Eurozone: Geldpolitik sollte sich auf mehr Inflation vorbereiten


19.04.18 12:45
Helaba

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die EZB hat in den vergangenen Jahren mit einer besonders expansiven Geldpolitik sowohl die Konjunktur als auch die Stabilität des Finanzsystems unterstützt, so Dr. Stefan Mütze von der Helaba.

Die günstigen Konjunkturdaten in allen Mitgliedstaaten der Europäischen Währungsunion würden diese Politik erfolgreich erscheinen lassen, auch wenn am aktuellen Rand eine leichte Abkühlung unübersehbar sei. Dies gelte bislang noch nicht für das Inflationsziel der Notenbank von "unter, aber nahe 2%". Die Verbraucherpreise in der Eurozone seien im März 2018 um 1,4% gestiegen. 2017 habe der Wert bei jahresdurchschnittlich 1,5% gelegen. Nachhaltig sei die 2-Prozentmarke zuletzt vor sechs Jahren erreicht und sogar überschritten worden. Immerhin sei die 2014/2015 häufig diskutierte Deflationsgefahr definitiv gebannt.

Das Ziel der Preisniveaustabilität müsse quantifiziert werden, wolle die Notenbank ihre Geldpolitik daran ausrichten. Sowohl zu hohe als auch zu niedrige Inflationsraten seien mit ökonomischen Kosten verbunden. Das EZB-Ziel von "unter, aber nahe 2%" versuche, diese Kosten zu minimieren. Allerdings sei eine stringente Ableitung nicht möglich. Die Digitalisierung und die Globalisierung könnten einerseits für niedrigere Ziele sprechen. Auch seien in der Vergangenheit die Fälle einer "guten" Deflation häufiger als die einer "bösen" Deflation gewesen. Andererseits müsse berücksichtigt werden, dass die Notenbank mit einem niedrigeren Inflationsziel ihre wirtschaftspolitischen Möglichkeiten bei Rezessionen einschränke. Je niedriger die Inflationsrate sei, umso weniger stark könne sie beim Erreichen der Nullzinsgrenze die realen Leitzinsen senken.

Darüber hinaus müsste die Notenbank mit einer unkonventionellen Geldpolitik reagieren. Bei niedrigeren Inflationszielen steige somit die Wahrscheinlichkeit hierfür. Da das 2-Prozentziel nur ein heuristisches Maß darstellen könne, sollten die geldpolitischen Weichen schon frühzeitig und nicht erst beim tatsächlichen Erreichen der angestrebten Inflation gestellt werden. Im aktuellen Umfeld mit hohem Wachstum und nahezu ausgeschlossenen Deflationsgefahren dürfte das Auslaufen des Anleihe-Kaufprogramms im September 2018 angemessen sein.

Überdurchschnittlich würden aktuell die Preise für Nahrungsmittel zulegen. Die Kernrate, die diese Komponente und Energie herausrechne, schwanke bereits seit Mitte 2013 um die 1-Prozentmarke. Ein Anstieg sei bislang nicht zu beobachten. Gebremst werde die Kernrate von Industriegütern ohne Energie, die im März mit 0,2% gegenüber Vorjahr kaum teurer geworden seien, während Dienstleistungen um 1,5% zugelegt hätten. Industriegüter würden vorwiegend international gehandelt. Die preissenkenden Effekte der Globalisierung hätten damit hier eine große Bedeutung. Neben Kleidung, Schuhen und Haushaltsprodukten würden Autos sowie elektronische Geräte zu den Industriegütern gehören. Bei Letzteren würden zur Qualitätsmessung hedonische Verfahren verwendet. Da elektronische Güter durch hohe Leistungssteigerungen gekennzeichnet seien, würden die qualitätsbereinigten Preise deutlich fallen.

