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FED-Entscheidung: Ziehen jetzt die langfristigen Renditen nach?
22.09.23 09:53
Hamburg Commercial Bank
Hamburg (www.anleihencheck.de) - Die FED hat wie erwartet die Zinsen gleich gelassen. Die spannende Frage ist, was das für die langfristigen Renditen bedeutet, so Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt bei der Hamburg Commercial Bank.
"Kennen Sie diese Fahrstühle, mit denen man in wenig mehr als einer Minute 50 Stockwerke nach oben fährt und dann, kurz vor dem Erreichen des Ziels, die Geschwindigkeit gedrosselt wird, es noch einige Sekunden sanft ruckelt, und nach etwas Warten schließlich die Tür aufgeht?" - frage Dr. Cyrus de la Rubia. So ähnlich sei es mit den Zinsen in den USA gewesen. In einer für volkswirtschaftliche Verhältnisse rasenden Geschwindigkeit habe die Federal Reserve Bank im März 2022 angefangen ihren Leitzins anzuheben und sei jetzt, etwa anderthalb Jahre später, dabei anzukommen.
Im Juni habe man dann den Bremsprozess eingeleitet und eine erste Pause eingelegt, im Juli habe es noch etwas geruckelt und man habe die Zinsen um 25 BP auf die Bandbreite von 5,25 bis 5,50% angehoben. Gestern (20.09.) habe man dann entschieden, die Zinsen dort zu lassen. Ob das Ziel nunmehr erreicht sei, sei noch nicht klar, aber vieles spreche dafür. Die spannende Frage sei, wann und ob der Fahrstuhl irgendwann auch wieder herunterfahre.
"Okay, lösen wir uns von dem Fahrstuhlbild und schauen uns an, was die FED gestern genau kommuniziert hat", so Dr. Cyrus de la Rubia. Während die Tatsache, dass die US-Notenbank den Leitzins unverändert gelassen habe, kaum jemanden überrascht habe, sei die wichtigste Botschaft eine andere gewesen: In den Projektionen würden die 19 FOMC-Mitglieder im Durchschnitt davon ausgehen, dass es - nach einem weiteren Zinsanstieg in diesem Jahr - 2024 nur zu zwei Zinssenkungen kommen werde.
Im Juni hätten die Zentralbanker noch vier Zinssenkungen für angemessen gehalten. Woher komme der Sinneswandel, gehe die Inflation doch eigentlich plangemäß runter? Es sei die unerwartete fortgesetzte Stärke der Wirtschaft, wie Powell auf der Pressekonferenz mehrfach betont habe. Entsprechend sei in den FED-Prognosen nicht nur das BIP-Wachstum für dieses Jahr hochrevidiert worden (von 1,0 auf 2,1%, Vergleich Q4 2023 zu Q4/2022), sondern auch für das kommende Jahr (von 1,1 auf 1,5%). Die PCE-Inflation hingegen sehe man zum Ende von 2024 unverändert bei 2,5% (Kernrate: 2,6%).
Powell habe zwar einige Risiken genannt, aber erst, als er von Journalisten auf diese angesprochen worden sei. Unter diesen Risiken - wie etwa die verstärkten Streikaktivitäten, das Ende des Rückzahlungsmoratoriums von Studentenkrediten und der drohende Government Shutdown - habe der FED Präsident die gestiegenen Ölpreise besonders stark betont und die daraus resultierenden Inflationsrisiken.
Überhaupt habe sich Powell recht unbeirrt gezeigt: Die Wiederherstellung der Preisstabilität bleibe oberste Priorität. Zwar strebe man eine sanfte Landung an, aber notfalls werde man - so müsse man Powell verstehen - auch eine Rezession in Kauf nehmen. Unter dem Strich müsse man aber feststellen, dass es derzeit extrem gut für Powell laufe. Die Inflation tendiere nach unten, die Arbeitslosenrate steige leicht an, ohne wirklich weh zu tun, und das BIP expandiere.
