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Europäische Unternehmensanleihen - vom Bären- zum Bullenmarkt?


25.10.22 11:45
M&G Investments

London (www.anleihencheck.de) - "Noch nie hat es für einen Bärenmarkt so viel Werbung gegeben wie dieses Mal", sagt Gaurav Chatley, Fondsmanager für europäische Unternehmensanleihen bei M&G.

Vor einem knappen Jahr habe Chatley bedenklich gefunden, wie weit die pessimistische Stimmung um sich gegriffen habe. Die Strategen für Unternehmensanleihen hätten das Segment European Credit fast durchweg pessimistisch gesehen. Allerdings konnte ich ihren Schlussfolgerungen nicht wirklich widersprechen: Wir selbst waren über weite Strecken des Jahres 2021 pessimistisch für europäische Unternehmensanleihen gewesen, so Gaurav Chatley.

Wir sind reine Value-Investoren, so Gaurav Chatley. Deshalb habe die pessimistische Haltung der Experten nichts mit dem düsteren makroökonomischen Bild zu tun, das die Strategen gezeichnet hätten. Vielmehr beruhte sie ausschließlich auf den immer höheren Bewertungen, die wir bei europäischen Emittenten beobachteten. Zehn Monate später sind die Bewertungen wieder gesunken. Werden wir also jetzt angemessen für die Risiken europäischer Unternehmensanleihen entschädigt, fragt sich Gaurav Chatley.

Die Credit Spreads bei Investment-Grade-Titeln (IG) in Euro seien binnen zwölf Monaten um mehr als 100 Basispunkte gestiegen. Noch beobachte man, dass die Mehrheit der Anleihestrategen pessimistisch bleibe. Selbst die wenigen "Bullen" vom Ende letzten Jahres seien ins Lager der "Bären" gewechselt. Aber aus meiner Perspektive kann ich nicht anders, als optimistischer nach vorne zu blicken als vor zehn Monaten, so Gaurav Chatley. Der Grund dafür seien ganz einfach die Bewertungen. Das zeige sich beispielsweise an den Spreads der europäischen IG-Titel in den letzten 20 Jahren.

Angesichts dessen könne man eines mit Fug und Recht sagen: Die Märkte für Unternehmensanleihen würden beginnen einen Konjunkturabschwung einzupreisen - oder sogar eine Verschlechterung der Kreditwürdigkeit. Doch sei das derzeitige makroökonomische Risiko auch ausreichend eingepreist? Diese Frage führt uns unweigerlich zur ungenauen Wissenschaft der Prognosen, die schon vielen Anlegern zum Verhängnis geworden ist, so Gaurav Chatley. Die gesunden Unternehmensbilanzen, die guten Ersparnisse der Verbraucher, die niedrige Arbeitslosenquote: Beim Blick auf diese Kennzahlen könnte man denken, dass die kommende Rezession nicht sehr schwerwiegend ausfallen werde. Doch unsere Volkswirtschaften sind abhängiger von Fremdkapital und billigen, verfügbaren Krediten geworden so Chatley. Angesichts des drastischen Zinsanstiegs könne einen schon das Gefühl beschleichen, dass wir am Anfang vom Ende des "monetären Superzyklus" stehen könnten, der mit der quantitativen Lockerung der US-Notenbank FED im Jahr 2007 begonnen habe. Die Wahrheit sei: Niemand könne genau vorhersagen, ob es zu einer Rezession kommen werde - und wie schlimm diese möglicherweise ausfallen könnte.

Was also wisse man tatsächlich? Die derzeitigen Bewertungen auf den Märkten für Unternehmensanleihen würden dem Szenario der Coronazeit im Jahr 2022 ähneln. Damals sei man davon ausgegangen, dass erhebliche Teile der Weltwirtschaft vorübergehend zum Stillstand kommen würden. Aktuell würden die Credit Spreads gar nicht weit von den damaligen Niveaus entfernt liegen. Das deute für mich auf einen guten Einstiegspunkt hin, um eine Position in europäischen Unternehmensanleihen aufzubauen. Es könne aber durchaus auch zu einer sehr schweren Rezession kommen, was die Lage auf den Anleihemärkten deutlich verschlechtern könnte. Darum sei eines sehr wichtig: Man sollte in der Position sein weiter zukaufen können, wenn sich die Bewertungen verändern und sie eine solche Rezession einpreisen würden. Unter dem Strich könnte es also an der Zeit sein, in europäische IG-Unternehmensanleihen einzusteigen - solange man sich nicht absolut sicher über die makroökonomische Entwicklung und ihre Auswirkungen auf die Kreditmärkte sei. Dabei sollte man genügend Pulver trocken halten, um bei weiter nachgebenden Bewertungen aufstocken zu können. (25.10.2022/alc/a/a)