FED erhöht den Leitzins weiter - und hält sich alle Optionen offen


27.07.23 11:30
FONDS professionell

Wien (www.anleihencheck.de) - Die US-Notenbank hat ihren Leitzins um 0,25 Prozentpunkte angehoben, auf den höchsten Stand seit 22 Jahren, so die Experten von "FONDS professionell".

FED-Chef Jerome Powell lasse zudem die Tür für weitere Erhöhungen offen. FONDS professionell ONLINE habe die wichtigsten Stimmen zum Zinsentscheid zusammengestellt.

Im Kampf gegen die Inflation habe die US-Notenbank FEDeral Reserve den Leitzins wie erwartet weiter erhöht. Nach der nun beschlossenen Anhebung um 0,25 Prozentpunkte liege dieser nun in der Spanne von 5,25 bis 5,5 Prozent; höher sei er zuletzt Anfang 2001 gewesen. Die FED habe die Zinsen seit vergangenem Jahr im Rekordtempo nach oben geschraubt. Nachdem sie bei ihrer Sitzung im Juni eine Pause eingelegt habe, sei jetzt die insgesamt elfte Erhöhung seit März 2022 gefolgt.

Mit Blick auf die nächste Zinsentscheidung im September habe FED-Chef Jerome Powell gesagt, eine weitere Anhebung sei durchaus möglich. Es sei jedoch auch möglich, dass die Zinsen dann stabil bleiben würden. Die Notenbanker wollten sich an der konjunkturellen Entwicklung orientieren und auf jeder Sitzung neu entscheiden. Powell habe zudem bekräftigt, dass es lange dauern werde, bis die Inflation auf den FED-Zielwert von zwei Prozent sinken werde.

FONDS professionell ONLINE dokumentiere, wie Volkswirte, Portfoliomanager und Anlagestrategen die jüngste FED-Entscheidung einordnen würden:

Michael Heise, Chefökonom von HQ Trust
"Es war zu erwarten: Nachdem die bisherigen Zinserhöhungen die US-Wirtschaft bislang nicht zum Erliegen gebracht haben und der Arbeitsmarkt weiterhin von steigender Beschäftigung und zahlreichen offenen Stellen geprägt ist, geht die US-Notenbank einen Schritt weiter. Sie erhöht die Leitzinsen um 25 Basispunkte - und lässt ein Fenster für weitere Zinserhöhungen offen. Es ist richtig, dass die Zentralbank kein Ende der Zinserhöhungen kommuniziert, bevor sich der Rückgang der Inflation als nachhaltig erweist. Denn die Preistendenzen bei der Kerninflation und die Lohnerhöhungen liegen trotz aller Fortschritte noch sehr deutlich über den Zielwerten der US-Notenbank. Eine erneute Fehleinschätzung der Inflationsdynamik würde Reputationsschäden nach sich ziehen. An den Finanzmärkten dürfte die Hoffnung auf deutliche Zinssenkungen 2024 einen weiteren Dämpfer erfahren. Konjunkturrisiken sind zwar vorhanden, aber die viel befürchtete Rezession ist auch nach dem heutigen Zinsentscheid nicht in Sicht."

Christian Scherrmann, US-Volkswirt der DWS
"Geringfügige Änderungen an der Presseerklärung und den Äußerungen von Jerome Powell bekräftigen den datenabhängigen Ansatz der FED. Die Notenbanker lassen somit die Tür offen für eine weitere Zinserhöhung im September. Ausschlaggebend für die aktuelle Entscheidung waren wahrscheinlich eine nach wie vor robuste Wirtschaftsdynamik (trotz Abschwächung) und nur sehr schwache Anzeichen einer gewissen Entspannung auf dem Arbeitsmarkt. Diese Entwicklungen wiegen höchstwahrscheinlich noch immer schwerer als der anhaltende Fortschritt der Disinflation. Es scheint, als wollten sich die Zentralbanker alle Optionen offenhalten. Vielleicht müssen wir aber gar nicht bis zum 20. September warten, um weitere Impulse zu erhalten. Bis dahin stehen viele volkswirtschaftliche Daten an. Zudem werden sich die Zentralbanker Ende August in Jackson Hole zur alljährlichen Konferenz treffen. Aktuell scheinen Jay Powell und seine Kollegen jedoch nicht die Notwendigkeit gesehen zu haben, über die im Juni gegebenen Impulse hinauszugehen. Dies mag auch daran liegen, dass die Märkte künftige Zinserhöhungen in etwa so einpreisen, wie sie bereits auf der Juni-Sitzung suggeriert worden sind."

Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank
"Die FED hat gestern Abend wie weitgehend erwartet das Leitzinsintervall um 25 Basispunkte angehoben. Nach der vorherigen Zinserhöhungspause beim Zinsentscheid im Juni war dies die elfte Erhöhung in diesem Zyklus. Beim Zinsentscheid im Juni hatten die FOMC-Mitglieder bis Ende des Jahres noch mindestens zwei Zinserhöhungen um jeweils 25 Basispunkte in Aussicht gestellt. Angesichts der jüngsten Inflationsdaten gehen wir derzeit nicht davon aus, dass eine weitere geldpolitische Straffung noch notwendig sein wird."

Jack McIntyre, Portfoliomanager bei Brandywine Global, Teil von Franklin Templeton
"Diese Anhebung war wahrscheinlich einer der am besten vorbereiteten Schritte der FED in diesem Jahr. Es wurde erwartet, dass die FED die Zinsen um 25 Basispunkte anhebt, und genau das hat sie getan. Es war eine 'Luftnummer', aber das ist nicht weiter tragisch, denn so hat die FED bis zu ihrer nächsten Sitzung Ende September genügend Zeit, um eine Reihe von Wirtschaftsdaten zu analysieren. In der Zwischenzeit sollten Anleger den von Powell hervorgehobenen Lohnkostenindex im Auge behalten. Dies könnte der nächste marktbeeinflussende Faktor sein, und er wird am Freitag erwartet. Die FED interpretiert die Wirtschaftsdaten genauso wie der Rest des Marktes, sodass selbst die Zentralbanker noch nicht wissen, ob sie mit der Straffung der Zinssätze fertig sind oder eine längere Pause einlegen werden. Wir alle sind wieder von den Daten abhängig. Anleger sollten bedenken, dass die Geldpolitik der FED bei sinkender Inflation automatisch noch restriktiver wird, da der reale, inflationsbereinigte Leitzins steigt."

Jochen Stanzl, Chef-Marktanalyst bei CMC Markets
"War bei der FED bislang noch von seriellen und mehreren Zinsanhebungen bis zum Jahresende die Rede, will man nun lediglich Daten abwarten und beobachten und nur gegebenenfalls reagieren. Das war das höchste der Gefühle, was Anleger erwarten konnten. Folgerichtig steigen die Börsen, da das Ende des Zinserhöhungszyklus in den USA jetzt näher scheint als noch 24 Stunden zuvor. Gerade einmal mit 20 Prozent preist der Anleihemarkt aktuell die Wahrscheinlichkeit, dass die FED auf ihrer nächsten Sitzung am 20. September erneut an der Zinsschraube drehen wird. Und Stand jetzt erwarten die Investoren auf der Sitzung im März 2024 bereits die erste Leitzinssenkung. Dass Powell gestern Abend zudem die Aussage aus dem Juni wiederholte, dass die FED keine Rezession sehe, war das Sahnehäubchen auf der Torte, die gestern serviert wurde. Wenn die Inflation jetzt weiter zurückgeht, würde der Aktienmarkt genau das bekommen, worauf er gehofft hat. Die FED könnte erfolgreich die Inflation niedergerungen haben, ohne eine Rezession als Nebenwirkung."

Patrice Gautry, Chefvolkswirt der Union Bancaire Privée (UBP)
"FED-Chef Powell hat sich um eine ausgewogene Debatte um die nächsten Entscheidungen bemüht: Die Kerninflation sei immer noch zu hoch und die Arbeitsmärkte zu angespannt, als dass man sich damit wohlfühlen könnte, aber es bestehe nun die Gefahr, dass man bei den Zinssätzen 'zu viel tut', insbesondere wenn man auf eine weiche Landung abziele, um die Arbeitslosenquote nicht stark ansteigen zu lassen. Betrachtet man Antworten von Powell zur Entwicklung des Szenarios (das heißt Wachstum, Inflation und Arbeit) im Detail, so scheint ziemlich klar, dass der FED-Chairman eine Pause befürwortet, es aber noch zu früh ist, um dies den Märkten gegenüber laut zu äußern. Vielleicht ist das Treffen in Jackson Hole Ende August der ideale Ort für Jerome Powell, um seine persönlichen Ansichten darzulegen und die Erwartungen zu steuern. Da die Inflation angesichts der Energiepreise und der nach wie vor angespannten Lage auf dem Arbeitsmarkt jedoch volatil bleiben könnte, möchte er den Spielraum behalten, die Erwartungen nah an den jeweiligen Erfordernissen zu managen. Die nach wie vor restriktive Haltung des Offenmarktausschusses könnte auch eine Warnung an die Geldmärkte sein, die bereits für März-Mai nächsten Jahres erhebliche Zinssenkungen erwarten. Da Powell erklärte, dass der Weg zu einer Inflationsrate von zwei Prozent längere Zeit in Anspruch nehmen könnte, ist es gefährlich, schnelle und umfangreiche Zinssenkungen im ersten Quartal 2024 zu erwarten, insbesondere wenn die US-Wirtschaft eine Rezession vermeidet und es beim Szenario einer weichen Landung bleibt." (27.07.2023/alc/a/a)





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