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Europa wird zum Big Player im Anleihemarkt


23.06.21 10:45
Union Investment

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die erste Anleihe zur Finanzierung des EU-Krisenpakets NGEU hat am vergangenen Dienstag zu einer immensen Nachfrage am Rentenmarkt geführt, so die Experten von Union Investment.

Gegenüber Bundesanleihen hätten die Papiere einen attraktiven Rendite-Aufschlag aufgewiesen. Die EU dürfte bis 2026 zum größten supranationalen und größten Green-Bond-Emittenten werden.

Europa lege nach: Nach der Ausgabe von Social Bonds zur Finanzierung von europäischen Arbeitslosenhilfen (SURE) habe die EU-Kommission - stellvertretend für die Europäische Union - am vergangenen Dienstag erstmals Geld zur Finanzierung des Krisenhilfepakets Next Generation EU (NGEU) am Markt aufgenommen. Die Nachfrage sei beachtlich gewesen. Für eine zehnjährige Anleihe im Volumen von 20 Milliarden Euro hätten die Konsortialführer eine Orderbuchnachfrage von über 142 Milliarden Euro gemeldet. Das unterstreiche die Attraktivität der EU als sicherer Hafen am Kapitalmarkt.

Die Anleihe sei mit einem Kupon von null Prozent und einer Rendite von 0,086 Prozent (Emissionspreis: 99,141) an den Markt gekommen. Der Abschlag gegenüber Midswaps habe zwei Basispunkte (BP) betragen, gegenüber einer entsprechenden zehnjährigen Bundesanleihe habe der Aufschlag 32,3 BP betragen. Der NGEU-Bond sei die größte einzelne Anleihe gewesen, die die EU je aufgelegt habe, und sei größer als alle bisher aufgelegten SURE-Anleihen gewesen.

Mit dem NGEU-Finanzierungsprogramm und einer geplanten Mittelaufnahme von rund 806 Milliarden Euro (zu laufenden Preisen) werde Europa bis 2026 zum größten supranationalen Emittenten und zum weltgrößten Emittenten von Grünen Anleihen werden. Bald sollten außer langlaufenden Anleihen auch kurzlaufende NGEU-Bonds - europäische T-Bills - und Grüne Anleihen (Green Bonds) folgen.

Die Gemeinschaft mische damit den europäischen Anleihenmarkt kräftig auf und werde zum fünftgrößten Emittenten hinter Spanien. Mit den Einnahmen wolle die Kommission die Krisenhilfen für einzelne EU-Länder finanzieren und die europäische Wirtschaft nachhaltiger und wettbewerbsfähiger machen. Im laufenden Jahr wolle die EU (inklusive der aktuellen Anleihe) insgesamt 80 Milliarden Euro am Kapitalmarkt über NGEU-Anleihen aufnehmen, in den Folgejahren jeweils rund 150 Milliarden Euro pro Jahr.

Nebenbei werde die EU damit auch zur größten Green-Bond-Emittentin der Welt und untermauere ihren Anspruch der nachhaltigen Transformation der Finanzmärkte. Denn rund 250 Milliarden Euro des geplanten Finanzierungsvolumens sollten über grüne Anleihen aufgenommen werden und zweckgebunden in Klimaschutzprojekte fließen.

Zur Bekämpfung der Folgen der Corona-Krise habe die EU bereits allein zur Finanzierung des Arbeitslosenhilfe-Programms SURE 89 Milliarden Euro am Markt aufgenommen. Bis Ende 2021 dürften sich die ausstehenden SURE-Bonds auf rund 94 Milliarden Euro summieren. Wegen ihrer nachhaltigen Eigenschaft als Social Bonds seien die SURE-Anleihen unter Investoren auf sehr starkes Interesse gestoßen.

Die ersten NGEU-Anleihen würden als herkömmliche Anleihen begeben und nicht als Grüne Anleihen, da die Erstellung des Rahmenwerks noch nicht abgeschlossen sei. Dies solle laut EU-Kommission im September der Fall sein. Da bei der neu aufgelegten NGEU-Anleihe die nachhaltige Komponente noch fehle, sei von einigen Anlegern eine leicht höhere Neuemissionsprämie verlangt worden.

Union Investment gehe künftig von einer hohen Liquidität der NGEU-Anleihen aus, da die Emissionsvolumina deutlich größer sein würden als die bisherigen SURE-Anleihen. Auch wenn es sich um eine zeitlich begrenzte Schuldenaufnahme handele: Die EU-Kommission mausere sich damit langsam zum europäischen Schuldenmanager. Begrüßenswert sei die Transparenz bezüglich der Emissionsdaten und Emissionsvolumen sowie der Laufzeiten, denn dies helfe Investoren sich vorzubereiten. Insbesondere die Tatsache, dass künftig Anleihen auch im Rahmen von Auktionen an den Markt kommen würden, und nicht nur über Bankensyndikate, zeige, dass Europa in Kapitalmarktfragen enger zusammenrücke.

Für Investoren seien die mit der höchsten Kreditwürdigkeit eingestuften NGEU-Anleihen eine Alternative zu Bundesanleihen, da sie bei gleicher Laufzeit einen Renditeaufschlag bieten würden. Die EU-Mitgliedstaaten seien dabei verpflichtet, jederzeit sicherzustellen, dass das EU-Budget ausreiche, um die Verpflichtungen aus NGEU abzudecken. Damit dürften die NGEU-Bonds in der Portfolioallokation zu einem gern genutzten Substitut für erstklassige Adressen im Staatsanleihenmarkt werden. Zudem dürfte die Europäische Zentralbank (EZB) perspektivisch diese Bonds im Sekundärmarkt im Rahmen ihrer Anleihekaufprogramme erwerben, was stützend wirke.

Was geschehe mit den aufgenommenen Mitteln? Unter anderem wolle die EU damit die Digitalisierung und die grüne Transformation der europäischen Wirtschaft vorantreiben. Die größten Nutznießer der NGEU-Zuschüsse dürften (in absoluten Zahlen) Italien, Spanien, und Frankreich sein. Gemessen am Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) seien die höchsten Zuschüsse für Griechenland, Portugal und die Slowakei zu erwarten.

Bereits gebilligt habe die EU-Kommission die Wiederaufbau- und Resilienz-Pläne (RRF) von Griechenland (30,5 Milliarden Euro), Spanien (69,5 Milliarden Euro), Portugal (16,6 Milliarden Euro) und Dänemark (1,5 Milliarden Euro). Mit Spanien habe die Kommission beispielsweise vereinbart, dass 28 Prozent in die Digitalisierung investiere und 40 Prozent in mit Klimazielen verbundene Projekte wie saubere Technologien und Energieeffizienz fließen sollten. (Ausgabe vom 22.06.2021) (23.06.2021/alc/a/a)