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Europas Staatsanleihen: vorerst leichte Entspannung, doch Grundprobleme bestehen weiter


30.08.12 13:44
Raiffeisen Capital Management

Wien (www.anleihencheck.de) - Die Konjunktur-Vorlaufindikatoren zeigen faktisch für die gesamte Eurozone nach unten und ein Schrumpfen der Wirtschaftsleistung für 2012 (um voraussichtlich rund 0,4%) dürfte nicht mehr zu vermeiden sein, so die Experten von Raiffeisen Capital Management (RCM) in ihrem aktuellen "bondreport" im vierteljährlichen Bericht zu den globalen Anleihemärkten.

In den so genannten Peripheriestaaten würden tiefe Rezessionen oder sogar Depressionen herrschen. Von einem Schuldenabbau seien alle Staaten trotz und zum Teil wegen ihrer teils drastischen Sparprogramme meilenweit entfernt. Im Gegenteil, im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung würden die Schuldenberge nahezu überall in der Eurozone weiterhin anwachsen.

EZB-Chef Draghi habe die Märkte - zumindest vorerst - mit Äußerungen erleichtert, in denen er ein wesentlich stärkeres Engagement der EZB in der Staatschuldenkrise in Aussicht gestellt habe. So könnte die EZB angeschlagenen Staaten weitaus stärker unter die Arme greifen. Bedingung dafür sollten allerdings offizielle Hilfeersuchen von Staaten für Gelder aus dem ESM sein, die wiederum an - noch zu definierende - Auflagen gekoppelt wären. Auf diese Weise könnte die Politik nicht einfach die Verantwortung auf die Notenbank abwälzen. Gleichzeitig signalisiere die EZB damit die Bereitschaft zu deutlich höheren Hilfen als bisher. Italienische und spanische Staatsanleihen hätten sich daraufhin kräftig erholt. Ihre Renditen lägen allerdings noch immer auf Niveaus, die auf Dauer für Spanien und Italien nicht zu finanzieren sein würden - schon gar nicht im zu erwartenden Wachstumsumfeld der kommenden Jahre.

Ohne weitere Aktionen der Politik und/oder der EZB dürfte sich an dieser Situation auch nichts Wesentliches verbessern. Denn trotz des jüngsten Kunstgriffes bleibe das Grundproblem für die EZB bestehen: Angesichts der Dimensionen (Spanien, Italien, später evtl. sogar auch Frankreich) wären wohl nahezu unbegrenzte Hilfszusagen der EZB erforderlich, um die Krise nachhaltig zu entspannen. Ohne massive Auflagen und Vorbedingungen werde sie diese aber weder gewähren können noch gewähren wollen. Das wiederum könnte aber auch ein "Nein" der EZB in entscheidenden Momenten bedeuten - und damit wären es dann keine "unbegrenzten" Hilfszusagen mehr.

Letztlich stehe die Eurozone derzeit weiterhin vor drei Hauptalternativen, die in ihren Konsequenzen zwar sehr unterschiedlich, aber letztlich alle drei wenig verlockend seien - vor allem aus Sicht der "Kernländer": (i) Weiteres Durchwursteln mittels fortgesetzter (und vermutlich stetig steigender) Hilfszahlungen an eine wachsende Zahl von Mitgliedsländern, bis diese Mittel - finanziell bzw. politisch - nicht mehr bereitgestellt werden könnten. (ii) Vergemeinschaftung der Schulden, in welcher Verpackung auch immer. (iii) Das Auseinanderbrechen der Eurozone.

Die Alternativen (i) und (ii) würden langfristig letztlich auf massives Gelddrucken der EZB zur Staatschuldenfinanzierung hinauslaufen. Die Alternative (iii) werde politisch derzeit wohl von keiner wesentlichen politischen Kraft gewollt, was aber nicht bedeute, dass sie damit unmöglich sei. Sie könnte als Ergebnis politischer "Unfälle" eintreten, wenn in einem oder mehreren wichtigen Euro-Staaten das innenpolitische Kräfteverhältnis nachhaltig kippe und beispielsweise eine "Rette sich, wer kann"-Stimmung um sich greife. Denn auch wenn ein Beibehalten des Euro und der Eurozone wirtschaftlich für nahezu alle Staaten als die derzeit beste Variante erscheine, so berge es unter Umständen erhebliche Vorteile, zu den ersten zu gehören, die das Handtuch werfen würden.

Das sei ungefähr vergleichbar mit Massenpaniken. Auch da sei es natürlich für alle das Beste, wenn erst gar keine Panik entstehe. Sobald sie jedoch entstehe, dann könne es ein möglicherweise überlebenswichtiger Vorteil sein, als einer der ersten zum Notausgang zu rennen. Genau deshalb würden auch meist einige wenige genügen, um Massenpaniken auszulösen. Kurzum, das Risiko eines unkontrollierten Eskalierens der Euro-Krise bestehe weiterhin und werde von vielen Marktteilnehmern aktuell vermutlich eher unter- als überschätzt.

Deutsche Staatsanleihen böten angesichts von Minizinsen weit unter der Inflationsrate (und zugleich erheblichen Zinsänderungsrisiken) zwar alles andere als ein attraktives Ertragsprofil. Sie würden aber weiterhin stark gefragt bleiben als die relativ sichersten Staatsanleihen der Eurozone. Zugleich würden sie von vielen Marktteilnehmern als eine der wenigen und zudem noch relativ preiswerten "Versicherungen" gegen ein Auseinanderbrechen der Eurozone angesehen.

Unternehmensanleihen (Non-financials) guter Qualität böten derzeit zumeist noch immer ein besseres Risiko-Ertragsprofil als Euro-Staatsanleihen und auch High-Yield-Papiere seien - bei guter Selektion - durchaus noch kaufenswert. Hingegen seien Anleihen von Finanzinstituten angesichts der nach wie vor bestehenden Risiken weiterhin als weniger attraktiv einzustufen. (Ausgabe August 2012) (30.08.2012/alc/a/a)