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Europäische Unternehmensanleihen: Wohin geht die Reise?


14.08.20 12:55
Aberdeen Standard Investment

London (www.anleihencheck.de) - An den Märkten für europäische Unternehmensanleihen war jüngst eine beispiellose Volatilität zu beobachten, so die Experten von Aberdeen Standard Investments.

Im März habe die Anlageklasse gemessen am BAML Euro Corporate and Collateralized Index die höchsten jemals verzeichneten Monatsverluste hinnehmen müssen. Darauf sei im April das größte Plus auf Monatssicht in der Geschichte des Marktes gefolgt. Dennoch hätten die Märkte für Unternehmensanleihen nur rund die Hälfte ihrer im März verzeichneten Verluste wieder wettmachen können. Daher stelle sich die Frage nach der weiteren Entwicklung der Anlageklasse.

Die wirtschaftlichen Folgen kämen nun auch in den harten Daten zum Ausdruck. Die Regierungen und Zentralbanken hätten rasch reagiert, um die durch das Coronavirus verursachten Schäden an der Wirtschaft abzumildern. Dabei seien sowohl fiskal- als auch geldpolitische Maßnahmen ergriffen worden. Und obschon das Angebot an allen Investment-Grade-Märkten deutlich angestiegen sei, sei auch die Nachfrage enorm ausgefallen.

Da nicht klar sei, wann oder wie die Lockdown-Maßnahmen gänzlich aufgehoben würden, dürfte diese Volatilität weiter Bestand haben. Die Volatilität berge aber auch Chancen, und es bieten sich derzeit attraktive Anlagegelegenheiten.

Banken würden für Fixed-Income-Anleger beispielsweise weiterhin einen attraktiven Anlagebereich darstellen. Die meisten europäischen Kreditinstitute hätten in den letzten zehn Jahren ihre Kreditprofile aufgebessert. Aufgrund der immer strengeren Vorgaben der Regulierungsbehörden seien ihre Bilanzen so stark und widerstandsfähig wie nie zuvor. Die Liquiditäts- und Finanzierungsprofile würden sich solider gestalten und die Banken seien weniger stark auf kurzfristige Finanzierungen angewiesen, durch die sie etwaigen Störungen am Wholesale-Markt ausgesetzt wären. Eine verbesserte Kreditqualität bedeute, dass Banken dieses Mal zur Lösung beitragen dürften, indem sie der Realwirtschaft in turbulenteren Zeiträumen Kredite zur Verfügung stellen würden. Im Rahmen ihrer jüngsten Stresstests schätze die Bank of England, dass britische Kreditinstitute einen viermal höheren Bestand an liquiden Aktiva hoher Qualität aufweisen würden als vor der globalen Finanzkrise.

Zudem hätten die Zentralbanken mit ihren eigenen Fazilitäten für zusätzliche Unterstützung gesorgt. Dies bedeute, dass Geschäftsbanken Zugang zu günstiger Finanzierung hätten, indem sie sich Geld von den Zentralbanken zu äußerst niedrigen Kosten leihen würden. In einigen Fällen würden die Regierungen die Kreditvergabe durch staatliche Garantien unterstützen.

Obschon der Einzelhandel stark von den Maßnahmen zur sozialen Distanz in Mitleidenschaft gezogen worden sei, würden sich die Auswirkungen von Sektor zu Sektor unterscheiden. Der Umsatz bei Lebensmitteleinzelhändlern sei gestiegen, was in erster Linie auf eine Vorratsbildung und darauf zurückzuführen sei, dass die Verbraucher verstärkt zu Hause anstatt auswärts Mahlzeiten zu sich nähmen. Tesco habe beispielsweise einen Umsatzanstieg um 30% seit dem Beginn der Covid-19-bedingten Shutdown-Maßnahmen vermeldet. Dagegen würden die Gewinne jedoch durch die hohen Kosten in Verbindung mit einer vorübergehenden Erhöhung der Mitarbeiterzahlen sowie die Aufwendungen in Zusammenhang mit dem Vertrieb, der Lieferkette und dem Betrieb der Ladengeschäfte geschmälert.

