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Geldpolitik: Rätselhafte Rally bei Schweizerischer Nationalbank


12.10.16 12:51
FONDS professionell

Wien (www.anleihencheck.de) - Die Geldflut und die dadurch verursachten Minizinsen sind eine Plage für viele Investoren, so die Experten von "FONDS professionell".

Wäre es nicht toll, wenn man auf die Politik der Zentralbank Einfluss nehmen könnte, zum Beispiel über einen Aktienkauf? Was die wenigsten wissen würden: In einigen Fällen gehe das tatsächlich.

So seien die Zentralbanken von Belgien, Griechenland, Japan, der Schweiz und Südafrika an den jeweiligen nationalen Börsen notiert, zumindest zu einem kleinen Teil. Mehrheitseigner sei der Staat. Auf ein Mitspracherecht müssten Aktionäre leider verzichten. Dafür würden einigen Notenbanken mit großzügigen und relativ verlässlichen Dividenden locken - und manchmal auch mit exorbitanten Kursgewinnen, wie im Fall der Schweizerischen Nationalbank (SNB).

Normalerweise werde ihr Anteilschein an der Zürcher Börse kaum gehandelt - kein Wunder, befinde sich das Gros der Aktien doch in festen Händen. Daten des Finanzinformationsdienstes Bloomberg zufolge hätten Kantone, Kantonalbanken und andere öffentlich-rechtliche Anstalten Ende 2015 immerhin 73,8 Prozent der stimmberechtigten Aktien gehalten. Und auch unter den Streubesitz-Aktionären, die die restlichen 26,2 Prozent innehätten, finde sich nur selten jemand, der Stücke auf dem Markt anbiete.

Entsprechend aufsehenerregend sei der aktuelle Kursverlauf der SNB-Titel: Allein seit Anfang Juli habe die "Mauerblümchen"-Aktie satte 80 Prozent auf fast 2.000 Franken zugelegt. Beobachter würden über die Hintergründe rätseln, denn allein am exzellenten Ruf der Eidgenossen und ihrer vielgelobten Geldpolitik könne es kaum liegen. Gewinnmaximierung sei - anders als bei herkömmlichen AGs - nicht oberstes Ziel der SNB. Dividenden-Ausschüttungen an private Aktionäre seien per Gesetz gedeckelt. Institutionelle Anleger und Aktienanalysten hätten die Schweizerische Nationalbank gar nicht auf dem Schirm.

Möglicher Kurstreiber könnte ein Deutscher sein, würden Beobachter mutmaßen. Mit einem SNB-Anteil von 6,6 Prozent größter Einzelaktionär sei Theo Siegert. Der 69-Jährige stamme aus einer Düsseldorfer Handelsdynastie, berichte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ). Der promovierte Betriebswert habe lange Jahre für den Mischkonzern Haniel gearbeitet und habe es dort an die Vorstandsspitze geschafft. Seit mehr als einem Jahrzehnt führe er den familieneigenen Vermögensverwalter de Haen-Carstanjen & Söhne und sitze darüber hinaus in den Aufsichtsräten namhafter deutscher Unternehmen wie Merck, E.ON und Deutsche Bank.

Mit dem systematischen Kauf von SNB-Anteilen habe Siegert bereits 2008 gestartet, berichte die FAZ. Ob er aktuell massiv weitere Stücke einsammle und so hinter der unverhofften Kursexplosion stehe, sei nicht zu ermitteln gewesen. Siegert stehe für Interviews nicht zur Verfügung, habe der öffentlichkeitsscheue Unternehmer auf Anfrage der FAZ mitteilen lassen.

Denkbar wäre auch, dass andere Renditesucher die SNB als vielversprechendes Investment entdeckt hätten. Alessandro Bee, der für die UBS die Nationalbank und deren Politik beobachte, vermute, dass Anleger wegen des Niedrigzinsumfelds auf die Schweizerische Nationalbank gestoßen seien: "Schweizer Anleihen bringen momentan nur noch negative Renditen. Also weichen die Investoren auf Aktien aus, die eine Dividendenrendite versprechen und wenig schwanken", zitiere die FAZ den Analysten.

Die Sache habe nur einen Haken: Gemessen am jüngsten Kurs liege die SNB-Dividendenrendite nur noch bei kargen 0,75 Prozent. Eine Ausschüttungsgarantie gebe es nicht. "Wenn das Eigenkapital der SNB aufgrund hoher Verluste aufgebraucht ist, fällt auch die Dividende aus. Allerdings ist dieses negative Szenario inzwischen weniger wahrscheinlich geworden", sage Bee. (12.10.2016/alc/a/a)