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FED: Eine Gefahr für die Weltwirtschaft?
18.10.17 11:30
Legg Mason
Baltimore (www.anleihencheck.de) - Der hartnäckige Aufstieg der Märkte seit der US-Wahl hat einige Investoren doch stark überrascht, weiß Jeffrey Schulze, Investmentstratege bei der hundertprozentigen Legg Mason-Tochtergesellschaft ClearBridge Investments.
"Die meisten haben mit der Amtseinführung von Donald Trump mit dem Schlimmsten gerechnet und als Vorbereitung auf Handelskriege und politische Fehlfunktionen ihre Cash-Positionen erhöht. Doch der Markt hat so reagiert, wie er es anscheinend am besten kann: Nämlich mit einem "Hü", als alle mit einem "Hott" gerechnet haben."
Statt durch die deflationäre Brille zu schauen, habe der Markt die reflationäre genutzt, erkläre Schulze. Und heute, elf Monate später, befinde man sich in einer einzigartigen Situation: Die Weltwirtschaft habe seit 2010 nicht mehr derart aus allen Zylindern gefeuert und auch der US-Aktienmarkt befinde sich auf einem Niveau, das ständig neue Höchststände hervorbringe - bei minimalen Rezessionsrisiken. "Unser Rezessionsbarometer zeigt für die kommenden zwölf Monate ein äußerst niedriges Risiko für einen wirtschaftlichen Abschwung an", betone der Investmentstratege.
73 Prozent der US-Unternehmen hätten ihre Gewinneinschätzung im zweiten Quartal dieses Jahres übertroffen. Der Durchschnitt der letzten 23 Jahre liege bei nur 64 Prozent. 69 Prozent der Unternehmen hätten außerdem ihre Verkaufsvorhersagen übertroffen. Im Schnitt sei das in den letzten fünf Jahren nur 54 Prozent gelungen, langfristig nur 59 Prozent. Und auch das weltweite Gesamtbild sei so gut wie seit zehn Jahren nicht mehr, seien Schulze und seine Kollegen überzeugt: "Zum ersten Mal seit der Finanzkrise befinden sich alle 35 von der OECD beobachteten Länder auf Wachstumskurs. Weltweite Risiken haben sich, ganz allgemein formuliert, im Laufe dieses Jahres aufgelöst."
Was der Investmentexperte meine: Europa habe sich nicht nur erfolgreich von den aufstrebenden Populisten distanziert, sondern profitiere auch von der extrem entgegenkommenden Geldpolitik, die die Bedingungen innerhalb der Währungsunion deutlich erleichtern würden. China befinde sich zwar immer noch auf dem Drahtseilakt einerseits die kurzfristigen Wachstumsziele zu erreichen, während andererseits versucht werde, Maßnahmen umzusetzen, die für einen mittelfristig nachhaltigeren Wachstumskurs nötig seien. Hier gäbe es wesentliche finanzielle Risiken in den kommenden Jahren - insbesondere wenn der schuldengetriebene Stimulus nicht gedrosselt werde. Die Zeichen würden derzeit aber eher in Richtung eines schwächeren Wachstums als auf eine Krise hindeuten, sei Schulze überzeugt. Schließlich würden China die strukturellen Wachstumstreiber nicht ausgehen, auch wenn diese gerne übersehen würden.
Jeffrey Schulze definiere ganz klar die FED als derzeit wesentliche Gefahrenquelle für die Weltwirtschaft in naher Zukunft. Kritisch sei beispielsweise der unerwartete Ruhestand von Stanley Fischer, der die neu zu besetzenden Posten innerhalb des FED-Boards von drei auf vier erhöhe. Und auch das Ausscheiden Janet Yellens nach dieser Amtsperiode halte der Experte der Legg Mason-Tochter ClearBridge für wahrscheinlich. "Sollte FED-Chefin Yellen tatsächlich ausscheiden, wäre US-Präsident Trump in der Lage, fünf von insgesamt sieben stimmberechtigten Mitgliedern der FED innerhalb der nächsten zwölf Monate neu zu ernennen. Kein anderer Präsident hatte seit Gründung der FED die Chance, die Amerikanische Zentralbank dermaßen neu zu gestalten", betone Schulze.
