Eurozone: Aussicht auf Leitzinsanhebung im Jahr 2019


29.03.18 11:15
Raiffeisen Bank International AG

Wien (www.anleihencheck.de) - Die Europäische Zentralbank (EZB) signalisiert, dass bei einem anhaltenden Aufschwung die Einwirkung der Geldpolitik zurückgefahren werden soll, so die Analysten der Raiffeisen Bank International AG (RBI).

Die Konjunkturdynamik liege seit mehreren Quartalen deutlich über dem langfristigen Durchschnitt und auch im Jahr 2018 zeichne sich eine starke Zunahme der Wirtschaftsleistung ab. Dennoch werde die Notenbank nach Einschätzung der Analysten behutsam vorgehen. Das Tempo und Ausmaß der Verringerung der geldpolitischen Akkommodation würden wohl von der Entwicklung der Inflation bzw. des Teuerungsdrucks abhängen. Der generelle Ablauf bei der Rückführung von Maßnahmen sei klar kommuniziert. Zuerst sollten die Netto-Anleihekäufe reduziert und schließlich beendet werden. In einem nächsten Schritt und erst längere Zeit nach dem Ende der Netto-Anleihekäufe sollten laut "forward guidance" Leitzinsanhebungen erfolgen.

Auf der Zinssitzung Anfang März habe die EZB den "easing bias" bezüglich des Anleihekaufprogramms fallengelassen. Dies werten die Analysten der RBI als Signal, dass ein formaler Beschluss für ein Ende der Netto-Anleihekäufe näher rückt. Sollte die Inflationsrate in den kommenden Monaten wie erwartet anziehen, so dürfte das Anleihekaufprogramm im September oder nach einer kurzen Auslaufphase mit einem monatlichen Volumen von EUR 10 Mrd. im Dezember beendet werden. Eine erste Zinsanhebung halten die Analysten der RBI in beiden Fällen Ende Q1 2019 für möglich. Der Geldmarkt sollte wie üblich die Zinswende ein wenig vorwegnehmen. Die Analysten würden daher erwarten, dass Euribor-Sätze mit Bindungsfrist von drei Monaten und länger schon gegen Ende dieses Jahres beginnen würden, nach oben zu driften.

Die EZB habe zu Beginn des Jahres die Netto-Anleihekäufe von zuvor durchschnittlich EUR 60 Mrd. pro Monat auf EUR 30 Mrd. zurückgefahren. Mit verminderter Einwirkung sei ein Renditeanstieg bei deutschen Staatsanleihen erfolgt. Mit dem von den Analysten der RBI erwarteten Ende der Netto-Anleihekäufe gegen Ende dieses Jahres ergibt sich somit weiteres Aufwärtspotenzial ("flow-effect"). Allerdings dürfe nicht unterschätzt werden, wie stark auch der inzwischen hohe Bestand an Anleihen in Hand der Notenbank das Renditeniveau dämpfe ("stock-effect"), indem die Laufzeitenprämie (Abgeltung für die Bindungsfrist des Kapitals und der damit einhergehenden Unsicherheiten) nach unten gedrückt werde.

Laut einer Untersuchung der EZB stünden aktuell weniger als 10% der deutschen Bundesanleihen für private Investoren zur Verfügung. Der überwiegende Teil werde von Notenbanken gehalten. Im Laufe dieses Jahres werde sich aufgrund der EZB-Käufe und der Emissionstätigkeit Deutschlands (Budgetüberschuss) das Angebot sogar weiter verknappen. Nach Ende der Netto-Anleihekäufe plane die Notenbank, das akkumulierte Volumen für lange Zeit unverändert zu belassen. Die Analysten der RBI gehen davon aus, dass fällige Anleihen und Zinserträge im Jahr 2019 zur Gänze reinvestiert werden. Ihrer Einschätzung nach werde also die Laufzeitenprämie noch für viele Quartale zurückgehalten, was das Potenzial eines Renditeanstiegs und insbesondere einer Versteilung der Renditekurve reduziere.

Neben der Laufzeitenprämie seien die Zinserwartungen der zweite erklärende Faktor für die Rendite für deutsche Staatsanleihen. Auch die EZB verweise immer wieder darauf, dass die geldpolitische Steuerung in der kommenden Phase stark durch die Lenkung von Zinserwartungen (und natürlich durch Zinsmaßnahmen) erfolgen werde. Ein guter Teil der von den Analysten prognostizierten Aufwärtsbewegung für die Rendite deutscher Staatsanleihen sollte von einem Anstieg der Zinserwartungen getrieben sein.

Der Markt habe den gepreisten Startpunkt der Zinswende zuletzt um gut drei Monate auf Ende Q2/Anfang Q3 2019 nach hinten verlegt. Aufgrund positiver Konjunktur- und Inflationsdaten dürfte der Markt bis Jahresmitte wieder auf das bereits Mitte Februar gepreiste Timing zurückschwenken (erste Zinsanhebung Ende Q1/Anfang Q2 2019). Nach der ersten Zinsanhebung werde vom Marktkonsens ein ausgesprochen flacher Zinsanhebungspfad erwartet. Die EZB habe jedoch früheren Zinsanhebungsphasen den Leitzins im ersten Jahr um 2,25 Prozentpunkte (Dezember 1999 bis November 2000) bzw. um 2 Prozentpunkte innerhalb der ersten eineinhalb Jahre erhöht (Januar 2006 bis Juni 2007).

Zwar sehen auch wir in den kommenden Jahren die Zinsstraffung weniger rapide voranschreiten als früher, der Markt erscheint uns aber Ausmaß und Tempo der zukünftigen Zinsanhebungsphase mit rund 0,75 Prozentpunkten von Mitte 2019 bis Ende 2020 allerdings ein wenig zu unterschätzen, so die Analysten der RBI.

Für die Geldmarktsätze bleibt nach Meinung der Analysten der RBI in den kommenden Jahren der Einlagesatz der EZB der entscheidende Referenzzins. Die Überschussliquidität habe im Bankensystem zuletzt knapp EUR 1.900 Mrd. betragen und dürfte bis September 2018 auf deutlich über EUR 2.000 Mrd. anschwellen. Da die EZB nach Meinung der Analysten den Anleihebestand bzw. das Bilanzvolumen noch für viele Jahre nicht auf ein normales Niveau zurückführen werde, bleibe für lange Zeit ein hohes Ausmaß an überschüssiger Liquidität erhalten. Im Interbankengeschäft werde daher auch in den kommenden Jahren nicht jene Verzinsung von Relevanz sein, zu der sich eine Bank in der Regel Liquidität von der EZB besorgen könne (Hauptrefinanzierungssatz). Vielmehr bleibe für die Referenzzinsätze am Geldmarkt ausschlaggebend, zu welcher Verzinsung Banken ihre zumeist üppige Liquidität bei der Notenbank deponieren könnten (Einlagesatz oder Zinssatz für liquiditätsabsorbierende Geschäfte). (Ausgabe März 2018) (29.03.2018/alc/a/a)





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