Dienstleistungen seien dagegen im Durchschnitt weniger der Globalisierung ausgesetzt, was den Wettbewerbsdruck tendenziell vermindere. Auch seien hier Produkte nicht-privater Anbieter, wie Gesundheitsdienstleistungen oder der stark vom Ölpreis abhängige öffentliche Personennahverkehr enthalten würden. Selbst in Mitgliedsländern mit immer noch hoher Arbeitslosigkeit könnten deswegen in diesen Bereichen die Preise deutlicher zulegen. Kostensteigerungen würden daher häufig auf die Konsumenten überwälzt, auch weil die öffentlichen Haushalte entlastet werden sollten.

Für die EZB bestehe die Herausforderung, dass die Inflationsunterschiede zwischen den Ländern erheblich seien. 2017 hätten immerhin sieben Mitglieder der Währungsunion einen Wert von 2% oder darüber erreicht. In der Spitze habe die Geldentwertung in Estland und Litauen 3,7% betragen. Allerdings seien wichtige Staaten wie Frankreich und Italien unter dem Durchschnitt von 1,5% gewesen, während Deutschland darüber gelegen habe. Spanien habe 2017 zum dritten Mal in Folge ein sehr hohes Wirtschaftswachstum von über 3% aufgewiesen, was dazu beigetragen habe, dass die Inflationsrate auf 2% angestiegen sei.

Die aktuelle Geldpolitik, die für den Durchschnitt des Währungsraumes angemessen erscheine, dürfte für einige Mitgliedsländer bereits zu expansiv ausfallen. Gravierender würden die Zielkonflikte, betrachte man neben den klassischen Verbraucherpreisen auch die Bewertung von Assets. In den letzten Jahren hätten beispielsweise die Immobilienbewertungen deutlich zugenommen. Auch im Durchschnitt der Eurozone seien die Preise für Wohnimmobilien bereits über dem Niveau vor der Wirtschafts- und Finanzkrise. Eine Blasenbildung sei bei einer Fortsetzung dieser Entwicklung zumindest in einzelnen Ländern nicht auszuschließen. Dies gelte auch für Deutschland, für das die Geldpolitik der Notenbank zu expansiv sei. Eine Korrektur der hohen Bewertungen an den Aktienmärkten hingegen habe zu Jahresbeginn schon eingesetzt.

Die Kapazitäten der deutschen Wirtschaft seien bereits seit 2017 überdurchschnittlich ausgelastet. Auch in der gesamten Eurozone dürfte die Produktionslücke seit Herbst 2017 geschlossen sein und sich bis 2019 auf rund 1% in Relation zum Produktionspotenzial öffnen. Damit stelle sich die Frage, warum die Inflation bislang eher zögerlich hierauf reagiert habe. Führe die Digitalisierung oder die Unterschätzung von Mietsteigerungen dazu, dass die amtlichen Statistiken das "wahre" Ausmaß der Inflation nicht mehr richtig erfassen würden? Sei der Zusammenhang zwischen Auslastung der Produktionskapazitäten und Inflation, die so genannte Phillips-Kurve, nicht mehr gegeben? Oder müsse einfach mit gewissem Zeitverzug mit einem Anstieg der Inflation gerechnet werden?

Häufig werde argumentiert, die zunehmende Digitalisierung verringere den Aussagewert der Statistik, sodass das wahre Ausmaß der Inflation deutlich unterschätzt werde. Dies sei wenig wahrscheinlich, allein weil digitalisierte Produkte bislang eine eher geringe Bedeutung hätten. Auch in einer umfangreichen Abgrenzung würden derartige Güter nur rund 10% des aktuellen Warenkorbes in der deutschen Verbraucherpreisstatistik erreichen. Beim harmonisierten Preisindex für die gesamte Eurozone dürfte sich dies kaum anders darstellen. Zudem werde bereits im bestehenden konzeptionellen Rahmen der Digitalisierung adäquat Rechnung getragen. So würden Änderungen der Handels- und Unternehmensstrukturen wie der zunehmende Online-Handel in der Statistik erfasst. Auch die Preise von Leistungen der Online-Plattformen würden berücksichtigt. Dies gelte ebenso für neue digitale Güter wie E-Books oder Musik-Streaming, die in den Warenkorb aufgenommen worden seien.

