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Finanzmärkte: Die nächsten Wochen werden entscheidend sein


11.10.22 09:12
Raiffeisen Bank International AG

Wien (www.anleihencheck.de) - "Die nächsten Wochen werden entscheidend sein", diese Worte waren im Zuge der Coronapandemie öfters von einem ehemaligen österreichischen Gesundheitsminister zu hören und passen mittlerweile auch ganz gut für die Entwicklung an den Finanzmärkten, so Ingrid Szeiler, CIO der Raiffeisen KAG.

Die Rahmenbedingungen würden mit der angespannten geopolitischen Situation, der extrem hohen Inflation, insbesondere infolge der Energiepreise, den vermehrten Anzeichen einer Rezession und den erwartbar negativen Auswirkungen auf die Unternehmensergebnisse weiter schwierig bleiben. Allerdings habe man in den letzten Wochen zumindest an Klarheit gewonnen, was die Vorgangsweise der Notenbanken betreffe und den kommunizierten Zinsanhebungspfad speziell auf der Anleiheseite entsprechend eingepreist. Weitere negative Überraschungen bei den Inflationsdaten seien zwar nicht ausgeschlossen, hätten jedoch an Wahrscheinlichkeit verloren. Damit sei nun auch hinsichtlich der nächsten Zinsschritte der Notenbanken mit keinen drastischen Abweichungen nach oben gegenüber den Erwartungen zu rechnen.

In den wesentlichen Wirtschaftsräumen zeichne sich - mit Ausnahme der Eurozone - aus heutiger Sicht zwar eine deutlich eingetrübte Wachstumsdynamik, aber noch keine Rezession ab. In den USA scheine das von der Notenbank angepeilte "soft landing" zu gelingen. Die Umsatz- und Gewinndaten sowie die Ausblicke der Firmenchefs, die im Rahmen der nächsten Berichtssaison veröffentlicht würden, könnten somit über die weitere Entwicklung des Aktienmarktes entscheiden: nämlich, ob er auf Erholungstendenzen in Gegenreaktion von überverkaufter Markttechnik und stark negativem Sentiment fundamental aufbauen könne, oder ob es doch zu einer Gewinnrezession komme, verbunden mit weiteren Kursabschlägen.

Euro-Staatsanleiherenditen seien abermals kräftig gestiegen. Die Experten seien in erster Linie bei deutschen und französischen Staatsanleihen zurückhaltend. Zudem würden sie kurze US-Staatsanleihen vor langen bevorzugen und hier mittelfristig wieder mit einer steileren Zinskurve rechnen.

Die Risikoprämien von Unternehmensanleihen seien Ende September abermals deutlich angestiegen und würden nun wieder nahe der Höchststände von März 2020 notieren. Die Experten würden weiterhin Bankanleihen gegenüber Non-Financials-Anleihen (Industrieanleihen) bevorzugen, ebenso wie Euro-Investmentgrade-Anleihen gegenüber den ausfallsgefährdeteren Euro-High-Yield-Unternehmensanleihen, die sich ihrer Meinung nach trotz aller Verluste vergleichsweise gut hätten halten können. Auch deutsche Pfandbriefen würden sie weiterhin positiv sehen.

Schwellenländer-Anleihen hätten sich dem globalen Abverkauf an den Finanzmärkten nicht entziehen können und nicht nur im September zu den schwächsten Anleiheklassen gezählt.

Neben durchwachsenen Wirtschaftsindikatoren werde dieses Anleihesegment durch sinkende Rohstoffpreise, eine allgemeine restriktivere Notenbankpolitik und eine immer deutlicher werdende Risikoaversion von Investorenseite abgestraft.

Die internationalen Aktienmärkte hätten in den letzten Wochen erneut deutliche Kursverluste verbuchen müssen. Die Experten würden das restriktiver werdende Liquiditätsumfeld unverändert als einen der größten Belastungsfaktoren für die nächsten Monate sehen. Gleichzeitig würden die ersten Auswirkungen der wirtschaftlichen Eintrübung auch in den Gewinnaussichten der Unternehmen sichtbar.

Seien die Zinsanhebungen der globalen Notenbanken wohl zu spät und anfangs zu zögerlich gewesen, bestehe nun die Gefahr, dass es sich im aktuellen Umfeld mehr zu einem Handeln wider besseren Wissens auswachse. Einer der Hauptleidtragenden seien die Emerging Markets, die unter dem Entzug von Dollarliquidität besonders negativ betroffen seien. Daher sei es nicht verwunderlich, dass Aktien aus den Schwellenländern weiter gegen entwickelte Aktien abrutschen würden. Interessant sei, dass die Gewinnentwicklung weiterhin recht stabil sei, was dazu führe, dass die Bewertung deutlich zurückgehe.

Die Rohstoffmärkte hätten zuletzt seitwärts tendiert. Auf Sicht der letzten Monate hätten vor allem die zyklischen Industriemetalle aufgrund zunehmender Konjunkturwachstumsängste Verluste hinnehmen müssen. Im Energiebereich rücke die OPEC (Angebotsrücknahme) wieder stärker in den Mittelpunkt. (Ausgabe vom 10.10.2022) (11.10.2022/alc/a/a)