Euroraum: Inflation deutlich zurückgegangen


15.02.24 12:20
Raiffeisen Bank International AG

Wien (www.anleihencheck.de) - Die EZB wehrt sich nur zögerlich gegen die Zinssenkungs-Fantasien am Markt und betont lieber ihren datengetriebenen Ansatz, so die Analysten der Raiffeisen Bank International AG (RBI).

In den letzten Monaten seien gute Fortschritte bei der Inflationsbekämpfung erzielt worden. Dies habe Inflationsoptimismus befeuert, auch wenn noch nicht alle Risiken ausgeräumt seien. Die Diskussion zur Lohndynamik und den Auswirkungen auf die Kerninflation im Dienstleistungssektor seien in den Mittelpunkt gerückt. Die Analysten würden davon ausgehen, dass dies ein vorsichtiges Vorgehen der EZB mit dem Beginn eines schrittweisen Zinssenkungszyklus im Juni 2024 rechtfertigen werde. Der Markt werde zwar nicht zum "Hoch-für-Länger" zurückkehren, aber es könnte eine gewisse Ernüchterung nötig sein, um sich auf den EZB-Kurs einzustellen.

Die Inflation sei in der zweiten Hälfte des Jahres 2023 deutlich zurückgegangen. Während die Inflation im Euroraum im Jahr 2023 durchschnittlich 5,5% betragen habe, habe sie das Jahr mit 8,6% gestartet und es mit 2,9% p.a. geendet. Im Januar 2024 deute die Schnellschätzung auf einen weiteren leichten Rückgang auf 2,8% p.a. hin. Darüber hinaus würden Momentum-Indikatoren zeigen, wie die annualisierte 3-Monats-Rate, dass die Inflation bis Ende 2023 bereits unter 2% gefallen sei - sowohl für die Gesamt- als auch für die Kerninflation. Man könnte also argumentieren, dass die Rückkehr zur Preisstabilität nur eine Frage der Zeit sei, bis sich die jährliche Inflationsrate den Momentum-Indikatoren annähere.

Nicht so schnell! Erstens könnten sich die Inflationsdaten vom November als disinflationärer Ausreißer erweisen, der die aktuellen Momentum-Indikatoren, die auf annualisierten 3-Monats-Raten basieren würden, zu optimistisch erscheinen lasse. Zweitens würden bereits die Details der Januar-Schnellschätzung auf eine Belebung der Dynamik in den Segmenten hindeuten, die die EZB am stärksten im Auge habe: Kerndienstleistungen. Und selbst im Jahresvergleich liege die Kerninflation bei den Dienstleistungen seit drei Monaten stabil bei 4%. Dies deute darauf hin, dass die von den Löhnen ausgehende Inflation noch immer eine gewisse Persistenz aufweise. Der Rückgang der Inflation auf 2% sei zwar im Gange und liege leicht vor dem Zeitplan, doch werde es noch einige Zeit dauern, bis die Inflation ihr Ziel erreiche.

Hinsichtlich der EZB-Zinspolitik sei eine Sache klar. Das "Hoch-für-Länger" sei für die Geschichtsbücher bestimmt. Dennoch sollte man nicht von einer extremen Sichtweise zur anderen springen. Obwohl die EZB datengetrieben agiere, werde sie die Leitzinsen nicht beim ersten Anblick guter Daten senken. Die FED baue derzeit ein gutes Beispiel auf, dem die EZB folgen könnte. Eine Vielzahl guter Daten sei notwendig, um genügend Vertrauen zu schaffen, dass sich die Inflation nachhaltig auf dem Weg zum 2%-Ziel befinde. Angesichts der nach wie vor bestehenden Risiken für die Kerninflation im Dienstleistungssektor teilen die Analysten der RBI die Ansicht, dass die EZB mehr (Lohn-)Daten sammeln möchte, bevor sie einen Zinssenkungszyklus einleitet. Dennoch sähen sie den Disinflationstrend intakt. Der Juni scheine daher ein plausibler Zeitpunkt für eine erste Zinssenkung zu sein. Auch ein erster Schritt im April könne nicht ausgeschlossen werden, wäre aber nicht das Basisszenario der Analysten. Ihrer Ansicht nach werde der Zinssenkungszyklus schrittweise erfolgen, mit einer Zinssenkung von 25 Basispunkten pro Quartal. Die Inflation bewege sich nicht trotz, sondern wegen des restriktiven Kurses der EZB auf 2% zu. Eine zu schnelle Lockerung wäre daher nach Ansicht der Analysten nicht der klügste Weg, um die Preisstabilität mittelfristig zu sichern, insbesondere wenn sich ein "Soft-Landing" bewahrheite.

Betrachte man nicht nur die EZB-Leitzinsen, sondern auch den breiteren Zinsmarkt, so habe sich die Einschätzung derAnalysten in den letzten Wochen nicht verändert. Vielmehr hat sich der Zinsmarkt in die von uns erwartete Richtung entwickelt, nämlich dass Zinssenkungswetten Ende 2023 bereits überzogen waren, wodurch sich Renditen seit Jahresbeginn nach oben bewegten, so die Analysten der RBI. (Ausgabe vom 14.02.2024) (15.02.2024/alc/a/a)