Die Verbraucherpreisstatistik könnte auch durch eine Untererfassung des Mietanstiegs verzerrt sein. Immerhin hätten die Nettokaltmieten im aktuellen deutschen Preisindex ein Gewicht von 21%. Im harmonisierten Preisindex sei der Anteil allerdings mit 10,4% weniger als halb so hoch, da hier im Gegensatz zum Verbraucherpreisindex das selbstgenutzte Wohneigentum nicht berücksichtigt werde. Der harmonisierte Preisindex für einzelne Länder oder auch für die Eurozone insgesamt sei damit deutlich weniger anfällig für mögliche Verzerrungen durch Mieten. 2017 seien diese in Deutschland um 1,6% angestiegen, nach 1,2% im Jahr zuvor. Im März 2018 seien ebenfalls 1,6% erreicht worden. Dieser Wert umfasse nicht nur städtische, sondern auch ländliche Regionen, wo sich Anpassungen langsamer und moderater vollziehen würden. Entscheidend sei, dass neu erstellte Wohnungen mit vermutlich deutlichen Anstiegen einen nur sehr geringen Anteil am gesamten Wohnungsbestand hätten. Bestandsmieten hingegen würden sich häufig kaum bewegen.

Das Statistische Bundesamt habe eine neue Mietenstichprobe eingeführt, um die tatsächliche Entwicklung repräsentativer zu erfassen. Dabei handle es sich um eine geschichtete Zufallsstichprobe, bei der einzelne, bislang unterproportional aufgenommene Wohnungssegmente (z.B. Mietangebote privater Kleinvermieter im ländlichen Raum) adäquater berücksichtigt würden. Zudem würden die Vergleichbarkeit und Qualität der Erhebung verbessert. So fänden für die Qualitätsbereinigung bei Modernisierungen nun einheitliche Kriterien Verwendung. Neu erstellte Wohnungen würden systematisch einbezogen. Während die aktualisierte Mietenstichprobe bereits eingeführt sei, werde die komplette Umsetzung erst mit der Umstellung auf das Basisjahr 2015 im Jahr 2019 vorgenommen. Mit erheblichen Änderungen der Mietanpassungen sollte hierdurch allerdings nicht gerechnet werden.

Gehe man davon aus, dass die amtliche Statistik weiterhin aussagekräftig sei, bleibe die Frage, warum sich die Verbraucherpreise bislang so zögerlich entwickelt hätten. Ein Hauptgrund dürfte sein, dass die Lohnstückkosten in der Eurozone seit 2014 nach dem Überwinden der europäischen Staatsschuldenkrise um nur jahresdurchschnittlich rund 0,7% gestiegen seien. Zwischen 2000 und 2007, also vor der großen Wirtschafts- und Finanzkrise, sei der Zuwachs mit 1,6% mehr als doppelt so stark gewesen. Entscheidende Ursache hierfür sei die in den letzten Jahren hohe Arbeitslosigkeit in vielen vor allem südeuropäischen Mitgliedsländern gewesen. Sie habe dort zu außergewöhnlich niedrigen Lohnzuwächsen geführt. Mit der kontinuierlichen Besserung am Arbeitsmarkt dürfte sich das zunehmend ändern. Dies gelte umso mehr als tendenziell höhere Lohnzuwächse auf nur moderate Produktivitätssteigerungen treffen würden, die zuletzt in der Eurozone unter der 1-Prozentmarke verharrt hätten.

