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Die Gewissheit weicht der Unsicherheit


17.02.23 10:30
RBC BlueBay Asset Management

London (www.anleihencheck.de) - Die Staatsanleiherenditen stiegen in der vergangenen Woche weiter an, da solide Wirtschaftsdaten zu einer fortgesetzten Neubewertung der US-Zinserwartungen führten, so Mark Dowding, Chief Investment Officer bei BlueBay, RBC BlueBay Asset Management.

Die US-Kerninflation sei im Januar leicht auf 5,6 Prozent zurückgegangen. Der zugrunde liegende Preistrend liege jedoch nach wie vor deutlich über dem Zielwert der US-Notenbank Federal Reserve (FED). Zwar sei in den kommenden Monaten mit einer weiteren Abschwächung zu rechnen. Es scheine aber, dass die Zinssätze zur Wiederherstellung der Preisstabilität längerfristig höher bleiben müssten.

Die auf einen robusten Arbeitsmarktbericht folgenden starken Einzelhandelsumsätze würden derweil darauf hindeuten, dass die Wirtschaft trotz der geldpolitischen Straffung der Geldpolitik in den vergangenen elf Monaten an Schwung gewinne und nicht verliere. Diese ungewöhnliche Entwicklung könnte teilweise auf eine Kombination aus mildem Wetter, der Wiedereröffnung Chinas, einem starken Arbeitsmarkt und der jüngsten Lockerung der finanziellen Bedingungen zurückzuführen sein. Die Zinssätze seien jedoch im vergangenen Jahr um 450 Basispunkte gestiegen. Und da Geldpolitik erst mit Verzögerung wirke, könnte sich die Konjunktur in den kommenden Monaten abschwächen.

Die Realzinsen würden sich nach wie vor im negativen Bereich befinden: Der Leitzins liege immer noch 1 Prozent unter der aktuellen Kerninflation. Relevant sei auch, dass die US-Hypothekenschuldner dank der Konditionen auf dem Hypothekenmarkt weitgehend von höheren Zinsen in den USA abgekoppelt seien.

Vor diesem Hintergrund würden einige Beobachter argumentieren, dass der Höchststand der US-Zinsen möglicherweise höher sein müsse als bisher angenommen. Da die Hoffnungen auf eine "sanfte Landung" der Wirtschaft im Januar den Aussichten auf eine "Nicht-Landung" gewichen seien, sei ein Leitzins von 6 Prozent ein plausibles Szenario - wenn auch nicht die zentrale Erwartung der Experten.

Darüber hinaus würden die Marktteilnehmer nun nicht mehr von Zinssenkungen im Jahr 2023 ausgehen, sondern würden erst 2024 damit rechnen, da sie die Situation entsprechend der FED-Sichtweise neu bewerten würden. Allerdings seien aktuell Zinssenkungen von bis zu 150 Basispunkten ab dem Höchststand der Zinssätze bis Ende 2024 eingepreist. An den Märkten sei der Glaube tief verwurzelt, dass die Inflation irgendwann wieder auf 2 Prozent sinken werde und die Zinssätze daher auf das Niveau des vergangenen Jahrzehnts zurückkehren würden.

Die Experten seien jedoch der Meinung, dass das weiterhin zur Debatte stehe. Die Inflation könnte für einen längeren Zeitraum auf einem höheren Niveau verharren, da sich die strukturellen Faktoren, die in den letzten 20 Jahren die Disinflation angetrieben hätten, im Zuge der Pandemie umkehren würden. In diesem Fall würden sich die Experten fragen, ob die Bewertungen von Risikoaktiva angesichts eines wesentlich höheren langfristigen Abzinsungssatzes für künftige Cashflows aufrechterhalten werden könnten. Dies werde die Zeit zeigen.

Klar scheine jedoch: Ein Teil der "Gewissheit", dass die Inflationssorgen vorbei seien und die Geldpolitik keinen Grund zur Sorge mehr darstelle, werde angesichts der neuen Wirtschaftsdaten durch zunehmende Unsicherheit ersetzt. (17.02.2023/alc/a/a)