Eurozone: Die Schnellschätzung für die Inflation im August mit besonderer Spannung erwartet


28.08.23 08:30
Raiffeisen Bank International AG

Wien (www.anleihencheck.de) - Im Datenkalender der laufenden Woche für die Eurozone wird die Schnellschätzung für die Inflation im August aus mehreren Gründen mit besonderer Spannung erwartet, so die Analysten der Raiffeisen Bank International AG (RBI).

Erstens gehe es um die Frage, ob sich die Güterinflation definitiv normalisiert habe (Veränderungsraten im Vergleich zum Vormonat). Die Güterinflation habe sich von ihrem Höchststand von 6,8% p.a. im Februar auf 5,0% p.a. im Juli deutlich reduziert und sei die treibende Kraft hinter der Verlangsamung der Kerninflation gewesen. Die Teuerungsraten von Dienstleistungen hätten bis zuletzt ihren langsamen und allmählichen Anstieg fortgesetzt.

Zweitens könnte die Lebensmittelpreisinflation auf unter 10% im Jahresvergleich sinken und damit zum ersten Mal seit Juli 2022 wieder einstellig werden. Starke Basiseffekte in Verbindung mit einer Normalisierung auf den Börsen für Lebensmittelrohstoffe sollten dies bewirken. Allerdings seien Lebensmittelpreise sehr volatil und schwer vorherzusagen.

Drittens dürfte der Anstieg der Ölpreise seinen Tribut fordern. Kraftstoffpreise hätten den Anstieg der Rohölpreise mitvollzogen und so sei mit einem recht drastischen Anstieg der Energiepreise im Vergleich zum Vormonat zu rechnen. Die Erdgaspreise lägen aber weit unter dem Vorjahresniveau. Dieser starke Basiseffekt bedeute, dass selbst ein drastischer Anstieg des Preisniveaus von Energiegütern im Vergleich zum Vormonat nicht ausreiche, um die Energieinflation im Jahresvergleich in den positiven Bereich zu heben.

Die Analysten der RBI würden für August eine Gesamtinflation von 5,1% im Jahresvergleich prognostizieren, gegenüber 5,3% im Juli, was eine weitere Verlangsamung bedeute. Starke Basiseffekte sowohl bei den Lebensmittel- als auch bei den Energiepreisen würden die treibenden Kräfte hinter der Verlangsamung bleiben und diese Entwicklung dürfte bis zum Frühjahr 2024 anhalten. Bei der Kerninflation würden die Analysten der RBI einen leichten Rückgang auf 5,2% gegenüber 5,5% im Juli erwarten. Der Hauptgrund für den Rückgang sei die Teuerung bei Gütern, die sowohl auf Basiseffekte als auch auf die Normalisierung der Lieferketten zurückzuführen sei.

Die Dienstleistungsinflation dürfte dagegen relativ stabil bleiben und erst im September deutlich zurückgehen. Aufgrund eines starken negativen Beitrags der Energiepreise und einer hartnäckigen Dienstleistungspreisinflation liege die Kerninflation über der Gesamtinflation: Dies dürfte mindestens bis Mitte 2024 anhalten.

Nach dem dynamischen Rendite-Anstieg in der ersten Augusthälfte hätten sich US-Treasury- und Bund-Renditen in den letzten Tagen etwas konsolidiert. Der Auslöser sei leicht zu finden. Es seien die schwächer als erwarteten PMIs. Datenabhängige Zentralbanken könnten diese als Indiz dafür sehen, dass es Zeit für eine Pause (im September) sei. Sowohl die EZB als auch die FED würden derzeit in Jackson Hole versuchen, das richtige Gleichgewicht zwischen dem Risiko, zu wenig zu tun, und dem Risiko, zu viel zu tun, zu finden. Während man sich in Jackson Hole auf langfristige/strukturelle Themen konzentrieren könnte, bleibe die Datenabhängigkeit der Schlüssel für das tägliche Zentralbankgeschäft - und insbesondere für die Entscheidung im September.

Für die FED stünden als Nächstes die PCE-Inflation, die zweite Schätzung des BIPs für das zweite Quartal und Arbeitsmarktdaten (Beschäftigungsbericht, offene Stellen) an. Letztere würden wahrscheinlich das größte Potenzial für Marktüberraschungen bergen. Das Beschäftigungswachstum in der Privatwirtschaft sei in den letzten Monaten (nur) allmählich zurückgegangen - eine Überraschung nach oben/unten würde bedeuten, dass sich Renditen in dieselbe Richtung bewegen würden. Das Lohnwachstum, welches sich bisher nur unzureichend abgeschwächt habe (0,4% p.m. im Juni und Juli), könnte von besonderem Interesse sein, um festzustellen, ob der US-Arbeitsmarkt zu einem besseren Gleichgewicht finde. Darüber hinaus gehöre der Anteil an offenen Stellen zu den wichtigsten Arbeitsmarktindikatoren, die die FED im Auge habe. Dieser habe seinen Höchststand bereits hinter sich gelassen, sei aber immer noch erhöht.

Neben den Spillover-Effekten vom US-Treasury-Markt würden die Anleihemärkte des Euroraums die neuen Inflationsdaten und das EZB-Protokoll von der Juli-Sitzung genau unter die Lupe nehmen. Im Juli habe die EZB die Phase der Vorabverpflichtungen beendet und setze nun voll auf Datenabhängigkeit. Es werde interessant sein zu sehen, wie kontrovers die Auswirkungen der geldpolitischen Straffung im EZB-Rat diskutiert worden seien. Die wirtschaftlichen Abwärtsrisiken für den Euroraum seien offensichtlich, doch die Kerninflation scheine beständig zu sein und die Anzeichen für Disinflation seien zaghaft. Es sei nicht auszuschließen, dass das EZB-Protokoll Rückschlüsse für die September-Sitzung erlauben würden, die in der offiziellen Kommunikation so nicht zur Geltung gekommen seien. An den Märkten würden die Chancen für eine Zinserhöhung der EZB im September weiterhin als 50/50 eingeschätzt. (Ausgabe vom 25.08.2023) (28.08.2023/alc/a/a)