Hinzu komme, dass bei steigender Auslastung der Produktionskapazitäten die Preismacht der Unternehmen zunehme. Höhere Lohnstückkosten könnten dann leichter überwälzt werden. Genau dies sei selbst in der Eurozone bereits in Gang gekommen. Die Einkaufsmanagerbefragung zeige, dass die Unternehmen des gemeinsamen Währungsraumes ihre Verkaufspreise deutlicher anheben möchten. Diese Tendenz sei auch bei den Erzeugerpreisen festzustellen. Effekte auf die Verbraucherpreise würden nicht ausbleiben.

Dieser zyklische Verlauf sollte entscheidend für die Preisentwicklung und die Geldpolitik sein. Zwar hätten auch strukturelle Entwicklungen wie demografische Faktoren oder die Digitalisierung Preiseffekte. Die Auswirkungen der älter werdenden Gesellschaft auf die Inflation seien empirisch allerdings nicht eindeutig. Der kontinuierliche Prozess der Digitalisierung hingegen bremse den Inflationsanstieg. Beispielsweise werde durch den Online-Handel die Preisinformation für den Kunden deutlich verbessert. Auf der Produktionsseite würden der Einsatz von Robotern und künstlicher Intelligenz sowie die Einführung von Industrie 4.0 zu Kostensenkungen und höherer Flexibilität führen. Empirische Untersuchungen kämen allerdings zu dem Ergebnis, dass die Effekte auf die Verbraucherpreise bislang eher bescheiden ausfallen würden.

Weiterhin preisdämpfende Effekte würden von der Globalisierung ausgehen, da sie den Wettbewerbsdruck deutlich erhöhe. Allerdings könnte der weltweit zunehmende Protektionismus dem entgegenwirken. Das Zurückschrauben des freien Handels würde zu einem höheren Preisniveau führen und sich letztendlich weltweit schädlich auswirken. Handelsstrukturen würden sich allerdings - wenn überhaupt - nur langsam ändern, sodass die Effekte auf kurze Sicht vernachlässigbar seien. Trotzdem sollten sich wirtschaftspolitische Institutionen wie die EU-Kommission und die nationalen europäischen Regierungen weiterhin für ein möglichst hohes Maß an Freihandel einsetzen.

Die so genannte Phillips-Kurve, die einen inversen empirischen Zusammenhang zwischen dem Auslastungsgrad einer Wirtschaft und dem Lohn- bzw. Preisanstieg beschreibe, scheine damit weiterhin gültig zu sein. Allerdings dürfte die Steilheit der Kurve abgenommen haben. Damit müsse davon ausgegangen werden, dass die expansive Geldpolitik der EZB das Wachstum und den Auslastungsgrad in der Eurozone erhöhe. Mit Verzögerung führe dies auch zu höheren Lohnzuwächsen und einer ansteigenden Teuerungsrate.

Die Wirtschaft der Eurozone werde 2018 mit voraussichtlich 2% erneut deutlich expandieren. 2019 dürfte sich der Anstieg des Bruttoinlandsprodukts nur leicht auf 1,7% verringern. Der gemeinsame Währungsraum wachse damit weiterhin über seinem Potenzial. Durch die beschriebenen Mechanismen dürfte die Kernrate von aktuell 1% allmählich auf nahe 2% Ende 2019 ansteigen. Gehe man von verhältnismäßig stabilen Ölnotierungen aus, werde dies auch für die Gesamtinflationsrate gelten.

Die wirtschaftliche Entwicklung im Euroraum sei auf einem guten Weg. Angesichts des aktuellen Wachstums- und Inflationsausblicks sowie des allgemeinen Finanzmarktumfeldes sollte die EZB schon in der ersten Jahreshälfte 2018 signalisieren, dass sie über den Exit aus der ultra-lockeren Geldpolitik nachdenke. Im September sollte dann das Kaufprogramm beendet werden, bevor 2019 erste zinspolitische Maßnahmen wie die Erhöhung des Einlagezinses und im weiteren Jahresverlauf die Anhebung des Refinanzierungssatzes zu beschließen wären. (19.04.2018/alc/a/a)