Die FED scheine aus der vertrackten Situation einer Stagflation herauszukommen und könne wohl bald die Zinsen in gewohnter Weise in Reaktion auf die wirtschaftliche Aktivität hin anpassen und nicht in Reaktion auf nicht zu beeinflussende Angebotsschocks.
Die Beobachtung, dass die Wirtschaft trotz des dramatischen Anstiegs der Zinsen bislang nur recht milde abgebremst worden sei, lasse zwei Schlussfolgerungen zu: Entweder würden größere Auswirkungen wegen der Verzögerungen zwischen der Straffung der Finanzierungsbedingungen und der wirtschaftlichen Aktivität noch auf sich warten lassen. Oder das neutrale Zinsniveau - also das Zinsniveau, das die Ökonomie weder bremse noch beschleunige - sei deutlich gestiegen.
Im ersten Szenario würden die Analysten im nächsten Jahr eine Rezession erleben, die FED würde wie in früheren Zyklen die Zinsen deutlich senken und auch die langfristigen Renditen würden fallen. Im zweiten Fall hingegen würde die FED mehr oder weniger an dem erreichten Zinsniveau festhalten. Das wiederum würde die langfristigen Zinsen, die als das die Verkettung von erwarteten kurzfristigen Zinsen interpretiert werden könnten, weiter nach oben treiben.
Das sei das, was die Märkte derzeit offensichtlich spielen würden. Denn gestern seien die zehnjährigen T-Notes Renditen in Reaktion auf die FED-Sitzung um rund 10 BP nach oben gesprungen und lägen jetzt bei 4,42%. Die Zinsstruktur (zum Beispiel Renditen zehnjähriger T-Notes minus Leitzinsen) könnte sich, wenn sich diese Bewegung fortsetze, vom langen Ende her wieder normalisieren und nicht, wie bislang von den meisten Prognostikern erwartet, vom kurzen Ende. Mit anderen Worten: Während der Fahrstuhl für die kurzfristigen Zinsen kurz davor sei, sein Ziel zu erreichen, sei möglicherweise der Fahrstuhl für die langfristigen Zinsen noch im Aufwärtsmodus und es sei nicht einmal ausgeschlossen, dass er ein paar Stockwerke höher fahre als der Lift für die Leitzinsen. (Ausgabe vom 21.09.2023) (22.09.2023/alc/a/a)
"Kennen Sie diese Fahrstühle, mit denen man in wenig mehr als einer Minute 50 Stockwerke nach oben fährt und dann, kurz vor dem Erreichen des Ziels, die Geschwindigkeit gedrosselt wird, es noch einige Sekunden sanft ruckelt, und nach etwas Warten schließlich die Tür aufgeht?" - frage Dr. Cyrus de la Rubia. So ähnlich sei es mit den Zinsen in den USA gewesen. In einer für volkswirtschaftliche Verhältnisse rasenden Geschwindigkeit habe die Federal Reserve Bank im März 2022 angefangen ihren Leitzins anzuheben und sei jetzt, etwa anderthalb Jahre später, dabei anzukommen.
Im Juni habe man dann den Bremsprozess eingeleitet und eine erste Pause eingelegt, im Juli habe es noch etwas geruckelt und man habe die Zinsen um 25 BP auf die Bandbreite von 5,25 bis 5,50% angehoben. Gestern (20.09.) habe man dann entschieden, die Zinsen dort zu lassen. Ob das Ziel nunmehr erreicht sei, sei noch nicht klar, aber vieles spreche dafür. Die spannende Frage sei, wann und ob der Fahrstuhl irgendwann auch wieder herunterfahre.
"Okay, lösen wir uns von dem Fahrstuhlbild und schauen uns an, was die FED gestern genau kommuniziert hat", so Dr. Cyrus de la Rubia. Während die Tatsache, dass die US-Notenbank den Leitzins unverändert gelassen habe, kaum jemanden überrascht habe, sei die wichtigste Botschaft eine andere gewesen: In den Projektionen würden die 19 FOMC-Mitglieder im Durchschnitt davon ausgehen, dass es - nach einem weiteren Zinsanstieg in diesem Jahr - 2024 nur zu zwei Zinssenkungen kommen werde.