Lebensmitteleinzelhändler würden insgesamt von der aktuellen Situation profitieren, wenngleich die längerfristigen Herausforderungen, mit denen der Sektor konfrontiert sei, nach wie vor Bestand hätten. Zudem könnten sie sich nach Covid-19 weiteren Belastungen gegenübersehen, sobald die Discounter wieder an Boden gewinnen würden.

Einzelhändler mit Schwerpunkt auf Bekleidung und allgemeine Handelswaren würden unter einer deutlich rückläufigen Nachfrage, Ladenschließungen und einem hohen Barmittelverbrauch aufgrund ihrer weitgehend unflexiblen Kostenstrukturen leiden. Ihnen würden erhebliche cashwirksame Kosten zu schaffen machen und obschon die Regierungsmaßnahmen für Abhilfe sorgen würden, würden die Herausforderungen akut bleiben. In diesem Sektor sei es bereits zu Rating-Herabstufungen gekommen, so z.B. bei den Haushaltswarenhändlern Marks and Spencer, El Corte Ingles, Macy's und Dillards. Dagegen würden Online-Einzelhändler wie Amazon trotz der logistischen Herausforderungen florieren.

Und während die Ladengeschäfte in den Haupteinkaufsstraßen wieder öffnen würden, seien viele Einzelhändler nicht in der Lage, ihre Miete zu bestreiten. Dies habe in der Folge auch Auswirkungen auf Immobilienunternehmen. Der britische Einkaufszentrenbetreiber Intu habe sich bereits vor der Krise mit Herausforderungen konfrontiert gesehen, doch die Pandemie habe die Probleme des Unternehmens noch verschärft. Intu habe 40% der für die ersten drei Monate des Jahres fälligen Mieten und Servicegebühren vereinnahmen können. Normalerweise hätte dieser Wert bei über 90% gelegen.

In anderen Sektoren zeichne sich ein gemischteres Bild. Fluggesellschaften seien von den Lockdown-Maßnahmen beispielsweise stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Derzeit finde nur ein Bruchteil des vor der Pandemie verzeichneten internationalen Reiseverkehrs statt und die meisten Flüge seien gestrichen worden. Dagegen seien Versorger und Infrastrukturunternehmen relativ geschützt vor den Folgen.

Investment-Grade-Unternehmensanleihen hätten sich nach der enormen Verkaufswelle im März in den meisten Währungen bereits wieder deutlich erholt. Es bestünden zweifelsohne weiterhin zahlreiche Herausforderungen für alle Volkswirtschaften und vieles werde vom Umfeld nach Aufhebung der Lockdown-Maßnahmen sowie davon abhängen, wie gut das Covid-19-Virus in der Folge unter Kontrolle gehalten werden könne. Die rasche Erholung spreche nach Erachten der Experten von Aberdeen Standard Investments für eine schrittweise Zunahme der Wirtschaftstätigkeit und gehe auf die umfassenden, von den Zentralbanken und Regierungen ergriffenen Maßnahmen zurück. Ertragsgenerierende Anlagen würden sich insbesondere angesichts der Dividendenrisiken einer starken Nachfrage erfreuen.

Fixed-Income-Papiere mit Investment-Grade-Rating scheinen angesichts der zugrunde liegenden Renditen gewisses Wertpotenzial aufzuweisen und die Leitzinsen dürften auf niedrigen Niveaus verankert bleiben, so die Experten von Aberdeen Standard Investments. Wie bereits ersichtlich, werde es Gewinner wie auch Verlierer geben. Einige Sektoren und Branchen sähen sich mit neuen strukturellen Herausforderungen infolge der Pandemie oder deren Auswirkungen konfrontiert. Unternehmen mit starken und nachhaltigen Geschäftsmodellen sowie solche, die die Entschuldung vorantreiben würden, dürften überleben und florieren. Gleichwohl sei zweifelsohne mit einem Anstieg der Ausfallquoten und der Zahl "gefallener Engel" zu rechnen. (14.08.2020/alc/a/a)