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Geldpolitik nicht länger restriktiv, Pause bei den Zinssenkungen wird wahrscheinlicher


04.03.25 11:15
Vanguard

London (www.anleihencheck.de) - Die Europäische Zentralbank (EZB) wird ihre Geldpolitik am Donnerstag um weitere 25 Basispunkte lockern, so Shaan Raithatha, Senior Economist der Vanguard Investment Strategy Group.

"Damit wird der Zinssatz für die Einlagefazilität bei 2,5 Prozent und damit am oberen Ende unserer Schätzung des neutralen Bereichs (2 bis 2,5 Prozent) liegen, was faktisch das Ende der ,restriktiven‘ Geldpolitik in der Eurozone bedeutet. Wir plädieren weiterhin für eine Reihe von Zinssenkungen bis Juli, so dass der Leitzins bei 1,75 Prozent liegen würde." Die Wahrscheinlichkeit für stärkeres Wachstum (und folglich das Risiko einer langsameren Lockerung) sei jedoch gestiegen, da die Wirtschaftstätigkeit vermutlich die Talsohle erreicht habe, die Verteidigungsausgaben steigen würden und ein möglicher Waffenstillstand in der Ukraine weiterhin im Bereich des Möglichen sei.

"Es wird allgemein erwartet, dass die EZB auf ihrer geldpolitischen Sitzung im März ihre Leitzinsen erneut um 25 Basispunkte senken wird. Wie es danach weitergeht, ist hingegen weniger klar", sage Raithatha. Grund dafür seien hawkishe Kommentare einflussreicher EZB-Ratsmitglieder, insbesondere von Isabel Schnabel, sowie eine Verbesserung der kurzfristigen Wachstumsaussichten.

Schwache Konjunkturdaten

Die jüngsten Konjunkturdaten seien nach wie vor schwach. Das reale BIP-Wachstum im vierten Quartal habe unter den Prognosen der EZB-Analysten vom Dezember gelegen, die zukunftsgerichteten Komponenten der PMI-Indices würden sich weiterhin im kontraktiven Bereich bewegen, und das Beschäftigungswachstum verlangsame sich weiter. Es gebe jedoch erste Anzeichen für eine Verbesserung der Aussichten: "Die Dynamik der Einkaufsmanagerindizes scheint die Talsohle erreicht zu haben, die Wachstumsdaten haben seit Jahresbeginn positiv überrascht (im Vergleich zu den zugegebenermaßen recht gedrückten Erwartungen), und es wird ein positiver Nachfrageimpuls durch höhere Verteidigungsausgaben und die Aussicht auf einen Waffenstillstand in der Ukraine erwartet", sage Raithatha. Er gehe davon aus, dass das Wachstum um 0,2-0,3 Prozentpunkte zulegen dürfte, sollten die europäischen Verteidigungsausgaben bis Ende 2026 auf 2,5 Prozent des BIP steigen. Zudem erwarte er einen zusätzlichen Wachstumsimpuls von 0,2-0,3 Prozentpunkten, sollte ein Waffenstillstand in der Ukraine vereinbart werden und sei er noch so fragil.

Die Möglichkeit zusätzlicher Zölle belaste jedoch weiterhin die Aussichten. "Wir glauben nicht, dass eine Strategie der gegenseitigen Zölle oder ein 25-prozentiger Zoll auf Kraftfahrzeuge wesentliche Auswirkungen auf die Fundamentaldaten haben wird", so Raithatha. Die Einführung von Zöllen, die den EU-Mehrwertsteuersätzen entsprechen würden, oder ein allgemeiner Zoll von 25 Prozent auf alle EU-Waren könne jedoch erheblich ins Gewicht fallen und würde wahrscheinlich alle Gewinne aus den Verteidigungsausgaben und einem Waffenstillstand zunichtemachen.

Günstige Inflationsaussichten

Unterdessen seien die Inflationsaussichten weiterhin günstig: "Der Rückgang der Dienstleistungsinflation im Flash-Report vom Februar ist ermutigend, und wir sind fest davon überzeugt, dass es da noch mehr Spielraum gibt", betone Raithatha. Ein Großteil der jüngsten Hartnäckigkeit bei den Inflationszahlen sei auf drei Sektoren zurückzuführen: Versicherungen, Tourismus und Verkehr, die jedoch alle Anzeichen für eine Normalisierung in den kommenden Monaten aufweisen würden. Auch der Arbeitsmarkt entspanne sich weiter, während die Echtzeit-Lohndaten auf einen starken Rückgang des jährlichen Lohnwachstums bis zum Jahresende hindeuten würden.

Ein Großteil der jüngsten politischen Debatte habe sich um die Frage gedreht, ob die Zinssätze immer noch restriktiv seien. Insbesondere Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel habe die Ansicht vertreten, dass der geldpolitische Kurs nicht mehr als "eindeutig restriktiv" bezeichnet werden sollte. "Wir stimmen dem zu, da die Geldpolitik im Laufe dieser Woche wahrscheinlich das obere Ende unserer neutralen Spanne von 2 bis 2,5 Prozent erreichen wird", erkläre Raithatha.

Hohe Verteidigungsausgaben würden Risiko zu langsamer Zinssenkungen erhöhen

"Da das Wachstum in diesem Jahr unter dem Trend bleiben dürfte und die Inflation mittelfristig wahrscheinlich unter dem Zielwert von 2 Prozent liegen wird, halten wir an unserer Empfehlung fest, die Zinssätze bis Juli zu senken, wodurch der Leitzins letztlich bei 1,75 Prozent und damit etwas unter dem neutralen Wert liegen würde", so der Ökonom. Die Nachrichten der letzten sechs Wochen über höhere Verteidigungsausgaben und einen möglichen Waffenstillstand in der Ukraine hätten ein stärkeres Wachstum wahrscheinlicher gemacht und damit das Risiko für ein langsameres Tempo bei den Zinssenkungen erhöht. (04.03.2025/alc/a/a)