Im Juni hätten die Zentralbanker noch vier Zinssenkungen für angemessen gehalten. Woher komme der Sinneswandel, gehe die Inflation doch eigentlich plangemäß runter? Es sei die unerwartete fortgesetzte Stärke der Wirtschaft, wie Powell auf der Pressekonferenz mehrfach betont habe. Entsprechend sei in den FED-Prognosen nicht nur das BIP-Wachstum für dieses Jahr hochrevidiert worden (von 1,0 auf 2,1%, Vergleich Q4 2023 zu Q4/2022), sondern auch für das kommende Jahr (von 1,1 auf 1,5%). Die PCE-Inflation hingegen sehe man zum Ende von 2024 unverändert bei 2,5% (Kernrate: 2,6%).
Überhaupt habe sich Powell recht unbeirrt gezeigt: Die Wiederherstellung der Preisstabilität bleibe oberste Priorität. Zwar strebe man eine sanfte Landung an, aber notfalls werde man - so müsse man Powell verstehen - auch eine Rezession in Kauf nehmen. Unter dem Strich müsse man aber feststellen, dass es derzeit extrem gut für Powell laufe. Die Inflation tendiere nach unten, die Arbeitslosenrate steige leicht an, ohne wirklich weh zu tun, und das BIP expandiere.
Die FED scheine aus der vertrackten Situation einer Stagflation herauszukommen und könne wohl bald die Zinsen in gewohnter Weise in Reaktion auf die wirtschaftliche Aktivität hin anpassen und nicht in Reaktion auf nicht zu beeinflussende Angebotsschocks.
Die Beobachtung, dass die Wirtschaft trotz des dramatischen Anstiegs der Zinsen bislang nur recht milde abgebremst worden sei, lasse zwei Schlussfolgerungen zu: Entweder würden größere Auswirkungen wegen der Verzögerungen zwischen der Straffung der Finanzierungsbedingungen und der wirtschaftlichen Aktivität noch auf sich warten lassen. Oder das neutrale Zinsniveau - also das Zinsniveau, das die Ökonomie weder bremse noch beschleunige - sei deutlich gestiegen.
Im ersten Szenario würden die Analysten im nächsten Jahr eine Rezession erleben, die FED würde wie in früheren Zyklen die Zinsen deutlich senken und auch die langfristigen Renditen würden fallen. Im zweiten Fall hingegen würde die FED mehr oder weniger an dem erreichten Zinsniveau festhalten. Das wiederum würde die langfristigen Zinsen, die als das die Verkettung von erwarteten kurzfristigen Zinsen interpretiert werden könnten, weiter nach oben treiben.
Das sei das, was die Märkte derzeit offensichtlich spielen würden. Denn gestern seien die zehnjährigen T-Notes Renditen in Reaktion auf die FED-Sitzung um rund 10 BP nach oben gesprungen und lägen jetzt bei 4,42%. Die Zinsstruktur (zum Beispiel Renditen zehnjähriger T-Notes minus Leitzinsen) könnte sich, wenn sich diese Bewegung fortsetze, vom langen Ende her wieder normalisieren und nicht, wie bislang von den meisten Prognostikern erwartet, vom kurzen Ende. Mit anderen Worten: Während der Fahrstuhl für die kurzfristigen Zinsen kurz davor sei, sein Ziel zu erreichen, sei möglicherweise der Fahrstuhl für die langfristigen Zinsen noch im Aufwärtsmodus und es sei nicht einmal ausgeschlossen, dass er ein paar Stockwerke höher fahre als der Lift für die Leitzinsen. (Ausgabe vom 21.09.2023) (22.09.2023/alc/a/a)