Würde das Komitee mit mehr Falken besetzt, wäre es durchaus möglich, dass diese eine schnellere Normalisierung der Zinsen durchsetzen, als es der aktuelle Plan vorsehe - und darauf würden die Aktienmärkte sicher nicht gut reagieren. Es gebe jedoch schon Hinweise, welche Richtung die Trump-Administration bevorzuge, wie Schulze erkläre: "Trump hat bereits darüber gesprochen, die US-Schulden neu zu verhandeln. Und auch seinen Wunsch nach einem schwachen US-Dollar hat er offen kommuniziert, was ungewöhnlich ist, da US-Präsidenten normalerweise keine Stellungnahmen zu den Währungsmärkten abgeben."
Doch wenn man einmal schaue, in welchen Bereichen Trump mit seinem Wahlkampf erfolgreich gewesen sei, wo sich das Blatt für ihn zum Positiven gewendet habe, dann seien es die Regionen gewesen, in denen die Fertigung stark gewesen sei - im amerikanischen "Rust Belt". Somit würden sich auch Trumps Äußerungen erklären, glaube Schulze, denn ein schwacher US-Dollar ließe amerikanische Waren und Güter international wieder attraktiver erscheinen und würde eben dem Produzierenden Gewerbe und der fertigenden Industrie zugute kommen.
Es spräche also einiges dafür, dass eine gemäßigte FED für Trump von Interesse sei - vielleicht sogar eine noch gemäßigtere als bisher. Und eine stärker politisch motivierte, weniger unabhängige Zentralbank sei eher geneigt, die Märkte in schwachen Phasen zu stimulieren und die Wirtschaft heiß laufen zu lassen, meine der ClearBridge-Experte. "Die meisten Rezessionen werden durch eine zu enge Geldpolitik am Ende eines Zyklus verursacht. Grund dafür sind meist Inflationsängste. Eine neu aufgestellte FED könnte die Zinsen absichtlich langsamer erhöhen - in der Hoffnung auf einen schwachen US-Dollar und damit einhergehender Inflation", führe Schulze weiter aus, gebe aber gleichzeitig zu bedenken, dass mit Eintreten eines deutlichen Inflationsdrucks auch die Volatilität an den Anleihe- und Aktienmärkten schnell zurückkommen könne.
"Mit einem Politikwandel der FED hin zu einer quantitativen Verengung wird am Markt kurzfristig eine gewisse Unsicherheit zu spüren sein", glaube der Investmentstratege. Und auch die Ausführungsfrage sei ungeklärt. Die FED habe zwar Erfahrung damit, Zinsen zu senken und zu erhöhen, mit der Reduzierung der Bilanz jedoch nicht. "Die FED wird dazu übergehen müssen, Wertpapiere in Höhe von einer Billion US-Dollar zu verkaufen statt wie bisher zu kaufen. Dieses überschüssige Angebot muss der Markt absorbieren, was wohl auf Kosten der Rendite geschehen wird", schließe Schulze ab. (18.10.2017/alc/a/a)
"Die meisten haben mit der Amtseinführung von Donald Trump mit dem Schlimmsten gerechnet und als Vorbereitung auf Handelskriege und politische Fehlfunktionen ihre Cash-Positionen erhöht. Doch der Markt hat so reagiert, wie er es anscheinend am besten kann: Nämlich mit einem "Hü", als alle mit einem "Hott" gerechnet haben."
Statt durch die deflationäre Brille zu schauen, habe der Markt die reflationäre genutzt, erkläre Schulze. Und heute, elf Monate später, befinde man sich in einer einzigartigen Situation: Die Weltwirtschaft habe seit 2010 nicht mehr derart aus allen Zylindern gefeuert und auch der US-Aktienmarkt befinde sich auf einem Niveau, das ständig neue Höchststände hervorbringe - bei minimalen Rezessionsrisiken. "Unser Rezessionsbarometer zeigt für die kommenden zwölf Monate ein äußerst niedriges Risiko für einen wirtschaftlichen Abschwung an", betone der Investmentstratege.
73 Prozent der US-Unternehmen hätten ihre Gewinneinschätzung im zweiten Quartal dieses Jahres übertroffen. Der Durchschnitt der letzten 23 Jahre liege bei nur 64 Prozent. 69 Prozent der Unternehmen hätten außerdem ihre Verkaufsvorhersagen übertroffen. Im Schnitt sei das in den letzten fünf Jahren nur 54 Prozent gelungen, langfristig nur 59 Prozent. Und auch das weltweite Gesamtbild sei so gut wie seit zehn Jahren nicht mehr, seien Schulze und seine Kollegen überzeugt: "Zum ersten Mal seit der Finanzkrise befinden sich alle 35 von der OECD beobachteten Länder auf Wachstumskurs. Weltweite Risiken haben sich, ganz allgemein formuliert, im Laufe dieses Jahres aufgelöst."
