Eurozone: Ein Emporschießen der Inflationsrate im August erwartet


27.08.21 17:00
Raiffeisen Bank International AG

Wien (www.anleihencheck.de) - Am Beginn der kommenden Woche stehen zunächst Daten aus der Eurozone im Vordergrund, so die Analysten der Raiffeisen Bank International AG (RBI).

Die Sentiment-Umfragen der EU-Kommission hätten im Industriesektor und in der Gesamtwirtschaft zuletzt den höchsten Wert seit Beginn der Erhebung Anfang der 90er Jahre erreicht. Die Umfragewerte für Dienstleister und Einzelhandel befänden auf einem hohen Niveau aber aufgrund von gewissen Geschäftseinschränkungen nicht auf Rekordständen. Die Analysten der RBI würden denken, dass der Zenit überschritten worden sei, und bei allen Umfragen mit einem Rückgang rechnen. Immerhin sei der stärkste Impuls aus dem Hochfahren der Geschäftstätigkeit bereits erfolgt. Zudem dürfte die Ausbreitung der Delta-Coronavirus Variante für etwas Verunsicherung sorgen. Unsere Meinung ist, dass sich diese Stimmungsindikatoren in den nächsten Monaten und Quartalen auf einem niedrigeren aber immer noch hohen Niveau konsolidieren, so die Analysten der RBI.

Besonders viel Aufmerksamkeit dürfte den Inflationsdaten für August geschenkt werden. Die jährliche Veränderung der Verbraucherpreise sei zuletzt von 1,9% auf 2,2% gestiegen. Den größten Beitrag zu diesem Anstieg hätten die Energiepreise geleistet, die Teuerung ex Energie und Lebensmittel (Kernrate) habe sich von 0,9% p.a. auf 0,7% p.a. reduziert. Ein gewisser Anstieg der Gesamtrate sei aufgrund des hohen Rohölpreises erwartet worden, der Preisanstieg bei Gas sei jedoch unerwartet stark gewesen. Die Preisentwicklung der meisten Waren habe im Juli mehr oder weniger dem traditionellen saisonalen Muster entsprochen, das vor der Pandemie zu beobachten gewesen sei. Bei einigen Artikeln sei jedoch ein gewisser - mit der Pandemiesituation verbundener - Preisanstieg zu beobachten gewesen (Kraftfahrzeuge, Möbel sowie Restaurants und Hotels).

Zum jetzigen Zeitpunkt könne noch nicht abschließend beurteilt werden, ob der erhöhte monatliche Anstieg bei diesen Warengruppen im Juli auch in den folgenden Monaten anhalten werde. So oder so, im August sei jedenfalls ein Emporschießen der Inflationsrate zu erwarten. Hauptverantwortlich dafür sei ein starker Basiseffekt in Frankreich, Italien und den Niederlanden. In diesen Ländern seien im Vorjahr die üblichen Preissenkungen im Sommerschlussverkauf zum Teil erst im August angesetzt worden. Dieses Jahr sei der Beginn des Abverkaufs zur Gänze wieder im Juli erfolgt. Anders als im Vorjahr würden also die Preise von Saisonwaren diesen August nicht mehr gesenkt und so schieße die Preisveränderungsrate im Jahresvergleich nach oben. Die Kernrate dürfte vor allem aufgrund dieses Basiseffekts auf 1,6% p.a. ansteigen. Die Teuerung bei Energiegütern sollte mit einem Anstieg bei Kraftstoffen auf hohem Niveau verharren. Die Lebensmittelpreise dürften keine Überraschungen bringen. Die jährliche Dynamik werde aktuell durch die veränderte saisonale Dynamik von Gemüse beeinflusst.

Für die Gesamtrate würden die Analysten der RBI eine Inflationsrate von 2,8% gegenüber dem Vorjahr erwarten (+0,2% gegenüber dem Vormonat). Das hohe Niveau der Gesamt- und Kerninflation dürfte bis zum Ende des Jahres anhalten. Der Jahresdurchschnitt könnte somit 2,0% für die Gesamtinflation und 1,4% für die Kerninflation erreichen.

Der zweite Teil der Woche stehe ganz im Zeichen von US-Daten, allen voran der Information zur Arbeitsmarktlage. Die Erholung am Arbeitsmarkt habe zuletzt an Dynamik zulegen können. Insbesondere in den Monaten Juni und Juli habe der Beschäftigungszuwachs (ex Agrar) mit über 900 Tausend deutlich über dem Durchschnitt der vorangegangenen Monate gelegen. Trotz des deutlichen Beschäftigungsaufbaus (+4,3 Millionen seit Dezember 2020) liege die Beschäftigung noch 5,7 Millionen unter dem Vorkrisenniveau. Im August werde eine Fortsetzung der guten Dynamik erwartet (mehr als 750 Tausend). Die Unsicherheit sei aber erhöht, da unklar sei, wie deutlich die steigenden Coronavirus-Fälle und Hospitalisierungen am Arbeitsmarkt spürbar sein würden. Die Einkaufsmanagerindices (PMI) hätten insbesondere im Dienstleistungssektor einen Rückgang des Beschäftigungsaufbaus (50,8 vs. 53,3 im Vormonat) gezeigt.

Im Wochenverlauf würden weitere Stimmungsindikatoren veröffentlicht. Die ISM-Indices würden leicht niedriger aber auf einem anhaltend hohen Niveau erwartet (nahe oder sogar über 60 Punkten). Auch hier werde der Fokus wohl auf einem möglichen stärkeren Rückgang im Nicht-Verarbeitenden Gewerbe gerichtet sein. Abseits der ISM-Indices sei auch die Konsumentenstimmung (Conference Board) von Interesse, um zu sehen, ob der deutliche Rückgang der Konsumentenstimmung (University of Michigan) von Mitte August bestätigt werde. Das Ausmaß der Widerstandsfähigkeit der US-Konjunktur gegen die sich ausbreitende Delta-Coronavirus Variante stehe somit derzeit klar im Fokus.

Am Finanzmarkt habe das Warten auf die Rede von FED-Präsident Powell beim alljährlichen geldpolitischen Symposium in Jackson Hole die Woche geprägt. In Erwartung auf mögliche Details zum FED-Tapering (Reduktion der Anleihekäufe) sei eine Versteilung der Benchmark-Renditekurven beobachtbar gewesen. 10-jährige Renditen seien auf beiden Seiten des Atlantiks um 8 Basispunkte auf über 1,3% in den USA und nahe -0,4% in Deutschland gestiegen.

Auch wenn wir keine offizielle Tapering Verlautbarung Powell's erwarten, so denken wir doch, dass dieser einen entsprechenden Beschluss auf der nächsten Zinssitzung im September verbal vorbereiten wird, so die Analysten der RBI. Man werde sich nach Meinung der Analysten der RBI aber nicht bereits auf einen detaillierten Fahrplan festlegen, sondern vielmehr die Flexibilität bewahren in Abhängigkeit konjunktureller Entwicklungen und sich manifestierender Risiken zu handeln. Mit dem Arbeitsmarktbericht für den Monat August im Gepäck und einem aktuellen Set an Wirtschaftsprognosen könnte die September Zinssitzung der Federal Reserve (21. bis 22.) damit die geldpolitische Normalisierung in den USA einleiten. (27.08.2021/alc/a/a)