Fünf Gründe warum Schweizer Inflationsraten für Euroland nicht passen


22.07.14 11:31
Bank J. Safra Sarasin AG

Basel (www.anleihencheck.de) - Die Inflationsraten haben sich in Euroland zuletzt immer mehr denen der Schweiz angenähert, so Karsten Junius, Chefvolkswirt der Bank J. Safra Sarasin AG.

Könne das schlecht sein? Immerhin habe das Schweizer Wirtschaftswachstum in den letzten zehn Jahren mit 2% deutlich über dem von Euroland (0,7%) gelegen, während die Inflation mit 0,6% unter der in Euroland (2%) gelegen habe.

Während Inflationsraten von rund 1% der Schweiz keine großen Probleme bereiten würden, wäre dies in Euroland aus fünf Gründen anders:

1. Die niedrigen Schweizer Inflationsraten seien kaum Ausdruck wirtschaftlicher Schwäche, sondern würden vor allem auf fallende Importpreise zurückgehen. Inländische Preise und Löhne würden in der Schweiz steigen, so dass die Schuldentragfähigkeit des privaten Sektors von der niedrigen Inflation nicht belastet werde. In Euroland würden die fallenden Inflationsraten dagegen die schwache inländische Nachfrage-, Lohn- und Preisentwicklung reflektieren. Aufgrund der Größe des Währungsraumes wirke sich der Wechselkurs und fallende Importpreise weniger stark auf die Inflation aus als in der Schweiz, in der importierte Güter 26,7% des Warenkorbes ausmachen würden.

2. Die Zentralbanken der Schweiz und Euroland hätten unterschiedliche Inflationsziele. Eine Inflation von 1% sei in Euroland anders als in der Schweiz eine Zielverfehlung, welche die Glaubwürdigkeit der Zentralbank belastet habe.

3. Die wirtschaftliche Ausgangssituationen würden sich stark unterscheiden. Sie sei innerhalb der Schweiz wesentlich homogener. Die starken Unterschiede der nationalen Arbeitslosenquoten, die von 25% in Spanien bis knapp 5% in Österreich reichen würden, würden die Notwendigkeit struktureller Anpassungsprozeße in Euroland verdeutlichen.

4. Die Schockabsorptionsfähigkeit des privaten Sektors sei dank flexiblerer Arbeitsmärkte und einer geringeren privaten Nettoverschuldung in der Schweiz höher.

5. Der wirtschaftspolitische Spielraum der Schweiz sei größer, so dass sie auf zukünftige Schocks anders reagieren könne, während in Euroland diese Aufgabe hauptsächlich auf dem relativ rigiden Arbeitsmarkt laste. Wesentlich sei also, dass positive Inflationsraten strukturelle Anpassungsprozeße vereinfachen würden. Dies liege daran, dass Löhne und Preise nach unten häufig nicht sehr flexibel seien. Löhne weniger produktiver Arbeitnehmer würden eher über mehrere Jahre stagnieren, als dass sie rasch gesenkt würden. Fallende Löhne würden zudem die Tragfähigkeit bestehender Schulden senken und dadurch den Bankensektor mit höheren Kreditausfällen belasten. Die angestrebten Inflationsraten sollten daher für einen Währungsraum umso höher sein, umso mehr mit der Notwendigkeit struktureller oder regionaler Anpassungsnotwendigkeiten gerechnet werden müsse. Deutschland möge mit Schweizer Inflationsraten leben können, Euroland insgesamt jedoch nicht. Die EZB werde daher weiter alles unternehmen müssen, um die Inflationsraten in Euroland wieder in Richtung 2% zu bewegen. (22.07.2014/alc/a/a)