Jeffrey Schulze definiere ganz klar die FED als derzeit wesentliche Gefahrenquelle für die Weltwirtschaft in naher Zukunft. Kritisch sei beispielsweise der unerwartete Ruhestand von Stanley Fischer, der die neu zu besetzenden Posten innerhalb des FED-Boards von drei auf vier erhöhe. Und auch das Ausscheiden Janet Yellens nach dieser Amtsperiode halte der Experte der Legg Mason-Tochter ClearBridge für wahrscheinlich. "Sollte FED-Chefin Yellen tatsächlich ausscheiden, wäre US-Präsident Trump in der Lage, fünf von insgesamt sieben stimmberechtigten Mitgliedern der FED innerhalb der nächsten zwölf Monate neu zu ernennen. Kein anderer Präsident hatte seit Gründung der FED die Chance, die Amerikanische Zentralbank dermaßen neu zu gestalten", betone Schulze.
Würde das Komitee mit mehr Falken besetzt, wäre es durchaus möglich, dass diese eine schnellere Normalisierung der Zinsen durchsetzen, als es der aktuelle Plan vorsehe - und darauf würden die Aktienmärkte sicher nicht gut reagieren. Es gebe jedoch schon Hinweise, welche Richtung die Trump-Administration bevorzuge, wie Schulze erkläre: "Trump hat bereits darüber gesprochen, die US-Schulden neu zu verhandeln. Und auch seinen Wunsch nach einem schwachen US-Dollar hat er offen kommuniziert, was ungewöhnlich ist, da US-Präsidenten normalerweise keine Stellungnahmen zu den Währungsmärkten abgeben."
Doch wenn man einmal schaue, in welchen Bereichen Trump mit seinem Wahlkampf erfolgreich gewesen sei, wo sich das Blatt für ihn zum Positiven gewendet habe, dann seien es die Regionen gewesen, in denen die Fertigung stark gewesen sei - im amerikanischen "Rust Belt". Somit würden sich auch Trumps Äußerungen erklären, glaube Schulze, denn ein schwacher US-Dollar ließe amerikanische Waren und Güter international wieder attraktiver erscheinen und würde eben dem Produzierenden Gewerbe und der fertigenden Industrie zugute kommen.
Es spräche also einiges dafür, dass eine gemäßigte FED für Trump von Interesse sei - vielleicht sogar eine noch gemäßigtere als bisher. Und eine stärker politisch motivierte, weniger unabhängige Zentralbank sei eher geneigt, die Märkte in schwachen Phasen zu stimulieren und die Wirtschaft heiß laufen zu lassen, meine der ClearBridge-Experte. "Die meisten Rezessionen werden durch eine zu enge Geldpolitik am Ende eines Zyklus verursacht. Grund dafür sind meist Inflationsängste. Eine neu aufgestellte FED könnte die Zinsen absichtlich langsamer erhöhen - in der Hoffnung auf einen schwachen US-Dollar und damit einhergehender Inflation", führe Schulze weiter aus, gebe aber gleichzeitig zu bedenken, dass mit Eintreten eines deutlichen Inflationsdrucks auch die Volatilität an den Anleihe- und Aktienmärkten schnell zurückkommen könne.
"Mit einem Politikwandel der FED hin zu einer quantitativen Verengung wird am Markt kurzfristig eine gewisse Unsicherheit zu spüren sein", glaube der Investmentstratege. Und auch die Ausführungsfrage sei ungeklärt. Die FED habe zwar Erfahrung damit, Zinsen zu senken und zu erhöhen, mit der Reduzierung der Bilanz jedoch nicht. "Die FED wird dazu übergehen müssen, Wertpapiere in Höhe von einer Billion US-Dollar zu verkaufen statt wie bisher zu kaufen. Dieses überschüssige Angebot muss der Markt absorbieren, was wohl auf Kosten der Rendite geschehen wird", schließe Schulze ab. (18.10.2017/alc/a/a)


