Die FED stranguliert sich mit ihrem Inflationsziel


09.07.20 10:45
Legg Mason

Baltimore (www.anleihencheck.de) - Die US-Notenbank hält an einem starren Inflationsziel von zwei Prozent fest. Ein Fehler, meint Amit Chopra, Portfoliomanager der Legg Mason-Boutique Western Asset Management.

Stattdessen sollte die FED eine Spanne vorgeben. Dann wäre sie nicht in Zeiten deflationärer Tendenzen zum unbedingten Handeln gezwungen.

So ergebe es für Chopra gerade in Krisenzeiten wenig Sinn, Risiken durch steigende Staatsschulden und aufgeblähte Notenbankbilanzen zu erhöhen. Seit Anfang 2019 bekenne sich die US-Notenbank zu einem Inflationsziel von mehr als zwei Prozent und bleibe dem Markt dennoch eine Erklärung schuldig, was das genau für die Geldpolitik bedeute. Während die Gründe der FED, die sich insbesondere seit der Corona-Krise mit der Überschrift "Kampf gegen die Deflation" beschreiben lassen würden, am Markt nachvollzogen werden könnten, stoße das Inflationsziel in der Realwirtschaft auf Unverständnis. Die "Main Street" sehe keinen sonderlichen Nutzen in weiter steigenden Preisen. Unternehmen würden sich eher auf Wachstum fokussieren und Verbraucher in der Regel von festen Einkommen leben, die mit steigenden Preisen bestenfalls mit Verzögerung Schritt halten würden. Bleibe der FED also nur noch das Ziel der Bekämpfung der Deflation. Doch sei dies wirklich unter allen Umständen erstrebenswert?

Aus der Perspektive der Notenbank sorge eine stetige Teuerung dafür, dass die Wirtschaft auf Wachstumskurs bleibe. Dies sei insbesondere vor dem Hintergrund der schwächelnden Entwicklung der Wirtschaft von vor der Corona-Krise zu sehen. Seit Ausbruch der Pandemie sei für viele Verantwortliche des FOMC die Gefahr der Deflation hinzugekommen: Ein Erliegen der Wirtschaft könnte für sinkende Preise sorgen und letztlich eine Schuldendeflation auslösen. Dabei steige der reale Wert der Verschuldung und die so wachsende Schuldenlast führe zu einer Spirale aus Kreditausfällen, was sich erneut negativ auf die Wirtschaftsaktivität auswirken könne. Als abschreckendes Beispiel für eine derartige Entwicklung gelte Japan, das über viele Jahre in einer tiefen Deflation gesteckt habe. Doch wie groß sei das Risiko einer Deflation in den USA konkret?

Aktuell seien die USA von einer Deflation noch immer weit entfernt. Die Kernausgaben für den privaten Konsum seien innerhalb der vergangenen zwölf Monate zwischen 1,25 und 2,0 Prozent geklettert. Hätte die Notenbank statt eines Inflationsziels von zwei Prozent ein Ziel von 1,5 Prozent ausgerufen, bestünde aktuell weniger Handlungsbedarf, was in einer besseren Stimmung und positiveren Inflationserwartungen resultieren würde. So sei die Notenbank auch weiterhin zum Handeln gezwungen. In einer Welt wachsender Staatsverschuldung und ausufernden Notenbankbilanzen sollte das Hauptaugenmerk allerdings eher auf Konsolidierung liegen.

Gerade angesichts der drohenden deflationären Tendenzen im Zuge von ökonomischen Krisen täten Entscheider in Notenbanken und Politik gut daran, derartige Risiken zu minimieren, statt die Einsätze in Form von monetären Stützungsmaßnahmen und fiskalpolitischen Hilfen weiter zu erhöhen. Hinzu komme, dass niedrige Zinssätze erfahrungsgemäß die Wahrscheinlichkeit von Fehlallokationen steigern und die Produktivität eher schwächen würden. Auch vor dem Hintergrund der Belastung kommender Generationen wäre die US-Notenbank gut beraten gewesen, ihr Inflationsziel in Form einer Spanne festzulegen. Egal, wie die Notenbank weiter verfahre, um ihre Ziele in Zukunft zu erreichen: Um in der Realwirtschaft und bei immer mehr skeptischen Marktteilnehmern Gehör zu finden, bedürfe es eines klaren Konzepts und offener Kommunikation. Dies sei die FED bislang schuldig geblieben. (Ausgabe vom 08.07.2020) (09.07.2020/alc/a/a)