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FED sieht sich mit einer überraschend robusten Wirtschaft konfrontiert


30.10.23 09:04
Raiffeisen Bank International AG

Wien (www.anleihencheck.de) - In den USA steht nach der dieswöchigen Veröffentlichung der ersten Schätzung zum BIP-Wachstum im dritten Quartal bereits die erste große Welle an Datenpunkten für den Beginn des vierten Quartals in den Startlöchern, so die Analysten der Raiffeisen Bank International AG (RBI).

Doch eines nach dem anderen: Das Wachstum im dritten Quartal sei wie erwartet stark ausgefallen. Allerdings habe die veröffentlichte Zahl mit 4,9% (p.q., annualisiert) dennoch signifikant über dem Konsens von 4,3% gelegen. Die US-Wirtschaft scheine also aktuell weiterhin sämtlichen Widrigkeiten zu trotzen, auch wenn die Investitionsbereitschaft im aktuellen Hochzinsumfeld nicht zu den führenden Wachstumstreibern zähle. Ebenfalls noch auf das dritte Quartal Bezug würden die diese Woche erscheinenden Zahlen zu den offenen Stellen im September, sowie zu den Beschäftigungskosten im Gesamtquartal nehmen. Nachdem die Quote der offenen Stellen in Relation zur Gesamtstellenanzahl zuletzt wieder etwas zugenommen habe (was auf einen engeren Arbeitsmarkt hindeute), werde erstere Maßzahl besondere Beachtung finden.

Bezüglich der Beschäftigungskosten gehe der Konsens aktuell von einem Wachstum in Höhe von 1% (p.q.) aus, eine Wachstumsrate, welche auch im zweiten Quartal beobachtet worden sei. Doch nun zum vierten Quartal. Die Arbeitsmarktdaten für den Oktober würden nicht nur Daten zum Beschäftigungswachstum und zur Arbeitslosigkeit enthalten, sondern auch zur Lohnentwicklung - all diese Indikatoren würden mehr oder minder direkt in den Entscheidungsprozess der Federal Reserve mit einfließen.

Auskunft über die Stimmungslage unter Einkaufsmanager:innen im Verarbeitenden und im Nicht-Verarbeitenden Gewerbe würden hingegen die ISM-Indikatoren für Oktober geben. Besagte Kennzahl habe im September für das Verarbeitende Gewerbe mit 49 Punkten unter der wichtige 50 Punkte-Marke gelegen (und somit auf einem Gebiet schrumpfender wirtschaftlicher Aktivität), während der Indikator für das Nicht-Verarbeitende Gewerbe mit 53,6 Punkten noch auf expansivem Terrain gelegen habe. Aktuell verfügbare Konsensschätzungen würden den Indikator für das Verarbeitende Gewerbe im Oktober wieder bei 49 Punkten sehen.

In der Eurozone erscheine die erste Schnellschätzung zum BIP-Wachstum im dritten Quartal erst diese Woche. Im Gegensatz zu den USA habe sich die Konjunktur in der Eurozone während der letzten Monate bereits deutlich eingetrübt. Dies sei auch an den Oktober-PMIs deutlich geworden, welche vergangene Woche erschienen seien. Diese hätten auf eine abnehmende Wirtschaftsaktivität im Verarbeitenden Gewerbe (43 Punkte) sowie im Dienstleistungssektor (47,8 Punkte) hingewiesen. Bezüglich des zurückliegenden dritten Quartals würden die Analysten auf nationaler Ebene wenig Wachstumspotenzial sehen. Während die Analysten für Frankreich und Belgien marginal positive Wachstumsraten von 0,1% und 0,2% (jeweils p.q.) erwarten würden, würden sie in Italien einen Wert von 0% für wahrscheinlich halten.

In Deutschland sollte das BIP-Wachstum im dritten Quartal hingegen um 0,2% zurückgegangen sein. Auch in Österreich würden die Analysten von einem Rückgang der Wirtschaftsleistung ausgehen (-0,4% p.q.) Für das Eurozonen-Aggregat würde dies ein "Wachstum" von 0% nahelegen. Auch die Stimmungsindikatoren der Europäischen Kommission (ESI) für Oktober, welche diese Woche erscheinen, sollten die aktuell sehr verhaltene wirtschaftliche Entwicklung der Eurozone abermals widerspiegeln, so die Analysten der Raiffeisen Bank International AG. Die Analysten würden erwarten, dass das Industrievertrauen von -9 Punkten im Vormonat auf -10,3 Punkte abnehme. Auch beim Wirtschafts- und Dienstleistungsvertrauen würden sie eine weitere Eintrübung als wahrscheinlich ansehen, sie würden einen Rückgang von 4 auf 3,2 Punkte (Dienstleistungsvertrauen) und von 93,3 auf 92,2 Punkte (Wirtschaftsvertrauen) erwarten.

