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FED-Entscheidung: Zinserhöhungen und Rhetorik


18.03.22 09:43
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Mit einem Mix aus geldpolitischen Maßnahmen und einer auf die Preisstabilität fokussierten Rhetorik versucht Powell, die Marktteilnehmer davon abzuhalten, die Inflationserwartungen höher zu schrauben. Mit Glück kann dies gelingen, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank AG.

Washington sei fast 8.000 Kilometer von Kiew entfernt. Bei der Pressekonferenz der Federal Reserve Bank sei dies deutlich vor Augen geführt worden. Zwar habe FED-Chef Jerome Powell seine Rede mit anteilnehmenden Worten für die Tragödie in der Ukraine eingeleitet, aber zusätzliche Risiken für das Wachstum halte die FED eher für begrenzt. Und so sei die wichtigste Botschaft der FED gewesen, die Powell gefühlt 20 Mal wiederholt habe, dass die Notenbank alles in ihrer Macht stehende tun werde, um wieder Preisstabilität herzustellen. Unterstrichen worden sei dies mit der Entscheidung, den Leitzins um 0,25 Prozentpunkte auf eine Bandbreite von 0,25 bis 0,50% anzuheben und relativ explizit weitere sechs Zinsschritte in diesem Jahr anzukündigen.

Der Leitzins würde per Ende 2022 in der Bandbreite 1,75 bis 2,00% liegen. Die Gangart wäre rascher als beim letzten Zyklus von 2015 bis 2018, aber die mittlere Prognose der FED-Mitglieder sehe das Ende der Leitzinserhöhungen bereits bei 2,8% erreicht, wesentlich niedriger als die 5,25%, wo man 2006 nach zwei Jahren Zinserhöhungen gelandet sei. Startpunkt sei damals ein Leitzins von 1,00% gewesen. So gesehen könne man den angedeuteten Zinspfad immer noch als milde bezeichnen und einige Marktbeobachter seien der Meinung, dass die FED die Inflation so nicht in den Griff bekomme.

Sei die FED also "behind the curve"? Das wisse man immer erst im Nachhinein. Die FED müsse mit zwei Risiken umgehen: Der Gefahr, dass die Inflation so lange hoch bleibe, dass sie sich in höheren Inflationserwartungen festsetze. Und dem Risiko, dass die Wirtschaft durch die geldpolitische Straffung zu stark ausgebremst werde und in die Rezession rutsche. Die US-Notenbank versuche dies zu lösen, indem sie relativ bedächtige Zinserhöhungen in Aussicht stelle und gleichzeitig rhetorisch betone, dass die Wiederherstellung der Preisstabilität für sie absolute Priorität habe.

Letzteres habe sich wie ein Mantra über die gesamte Pressekonferenz gezogen und dabei habe Powell schon fast an die Bundesbank erinnert, als er gesagt habe, dass Preisstabilität "die Voraussetzung für einen nachhaltig starken Arbeitsmarkt" sei. Angesichts des dualen Ziels der FED, in der Preisstabilität und maximale Beschäftigung grundsätzlich gleich gewichtet seien, sei diese Aussage durchaus bemerkenswert und ein klarer Wechsel gegenüber der Erklärung von vor einigen Monaten, wonach die Beschäftigung immer noch zu niedrig sei. Dazu habe die Ausführung gepasst, die Stärke des Arbeitsmarktes sei derzeit geradezu als "ungesund" zu bezeichnen, eine Rezession halte er für sehr unwahrscheinlich und der Anstieg bei den Löhnen sei auf Dauer nicht vereinbar mit der angestrebten Inflation von 2%.

Die Hoffnung der FED sei, dass der rhetorische Fokus auf die Preisstabilität gepaart mit den milden Zinsschritten und der ab Mai beginnenden Rückführung der Bilanzsumme - dies sei ebenfalls keine Überraschung gewesen - ausreichen würden, damit die Inflationserwartungen verankert bleiben würden. Die Rhetorik sei letztlich als Drohung zu verstehen, dass wenn die Inflationserwartungen doch ausbrechen sollten und/oder die Inflation nicht wie erwartet in der zweiten Jahreshälfte zurückgehe, die FED letztlich doch kräftiger als jetzt gewünscht auf die Bremse trete.

Und das sei letztlich das Risiko, das mit dieser Strategie einhergehe. Die FED könne angesichts ihres nicht misszuverstehenden Willens, Preisstabilität wiederherzustellen, keinen Rückzieher mehr machen, wenn das Preisumfeld sich deutlich ungünstiger entwickele. Sie müsse dann aus Glaubwürdigkeitsgründen zumindest ansatzweise den Volcker-Weg gehen. Paul Volcker, FED-Chef von 1979 bis 1987, habe die FED-Zinsen Ende der 1970er Jahre/Anfang der 1980er Jahre massiv angehoben, um die Inflation in den Griff zu bekommen.

Und so habe der Krieg in der Ukraine doch das Potenzial einen wesentlichen Einfluss auf die Geldpolitik der USA zu nehmen. Sollten sich nämlich die Spannungen zwischen Russland und der Ukraine rascher als erwartet abbauen, werde der Inflationsdruck von Seiten der Rohstoffpreise weiter nachlassen und es bestehe eine gute Chance, dass die Strategie der FED aufgehe. (Ausgabe vom 17.03.2022) (18.03.2022/alc/a/a)