negativzinsen auf diese Weise jedenfalls nicht entgehen können.
Der andere Mechanismus, der zu einer Untergrenze für den Zins führen könnte, sei die Kapitalflucht. Wenn Anleger in Reaktion auf die negativen Zinsen verstärkt auf Auslandswährungen mit positiver Nominalverzinsung ausweichen würden, würde der Euro massiv nachgeben und es könnte aus Furcht vor einer weiteren Abwertung zu einer destabilisierenden Kapitalflucht und einer Währungskrise kommen. In Reaktion auf eine derartige Entwicklung würde die EZB den Leitzins anheben, um die Kapitalflucht zu bremsen. Nur: Was passiere, wenn in den Währungsmärkten wie US-Dollar und Pfund bald ähnliche Verhältnisse herrschen würden? Wohin solle man dann ausweichen? In Krypto-währungen?
Vielleicht würde genau das passieren, was aber letztlich nichts Anderes wäre als eine Fortsetzung dessen, was ohnehin schon über die letzten Jahre zu beobachten gewesen sei: Die zunehmend desperate Suche nach Vermögenswerten wie Immobilien, Gold, Aktien und ehemals hochrentierlichen Anleihen, die deren Preise nach oben getrieben hätten. Eine echte Untergrenze für die Verzinsung ergebe sich daraus nicht, sondern vielmehr die zunehmende Gefahr, dass es zu neuen Vermögenspreisblasen komme, deren Platzen die Realwirtschaft in Mitleidenschaft ziehen würde.
Dies verdeutliche, dass die Suche nach einem Ausweg dringlich sei. Politisch unabhängiges Helikoptergeld wäre ein Baustein, um einen Wendepunkt bei Inflation und Zinsen einzuleiten. In jedem Fall müssten jedoch die Regierungen das Heft in die Hand nehmen und über Strukturreformen und eine aggressive Investitionspolitik die Angebotsbedingungen ihrer Volkswirtschaften verbessern. Nur so werde man aus dem Zinskeller wieder herausfinden. (Ausgabe vom 29.08.2019) (30.08.2019/alc/a/a)
Im großen Stil werde das aber kaum möglich sein und das schaffe neue Probleme.
In den vergangenen Wochen hätten die Renditen auf deutsche Staatsanleihen immer wieder neue Tiefs erreicht. Zeitweise hätten zehnjährige Bunds bei -73 Basispunkten rentiert. Das Phänomen negativer und fallender Zinsen sei keineswegs auf Deutschland beschränkt. In der Schweiz sei die gesamte Zinsstruktur bis 30 Jahre seit Juli in den negativen Bereich eingetaucht. Deutschland sei mittlerweile an Japan vorbeigezogen. Angesichts dieser Abwärtsdynamik stelle sich die Frage, wie tief die Treppe in den Zinskeller führe. Dabei gehe es zum einen um eine Untergrenze für Anleiherenditen, zum anderen aber auch um eine Untergrenze für den Leit- bzw. Einlagenzins der EZB.
Es gebe eine theoretische Antwort auf die Frage nach der Untergrenze: Sie liege bei -100%. Sei ein Anleger z.B. bereit, für eine zehnjährige Anleihe mit einem Nominalwert von 1000 Euro und einem Kupon von 50 Euro aus welchen Gründen auch immer 100.000 Euro zu bezahlen, werde er nach Ende der Laufzeit nahezu einen Totalverlust machen.
Wenn jetzt aber das Geld in bar gehalten und damit aus dem Finanzsystem abgezogen werde, laufe die Geldpolitik diesbezüglich ins Leere, da sich der Preis der Liquiditätshaltung nicht mehr ändere. Lägen die Kosten der Bargeldhaltung aufgrund der Tresorgebühren einschließlich der Versicherungsprämie beispielsweise bei 1,5%, dann wäre zu erwarten, dass bei Erreichen dieses Wertes mehr und mehr Menschen, Banken und institutionelle Anleger auf Bargeldhaltung ausweichen würden. Für die EZB würde sich hier eine Einlagenzins-Untergrenze bilden, die aber in etwa auch für Anleihen gelte.
So weit, so gut. Wie praktikabel sei jedoch für den Privatsektor die Bargeldhaltung im großen Stil? Bei der EZB würden Banken 537 Mrd. Euro halten. Würde man diesen Betrag in Bargeld umwandeln, entspräche dies 2873 Tonnen. Wolle man ein europäisches Fort Knox aufbauen? Auch wenn die Versicherungsgesellschaft Münchener Rück für einen Teil ihrer Rücklagen bereits im Jahr 2016 den Tresorweg gegangen sei, werde man gesamtwirtschaftlich den Negativzinsen auf diese Weise jedenfalls nicht entgehen können.
Der andere Mechanismus, der zu einer Untergrenze für den Zins führen könnte, sei die Kapitalflucht. Wenn Anleger in Reaktion auf die negativen Zinsen verstärkt auf Auslandswährungen mit positiver Nominalverzinsung ausweichen würden, würde der Euro massiv nachgeben und es könnte aus Furcht vor einer weiteren Abwertung zu einer destabilisierenden Kapitalflucht und einer Währungskrise kommen. In Reaktion auf eine derartige Entwicklung würde die EZB den Leitzins anheben, um die Kapitalflucht zu bremsen. Nur: Was passiere, wenn in den Währungsmärkten wie US-Dollar und Pfund bald ähnliche Verhältnisse herrschen würden? Wohin solle man dann ausweichen? In Krypto-währungen?
Vielleicht würde genau das passieren, was aber letztlich nichts Anderes wäre als eine Fortsetzung dessen, was ohnehin schon über die letzten Jahre zu beobachten gewesen sei: Die zunehmend desperate Suche nach Vermögenswerten wie Immobilien, Gold, Aktien und ehemals hochrentierlichen Anleihen, die deren Preise nach oben getrieben hätten. Eine echte Untergrenze für die Verzinsung ergebe sich daraus nicht, sondern vielmehr die zunehmende Gefahr, dass es zu neuen Vermögenspreisblasen komme, deren Platzen die Realwirtschaft in Mitleidenschaft ziehen würde.
Dies verdeutliche, dass die Suche nach einem Ausweg dringlich sei. Politisch unabhängiges Helikoptergeld wäre ein Baustein, um einen Wendepunkt bei Inflation und Zinsen einzuleiten. In jedem Fall müssten jedoch die Regierungen das Heft in die Hand nehmen und über Strukturreformen und eine aggressive Investitionspolitik die Angebotsbedingungen ihrer Volkswirtschaften verbessern. Nur so werde man aus dem Zinskeller wieder herausfinden. (Ausgabe vom 29.08.2019) (30.08.2019/alc/a/a)


