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Europäische Zentralbank wird Zinsen rasch nach oben führen


25.08.22 16:20
Raiffeisen Bank International AG

Wien (www.anleihencheck.de) - Mitte Juli war es endlich so weit, die EZB beschloss die heiß ersehnte erste Leitzinsanhebung seit mehr als einer Dekade, so die Analysten der Raiffeisen Bank International AG.

Dabei sei der Einstieg in den Zinsanhebungszyklus mit einem kleinen Knall erfolgt. Nicht nur seien die Leitzinsen mit einem Plus von 50 Basispunkten etwas stärker erhöht worden als vorab angekündigt und die Negativzinspolitik in einem Satz beendet, die Kommunikationsstrategie sei ebenfalls geändert worden. Seit Jahren sei es üblich gewesen, den Markt den beabsichtigten geldpolitischen Pfad recht eng zu umreißen ("forward guidance"). Dies habe dazu geführt, dass die EZB im Zweifelsfall an einem signalisierten Weg zunächst festgehalten und eher langsam auf sich verändernde Bedingungen reagiert habe. In Zukunft wolle die Notenbank rein datenabhängig entscheiden.

Natürlich würden die zukünftigen Absichten auch weiterhin grob kommuniziert, aber der Zinspfad werde nicht mehr für einen längeren Zeitraum festgezurrt. Wie auf der Juli Sitzung gezeigt, behalte sich die EZB vor, sogar kurzfristig die Stellschrauben zu überdenken. Sie werde also einerseits beweglicher, andererseits weniger berechenbar. Somit werde die veränderte Kommunikation die Volatilität am Zinsmarkt im Vergleich zu früheren Jahren erhöhen bzw. ähnlich hochhalten wie in den vergangenen Wochen, da der Zinspfad mit jeder wichtigen Wirtschaftszahl in Bezug auf Tempo und Gesamtausmaß neu evaluiert werden müsse.

Die Entscheidung der Juli-Zinssitzung sei nach Ansicht der Analysten mit einer grundlegenden Absicht verbunden: Frontloading. Der Einstieg in die Zinsnormalisierung - so nenne es die EZB - mit einem 50 BP Schritt würden sie als Signal für das Tempo der angestrebten Zinsanhebungen sehen. Sie würden damit rechnen, dass im September die Leitzinsen um zumindest 50 BP angehoben würden und schon bis Ende dieses Jahres das neutrale ("normale") Zinsniveau erreicht werden sollte. Letzteres würden die Analysten bei 1,5% für den Einlagesatz und 2,0% für den Hauptrefinanzierungssatz ansetzen.

Darüber hinaus würden die Analysten es für wahrscheinlich halten, dass die EZB das Leitzinsniveau nicht nur normalisieren, sondern die Zinspolitik nächstes Jahr zumindest zeitweise restriktiv gestalten werde. Immerhin würden sie mit höheren Inflationsraten als zuletzt von der EZB prognostiziert und ausgeprägtere Übertragungseffekte der Energiepreisexplosion auf Güter- und Dienstleistungspreise als von der Notenbank unterstellt rechnen. Und im Zweifelsfall dürfte die Notenbank aufgrund ihres klaren Mandats die Inflationsbekämpfung über eine Konjunkturstützung stellen.

Zusätzlich zu Leitzinsen seien weitere Instrumente der Geldpolitik ein wichtiges Thema. Vor allem das neue Instrument zur Sicherung der Transmission (Transmission Protection Instrument - TPI) stehe seit Wochen im Fokus der Märkte. Mithilfe dieses Anleihekaufprogramms solle einer ungerechtfertigten und ungeordneten Marktdynamik vorrangig am Staatsanleihenmarkt entgegengewirkt werden. Gegeben gewisser Voraussetzungen zur Aktivierung sollten mittels (im Vorhinein unbeschränkte) Zukäufe von Anleihen von unter Druck stehenden Ländern Spreads auf einem als fair erachteten Niveau gehalten werden, um eine möglichst einheitliche Wirkung der Geldpolitik quer über den Euroraum zu gewährleisten.

Die bislang bekannt gegeben Details würden aber noch viele Fragen offen lassen. Zwar seien die Aktivierungskriterien beschrieben worden, die Beurteilungskriterien von "fairem Spreadniveaus" lägen dagegen völlig im Dunkeln (und würden laut Präsidentin Lagarde möglicherweise nicht genau bekannt gemacht). Im Kern sei zu erkennen, dass sich der EZB-Rat bei der Aktivierung, Ziel und wohl auch Mittelumfang die Entscheidungsgewalt sichere. Dieses Instrument werde also weniger nach vorher bekannten Regeln und stärker auf Basis der Mehrheitsfindung im EZB-Rat betrieben. Die Kommunikation lasse zudem einen gewissen Abgleich der Interessen vermuten.

Der Beschluss eines Transmissionssicherungs-Instruments (TPI) scheine Vertretern einer vorsichtigen Vorgehensweise zu bedienen und im Gegenzug Platz zu schaffen für ein rigideres Vorgehen bei den Leitzinsen. Diese Logik könnte prägend für den anstehen Leitzinserhöhungszyklus und selbst für den langfristigen Leitzinsausblick sein: Je generöser die Entscheidungen zu den Anleihekaufprogrammen in Zukunft ausfallen würden (Dauer von Reinvestitionen, Fokus der Ankäufe auf "schwache" Emittenten, etc.), desto stärker könnten die Schrauben bei den Leitzinsen angezogen werden.

Es müsse davon ausgegangen werden, dass in den kommenden Monaten die Leit- und somit Geld- und Kapitalmarkzinsen deutlich nach oben streben würden. Die Ära der Negativ- oder Nullzinspolitik scheine dabei nicht nur vorübergehend vorbei, sondern aufgrund anhaltender Änderungen im allgemeinen Wirtschaftsumfeld sei diese endgültig Geschichte. Die EZB nenne daher die anstehenden Zinsanhebungen Normalisierung. Da die aktuell hohe Teuerung wohl kaum rasch abklinge, müsse im kommenden Jahr zumindest für eine gewisse Zeit auch mit einer restriktiven Geldpolitik gerechnet werden. Die Analysten würden davon ausgehen, dass die Geld- und Kapitalmarktzinsen nächstes Jahr über die 2%-Marke steigen würden. (25.08.2022/alc/a/a)