Finanzmärkte müssen höhere Inflationsraten verkraften


27.09.16 11:38
Bank J. Safra Sarasin AG

Basel (www.anleihencheck.de) - In den vergangenen Jahren war es eine einfache Wette, zu prognostizieren, dass die Inflationsraten wieder mit niedrigen Werten enttäuschen würden, so Karsten Junius, Chefökonom, Bank J. Safra Sarasin AG.

Dies werde sich ändern, da direkte und indirekte Effekte fallender Rohstoffpreise sich abschwächen, sogenannte Basiseffekte aus den Zwölf-Monats-Veränderungen herausfallen und inzwischen sogar leicht steigende Rohstoffpreise dazukommen würden. All dies sei leicht berechenbar und dürfte professionelle Investoren eigentlich nicht überraschen. Man sollte sich dennoch der psychologischen Effekte bewusst sein, wenn Inflationsraten wieder normaler ausschauen würden. So möchten die Experten an Mai 2015 erinnern, als ein ähnlich starker Inflationsanstieg in Euroland von durchschnittlich -0,3% ggü. dem Vorjahr im ersten Quartal auf +0,3% im Mai zu einem sehr starken Ausverkauf von deutschen Bundesanleihen geführt habe. Diesen Freitag werde die Euroland-Inflationsrate nun von 0,2% auf voraussichtlich 0,4% ansteigen, um von dort bis Dezember 2016 auf 0,8% und bis Februar 2017 auf 1,3% zu klettern. Auch die Kernrate dürfte in diesem Zeitraum von 0,8% auf 1,1% ggü. dem Vorjahr ansteigen. Nachlaufende Effekte des stärkeren Euro-Wechselkurses und die weiterhin bestehende Unterauslastung der Wirtschaft würden dann zu einer Seitwärtsbewegung der Inflationsraten für den Rest des Jahres beitragen.

Die EZB müsse auf den Inflationsanstieg nicht reagieren. Ihre Jahresprognosen von 0,2% für 2016 und 1,2% für 2017 seien kompatibel mit dem oben dargestellten Profil. Die Experten würden daher auch wenig Potenzial für eine erneute Senkung der Inflationsprognosen sehen, wenn die EZB sie im Dezember 2016 einer erneuten Prüfung unterziehe. Bei näher an 1% liegenden Inflationsraten werde es der EZB aber leichter fallen, zu argumentieren, dass ihre Geldpolitik wirke. Ein wichtiges Signal für die zukünftige Geldpolitik werde von der erstmals im Dezember 2016 zur Veröffentlichung anstehenden Prognose für 2019 ausgehen. Die Experten würden erwarten, dass der aktuellen Prognose von 1,6% für 2018 ein Wert von 1,7% für 2019 folgen werde - ein Wert, der innerhalb des Bandes von 1,7% bis 1,9% liegen werde, das die EZB einst als kompatibel mit ihrer Definition von Preisstabilität bezeichnet habe. Dieser Wert wäre sowohl für Falken als auch Tauben im EZB-Rat bequem.

Die einen könnten argumentieren, dass die Inflation bereits auf dem richtigen Weg zum Zielwert wäre, sodass keine weitere Hilfe durch die Notenbank notwendig sei. Die anderen könnten dem entgegnen, dass die unkonventionelle Geldpolitik helfe und die EZB-Prognosen auf Markterwartungen für Geldmarktsätze beruht hätten, die mit einem abrupten Ende des EZB-Kaufprogrammes nicht kompatibel seien. Für welche Geldpolitik sich die EZB an den kommenden Sitzungen entscheide, sei daher noch recht offen. Klarer sei dagegen, dass sie mit Fragen rechnen müsse, ob die jüngst von der japanischen Notenbank getroffenen Entscheidungen für sie in Betracht kämen. Also für eine gewisse Zeit Inflationsraten oberhalb des Zielwertes zuzulassen und bestimmte Werte für die Anleihen-Renditen anzustreben. Die Experten würden beides für unwahrscheinlich halten:

Im Unterschied zur Bank of Japan habe die EZB ihre Inflationsnorm seit langem stabil und glaubwürdig etabliert. Eine Diskussion darüber wie sie agiere, wenn die Inflation bei über 2% läge, würde nur unnötige Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit sähen und erscheine derzeit unnötig, da diese Inflationsdynamik voraussichtlich noch sehr lange nicht zu erwarten sein werde.

Bestimmte Anleiherenditen innerhalb des Euroraums anzustreben sei auch nicht sinnvoll, da die Liquidität und das Ausfallrisiko der Anleihen bei allen 19 Mitgliedsländern im Euroraum unterschiedlich seien. Die wieder steigenden Inflationsraten würden aber auch so für genügend Diskussionsstoff sorgen. (27.09.2016/alc/a/a)