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Europäische Banken: Könnte der Ukraine-Konflikt zum Verhängnis werden?


04.04.22 16:08
AB

München (www.anleihencheck.de) - Die Banken haben die COVID-19-Pandemie in guter finanzieller Verfassung überwunden und weisen die stärksten Bilanzen seit der globalen Finanzkrise aus, so die Experten von AB.

Das direkte Engagement der Banken in Russland sei in absoluten Zahlen und im Verhältnis zu den Zahlungsströmen internationaler Banken insgesamt, d.h. als prozentualer Anteil ihrer gesamten Auslandsforderungen (AF), meistens gering.

Die Risiken seien auf einige wenige Länder konzentriert: Rund 21% der ausstehenden Kredite an Russland würden auf Italien entfallen, was 2,5% aller Auslandsforderungen der italienischen Banken entspreche. Auf Österreich würden rund 14% der ausstehenden Kredite entfallen, was 3,7% aller AF der österreichischen Banken entspreche. Auf Frankreich würden ebenfalls rund 21% entfallen, dies entspreche aber nur 0,7% der gesamten Auslandsforderungen der französischen Banken. In keiner anderen europäischen Volkswirtschaft übersteige der Anteil der russischen AF 0,4% des Gesamtvolumens.

Folgende Banken würden das höchste relative Risiko im Verhältnis zu den Umsatzerlösen aufweisen: RBIAV (Österreich) mit 20% sowie UCGIM (Italien) und Société Générale (Frankreich) mit jeweils 4%. Europas Forderungen gegenüber der Ukraine seien sogar noch geringer (13,5 Mrd. USD verglichen mehr als 120 Mrd. USD gegenüber Russland). Österreich und Frankreich seien am stärksten in der Ukraine engagiert (RBIAV mit 6% und BNP Paribas mit 0,4% der Umsatzerlöse).

Im schlimmsten Fall könnten Banken mit lokalen Tochtergesellschaften gezwungen sein, ihre direkten Kapitalbeteiligungen abzuschreiben, was jedoch relativ begrenzte Auswirkungen auf ihre Kernkapitalquoten (CET1) haben würde, und das selbst bei der am stärksten exponierten RBIAV.

Aufgrund ihrer Nähe zum Konflikt und ihrer Funktion als Bindeglied seien europäische Banken anfällig für Risiken in Verbindung mit Negativschlagzeilen und könnten von Ausverkäufen betroffen sein. Die Experten von AB seien jedoch der Meinung, dass die direkten Auswirkungen ihres Russland-Exposures auf ihre Bilanzen (hauptsächlich über russische Banken und Exporteure) relativ gering sein würden. Größere Auswirkungen würden wahrscheinlich krisenbedingte Wirtschaftseinbrüche in Europa haben: Steigender (durch die Energiepreise bedingter) Inflationsdruck und ein hinter den Erwartungen zurückbleibendes BIP-Wachstum.

Ihr Ausschluss aus dem internationalen Zahlungssystem SWIFT stelle für die russischen Banken bisher die größte Belastung dar. Die USA, das Vereinigte Königreich, Kanada und die EU hätten sieben russische Banken ausgeschlossen - nicht aber jene, die mit der Energieversorgung die wichtigsten Transaktionen abwickeln würden. Dennoch würden die russischen Banken den Schock für die russische Wirtschaft eines Tages zu spüren bekommen.

Die Krise berge auch das Risiko verstärkter russischer Cyberangriffe, die weiterhin eine ernste Bedrohung für Banken weltweit darstellen würden. Die erheblichen Investitionen der Banken in das Management von Cyberrisiken könnten in den kommenden Monaten auf den Prüfstand gestellt werden und im Extremfall könnte eine angeschlagene Bank staatliche Unterstützung benötigen.

Wenngleich sich die Spreads von Bankenanleihen durch die Krise wahrscheinlich ausweiten würden, würden die Experten von AB aufgrund der soliden Fundamentaldaten positiv gestimmt bleiben. Insbesondere könnten sich bei weiteren Kursrückgängen Chancen zum Kauf von AT1-Anleihen ergeben, die von stärkeren europäischen Banken emittiert worden seien. (Ausgabe vom 03.04.2022) (04.04.2022/alc/a/a)