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FED handelt und wartet nicht mehr auf "maximale Beschäftigung"


16.12.21 14:41
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Die US-Notenbank hat bei ihrer letzten Sitzung des Jahres 2021 versucht, den Markterwartungen nicht mehr hinterherzuhinken, sondern ihnen vielmehr einen Schritt voraus zu sein, so Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt bei der Hamburg Commercial Bank.

Die Märkte seien offensichtlich der Ansicht, dass dies gelungen sei: Die Aktienmärkte in den USA hätten mit weiteren Kursgewinnen reagiert. Dies sei natürlich ein sehr oberflächlicher und vor allem kurzfristiger Maßstab dafür, ob die FED die richtige Politik verfolge, aber für sich gesehen ein Indikator, dass eine fehlerhafte Kommunikation vermieden worden sei. Die Investoren hätten zwar eine weniger inflationsbekämpfende Politik erwartet, aber sie hätten gehofft, dass die FED das Problem der Inflation ernster nehme und das habe sie zunächst geliefert.

Was genau habe die US-Notenbank beschlossen und wie schätze sie die Situation in den kommenden Jahren ein? Die Zentralbank der Vereinigten Staaten habe angekündigt, die Anleiheankäufe nicht erst im Juni, sondern bereits im März zu beenden. Das sei im Grunde genommen die Voraussetzung dafür, um im Anschluss den Leitzins anzuheben, da die FED stets kommuniziert habe, dass erst die Anleiheankäufe beendet werden müssten, bevor man an der Leitzinsschraube drehe.

Und hier kämen die Prognosen der FED-Mitglieder ins Spiel, die alle drei Monate im so genannten Dot Plot Chart festgehalten würden. Diese Vorhersagen seien deutlich nach oben revidiert worden. So würden zehn der 18 FED-Mitglieder drei Zinsanhebungen im kommenden Jahr für angemessen halten. Im Markt etabliere sich der Konsens, dass im Juni die erste Zinsanhebung erfolge, aber grundsätzlich könnte eine solche auch ein paar Monate früher umgesetzt werden. Dazu könnte es dann kommen, wenn die Inflation nicht so deutlich sinke, wie das von den FED-Mitgliedern eingeschätzt werde. Zwar seien die FED-Offiziellen in dieser Beziehung vorsichtiger geworden und würden im Median davon ausgehen, dass die Kern-Inflation (ohne Energie und Lebensmittel) am Ende des Jahres 2022 noch 2,7% betrage. Aber wenn sich im Frühjahr abzeichne, dass die Inflation auch diesen Pfad nicht einschlage sondern der Preisauftrieb sehr hoch bleibe, sei auch eine frühere Leitzinsanhebung möglich.

Die FED hadere, das sei bei der Sitzung deutlich geworden, nicht so sehr mit ihrer falschen Einschätzung der Inflationsrate, sondern vor allem mit der Beurteilung der Arbeitsmarktentwicklung. Eigentlich habe die FED ja warten wollen, bis die maximale Beschäftigung erreicht sei. Jetzt habe man aber festgestellt, dass die Lage am Arbeitsmarkt bis auf weiteres nicht wieder dahin zurückkehren werde, wo sie im Februar 2020 gewesen sei, also vor der Corona-Krise. Das mache man nicht an der Arbeitslosenrate fest - die sei bereits auf niedrige 4,2% gefallen -, sondern an der Partizipationsrate. Viele Menschen würden nicht so rasch wieder eine Arbeit aufnehmen, was Powell interessanterweise nicht nur auf die Pandemie zurückführe, wie etwa den Mangel an Betreuungsmöglichkeiten oder Angst vor einer Ansteckung. Vielmehr hätten viele Amerikaner durch die Kursanstiege an den Aktienmärkten, die höheren Häuserpreise und zusätzliche Ersparnisse einen Vermögenszuwachs erfahren. Daher sei der Anreiz, wieder nach einem Job zu suchen, weniger groß.

Kurz: Die FED könne jetzt nicht länger warten, bis die Partizipationsrate am Arbeitsmarkt wieder auf Vor-Corona-Niveau gestiegen sei, während die Inflation gleichzeitig schmerzhafte Kaufkraftverluste insbesondere für die niedrigen Einkommensbezieher bedeute. Dagegen müsse jetzt gehandelt werden, so Powell. Denn ansonsten würde die Inflation weiter steigen und sich letztlich negativ auf die Lage am Arbeitsmarkt niederschlagen, etwa wenn es zu einer Lohn-Preis-Spirale komme oder reale Einkommensverluste den Konsum beeinträchtigen würden. Beides seien Entwicklungen, die Powell bisher nicht beobachte - die Löhne würden kräftig steigen, aber eine Überwälzung auf die Konsumentenpreise sehe der FED-Chef noch nicht -, aber die FED müsse achtgeben, dass derartige Entwicklungen nicht doch Fuß fassen würden.

Man könne natürlich ernste Zweifel daran haben, ob die FED in der Lage sei, die Inflation durch ein Ende der Anleiheankäufe und ein paar Zinsschritte zu kontrollieren. Schließlich könne die FED ja weder die Omicron-Pandemie bekämpfen noch dafür sorgen, dass Lieferketten wieder funktionieren oder die Halbleiter für die Autoindustrie wieder in ausreichender Menge verfügbar würden. Und hier liege sicherlich ein großes Risiko:

Wenn die Inflation umständehalber für mehrere Monate auf dem jetzigen sehr hohen Niveau verharre - der CPI habe im November bei fast 7% YoY gelegen -, werde es für die FED schwerer, zu vermitteln, dass sie Einfluss auf die Teuerungsrate habe. Dann könnten sich die bisher nur moderat gestiegenen Inflationserwartungen verselbstständigen und die befürchtete Lohn-Preis-Spirale in Gang setzen.

Gleichzeitig sei klar, dass die FED durchaus in der Lage sei, die Inflation zu steuern, dass dies aber irgendwann nur noch auf Kosten einer neuen Rezession und steigender Arbeitslosigkeit bewerkstelligt werden könne. Vielen dürfte die Politik des ehemaligen FED-Chefs Paul Volcker aus dem Anfang der 1980er Jahre bekannt sein. Volcker habe sich damals entschlossen, die Inflation mit massiven Zinserhöhungen zu bekämpfen, und eine tiefe Rezession ausgelöst. Danach sei die Inflation niedrig gewesen, aber die Arbeitslosenrate sei zwischenzeitlich auf fast 11% gestiegen. Man müsse also abwägen zwischen dem ökonomischen Schaden, der durch die Straffung der Geldpolitik ausgelöst werde, und dem Anliegen, die Glaubwürdigkeit der FED in Bezug auf den Willen, das Preisstabilitätsziel zu erreichen. Dieser Zielkonflikt sei umso schwieriger, als eben eine von der FED ausgelöste Rezession die Glaubwürdigkeit der US-Notenbank erheblich beschädigen könne.

Die FED habe endlich auf die hohe Inflation reagiert und dabei die Märkte positiv überrascht. Damit werde sie nicht direkt die Inflation in den Griff bekommen, aber die Marktteilnehmer nähmen die FED weiter ernst und könnten darüber grübeln, ob die FED notfalls auch die Volckersche Notbremse ziehe. Allein dieses Signal könnte geeignet sein, allzu aggressive Lohnerhöhungen, die sich in einer Lohn-Preis-Spirale niederschlagen würden, zu verhindern. (16.12.2021/alc/a/a)