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Für Mario Draghi und die EZB ist die Deflation kein festes Ziel


02.12.15 11:55
WisdomTree Europe

London (www.anleihencheck.de) - Der Euroraum und die Vereinigten Staaten haben viel gemeinsam, beispielsweise die Einwohnerzahl und der Größe ihrer Volkswirtschaften, so die Experten von WisdomTree Europe.

Seit der Finanzkrise würden sie außerdem das gemeinsame Ziel teilen, den Tücken einer Rezession zu entkommen, denn der Schuldenabbau habe auf beiden Seiten des Atlantiks das Wirtschaftswachstum belastet. Eine vereinfachte Messgröße zur Einschätzung des Fortschritts sei die Inflationsrate. Sie verharre in beiden Regionen bei null. Derzeit würden beide Zentralbanken das Ziel einer Inflationsrate in der von 2 Prozent verfolgen.

In den USA habe die Notenbank (FED) eine Anhebung der Zinsen in erster Linie mangels einer am Verbraucherpreisindex oder den privaten Konsumausgaben gemessenen Inflation hinausgeschoben. Derweil habe Mario Draghi, der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) jüngst signalisiert, dass auf der nächsten EZB-Sitzung am 3. Dezember aggressivere Maßnahmen beschlossen werden könnten. In seiner Erklärung vom 22. Oktober sei signalisiert worden, dass die Deflation weiterhin ein Problem in Europa darstelle. Anleger würden daher die Vermutung hegen, dass die EZB die Geldpolitik weiter lockern oder sogar ihre im Januar 2015 bekannt gegebenen Maßnahmen zur quantitativen Lockerung (QE) verschärfen könnte.

Wenngleich die EZB und auch der Offenmarktausschuss der FED über ähnliche geldpolitische Instrumente verfügen würden, besitze die US-Notenbank den Vorteil eines vereinten Landes, in dem die wichtigsten Wirtschaftsdaten den Durchschnittswerten im ganzen Land entsprechen würden. Die Haushalts- und Geldpolitik auf Bundesebene verfolge daher ein einfacheres Ziel.

In Europa gestalte die EZB die Politik für eine ganze Region, die allerdings aus 19 souveränen Staaten bestehe. In den Worten des japanischen Premierministers Shinzo Abe versuche die EZB, das Inflationsziel mit nur einem Pfeil (Geldpolitik) zu treffen. Darüber hinaus sei die Deflation in Europa ein bewegliches Ziel, denn in einigen Ländern gebe es eine Preisinflation, während die größten Länder - Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien - noch gegen das Schreckgespenst fallender Preise kämpfen würden.

In Belgien sei die Inflationsrate seit Januar um 1,3 Prozentpunkte gestiegen. In Spanien hingegen, ein Land mit einer schweren Deflation, sei lediglich die Deflationsrate um weniger als einen halben Prozentpunkt gesenkt worden. Ähnlich in Finnland, wo die Preise seit dem Beginn der QE in Europa um 0,6% nachgegeben hätten. Worauf ziele die EZB nun, wenn sie schieße?

Laut Website der EZB "ergibt sich aus der Definition von Preisstabilität durch die EZB, dass der Euroraum als Ganzes im Fokus ihrer Geldpolitik steht". Im Jahr 2011 habe jedoch Fernanda Nechio von der Reservebank San Francisco erkannt, dass nach der Taylor-Regel, dass "eine politische Leitlinie, die Empfehlungen für die Zinsgestaltung einer geldpolitischen Behörde im Hinblick auf Inflation und Wirtschaftsentwicklung setzt", den Ländern im Kern und an der Peripherie des Euroraums nicht mit einem einheitlichen Wert für diese Zielrate der EZB gedient sei. Im Wesentlichen würden diese Teile funktionieren, wenn sie zusammen betrachtet würden. Bei einer separaten Betrachtung lägen sie neben dem Ziel der EZB (besonders die Länder an der Peripherie).

Derzeit lägen alle Länder in dieser Liste nicht im Bereich des Ziels von "nahe 2%". Daher seien zusätzliche Maßnahmen der EZB im Dezember wahrscheinlich. Die größere Frage werde sein, wie die RZB reagieren werde, wenn eine Mehrheit ihrer Mitglieder mit dem Ziel übereinstimmen würden, aber viele Länder an der "Peripherie", beispielsweise Spanien, weit ab von diesem Ziel lägen. Wenn es stimme, dass Geschichte dazu tendiere, sich zu wiederholen, dürfte die EZB sich weiter auf den Euroraum als Ganzes konzentrieren und die weniger glücklichen Länder sich selbst überlassen.

Die Wahrscheinlichkeit, dass die Euroschwäche sich fortsetze und zusätzliche Krediterleichterungen in Europa geschaffen würden, würde sich nach Meinung der Experten positiv auf die jetzt Gestalt annehmende lokale Erholung in der gesamten Region auswirken und die Rally an den europäischen Aktienbörsen weiter beflügeln. (02.12.2015/alc/a/a)