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Geldpolitik: Die Tauben sind los


12.06.19 09:00
La Financière de l´Echiquier

Paris (www.anleihencheck.de) - Risikoanlagen sind nach einer äußerst holprigen Entwicklung im Mai deutlich positiver in den Juni gestartet, so Olivier de Berranger, Chief Investment Officer, und Enguerrand Artaz, Fondsmanager von La Financière de L'Echiquier.

Liege dies an einer Beruhigung des Handelsstreits oder an der Verbesserung der makroökonomischen Daten? Im Grunde treffe beides nicht zu. Vielmehr seien nach Meinung der Experten von La Financière de l'Echiquier die Interventionen der Zentralbanken, wie schon seit Jahresbeginn, Haupttreiber der Erholung. In den vergangenen Tagen hätten sie sich besonders aktiv oder zumindest wortreich gezeigt.

In den USA habe James Bullard die Auffassung vertreten, dass eine Zinssenkung "bald gerechtfertigt sein könnte". Der Präsident der Federal Reserve Bank of St. Louis sei jedoch als besonders "taubenhaftes", also moderates, Mitglied der US-Notenbank bekannt und als solches im Offenmarktausschuss FOMC in der Minderheit. Die Anleger hätten vor allem auf die Worte von FED-Chef Jerome Powell geachtet. Bei einer Rede, deren Hauptthema nicht die Geldpolitik gewesen sei, sei ein kurzer Satz zu vernehmen gewesen, der ausgereicht habe, die Hoffnungen auf eine Zinssenkung wieder aufleben zu lassen. Er habe sich zwar mit dem Hinweis begnügt, dass die Zentralbank "zur Unterstützung des Wachstums angemessen handeln wird", und darauf verwiesen, dass die Ziele am Arbeitsmarkt und bei der Inflation vorerst erreicht seien. Aber die immer wahrscheinlichere Aussicht auf zumindest eine Zinssenkung bis zum Jahresende im Falle einer ausbleibenden Konjunkturverbesserung sei von den Märkten "gekauft" worden. Zumal Powells Äußerungen vom FED-Vizepräsidenten Richard Clarida und der FED-Gouverneurin Lael Brainard unterstützt und aufgegriffen worden seien.

Auf der monatlichen Sitzung der Europäischen Zentralbank hätten die Aussagen ebenfalls moderater geklungen. Die Bedingungen für die dritte Tranche der so genannten gezielten längerfristigen Refinanzierungsgeschäfte (Targeted Longer-Term Refinancing Operations; TLTROs) würden enttäuschen. Der Zinssatz werde zwischen dem Einlagesatz (-0,4 Prozent) zuzüglich 0,1 Prozent und dem Refinanzierungssatz (0,0 Prozent) zuzüglich 0,1 Prozent liegen, während die Anleger erwartet hätten, dass er unter dem Einlagesatz liegen könnte. Doch Mario Draghi habe in seinen Äußerungen einen eindeutig moderaten Ton angeschlagen. Ähnlich wie sein US-Amtskollege habe er bekräftigt, dass die EZB bereit sei, im Falle einer Konjunkturverschlechterung zu handeln und hierbei alle Instrumente ihres "Werkzeugkastens" zu nutzen und insbesondere eine zusätzliche Senkung des Einlagesatzes vorzunehmen. Er habe auch darauf hingewiesen, dass die Leitzinsen "mindestens bis zur ersten Jahreshälfte 2020" unverändert bleiben würden - zuvor habe es "mindestens bis Ende 2019" geheißen. Der EZB-Rat habe sich bei den Wachstumsaussichten neutraler gezeigt und seine Erwartungen für 2020 gesenkt, sie für 2019 jedoch angehoben.

Auf kurze Sicht sei diese Haltung für Risikoanlagen sehr vorteilhaft, aber man sollte sich vor überzogenen Erwartungen hüten. Der leichte Rückgang der europäischen Märkte nach der Bekanntgabe des TLTRO-Zinssatzes belege dies. Vor allem bei der erwarteten Zinssenkung der FED würden sich die Anleger zweifelsohne mit übergroßer Zuversicht versündigen. Denn sie sähen bis Jahresende mehr als zwei Zinssenkungen voraus, was außer im Falle eines jähen Absturzes der US-Wirtschaft unwahrscheinlich erscheine. Das Risiko für Enttäuschungen sei demnach hoch. Hinzu kämen die schwächelnden makroökonomischen Indikatoren mit einem globalen Einkaufsmanagerindex für das Verarbeitende Gewerbe, der erstmals seit mehr als drei Jahren unter 50 liege. Auch der globale Composite-Einkaufsmanagerindex habe einen Tiefstand erreicht. Hinzu komme eine US-Zinskurve mit nach wie vor deutlicher Inversion: Die Situation veranlasse dazu, die Überschwänglichkeit der letzten Tage mit Vorsicht zu genießen. (12.06.2019/alc/a/a)