Etwas bessere Nachrichten würden sich die Analysten von der Schnellschätzung zur Inflationsentwicklung in der Eurozone im Oktober erwarten. Die Schätzung dürfte den schnellsten Rückgang der Inflation auf Jahresbasis in der Geschichte der Währungsunion bringen. Hauptverantwortlich für den Rückgang seien einmal mehr Basiseffekte. Der stärkste werde im Energiebereich auftreten: Im August und September 2022 seien die Großhandelspreise für Erdgas sprunghaft angestiegen, und im Oktober hätten sich die Preise für einen großen Teil der Haushalte, insbesondere in Italien geändert. Während ein Großteil des Preisrückgangs bereits stattgefunden habe, werde der Schock des Vorjahres erst im Oktober aus der Dynamik des Jahresvergleichs verschwinden.

Zweitens habe sich die monatliche Dynamik bei den Lebensmittelpreisen normalisiert, und der Basiseffekt nehme langsam ab. Für die Kerninflation wirke der Basiseffekt ebenfalls, allerdings in wesentlich geringerem Ausmaß. Alles in allem würden die Analysten davon ausgehen, dass die Inflationsrate unter 3% fallen und im Oktober 2,9% p.a. erreichen könnte. Die Kluft zwischen Gesamt- und Kerninflation werde sich vergrößern, denn die Analysten würden die Kerninflation bei 4,1% p.a. erwarten.

Der EZB-Rat habe sich für unveränderte Leitzinsen auf der Oktober-Zinssitzung entschieden. Der Hauptrefinanzierungssatz verharre auf 4,5%, der Einlagesatz auf 4,0% und der Spitzenrefinanzierungssatz auf 4,75%. Trotz unveränderter Leitzinsen erachte der EZB-Rat die Inflation nach wie vor als zu hoch (und das für zu lang). Der Inflationsrückgang habe sich aber fortgesetzt und allgemein hätten die Datenveröffentlichungen seit der letzten EZB-Sitzung Mitte September im Rahmen der Erwartungen gelegen. Gemäß der im September eingeführten und am 27. Oktober 2023 bestätigten Forward Guidance, dass das Leitzinsniveau als ausreichend hoch erachtet werde, um einen substanziellen Beitrag zur Wiedererlangung des Inflationsziels zu leisten, sei eine Zinspause nachvollziehbar. Aus diesem Grund sei dieser Schritt auch nicht überraschend gekommen.

Entscheidungen zu geldpolitischen Instrumenten zur Verringerung der Überschussliquidität (APP, PEPP, TLTROs, Mindestreservesatz) seien nicht getroffen worden. Auf den Finanzmärkten sei die EZB-Sitzung als dovish wahrgenommen worden. Der Markt habe mit sinkenden Bund-Renditen, entlang der ganzen Kurve, sowie sinkenden Risikoprämien für italienische Anleihen reagiert (dies habe sich seit der Zinssitzung etwas umgekehrt). Die Erwartungen der Analysten seien erfüllt worden und die Analysten würden ihren aktuellen Zins- und Renditeausblick als bestätigt erachten.

Als Nächstes sei die FED an der Reihe, die sich diese Woche zur Zinssitzung treffe. Anders als die EZB sehe sich die FED mit einer überraschend robusten Wirtschaft konfrontiert. "Die Wirtschaftstätigkeit hat sich in einem soliden Tempo entwickelt", habe die FED auf ihrer letzten FOMC-Sitzung im September erklärt. Und es gebe wenig Grund zu der Annahme, dass sich diese Einschätzung geändert habe. Das BIP-Wachstum im dritten Quartal 2023 habe tatsächlich deutlich über dem Potenzial gelegen, und auch andere veröffentlichte Daten zum Arbeitsmarkt und zur Inflation hätten eher nach oben als nach unten überrascht. Gleichzeitig hätten die Finanzmärkte den Job der FED bereits erledigt, zumindest einen Teil davon. Seit der letzten FOMC-Sitzung seien die längerfristigen Anleiherenditen erheblich gestiegen. Dies sei in erster Linie auf höhere Realrenditen zurückzuführen gewesen, die mit einer Verschärfung der Finanzierungsbedingungen einhergehen würden. Letzteres sei auch das Ziel der FED, das sie durch eine restriktivere Geldpolitik erreichen wolle.

Angesichts der deutlich höheren Realrenditen könnte die FED daher geneigt sein, ihre abwartende Haltung fortzusetzen und den Leitzins unverändert auf dem derzeitigen Niveau von 5,25 bis 5,50% zu belassen. Gleichzeitig werde FED-Präsident Powell versuchen, eine falkenhafte Haltung beizubehalten und auf den datenabhängigen Ansatz der FED hinzuweisen. Es sollte auch nicht vergessen werden, dass eine Mehrheit der FOMC-Mitglieder im September den Leitzins zum Jahresende noch über dem aktuellen Niveau prognostiziert hätten. Eine Zinserhöhung in dieser Woche oder im Dezember könne daher nicht ausgeschlossen werden.

Insbesondere für den Dezember gehe der Markt von einer nicht zu vernachlässigenden Wahrscheinlichkeit von nahezu 20% aus. Da die Analysten davon ausgehen würden, dass sich die Konjunkturdynamik in den kommenden Monaten abkühlen und die Disinflation bei der Kerninflation anhalten werde, seien sie der Meinung, dass die FED ihren Zinserhöhungszyklus abgeschlossen habe. Die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Zinserhöhung durch die FED sei jedoch höher als durch die EZB. (Ausgabe vom 27.10.2023) (30.10.2023/alc/a/a)