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Euroland: EZB leitet vorsichtige Zinswende ein


01.07.24 12:45
Nord LB

Hannover (www.anleihencheck.de) - Die Konjunkturstimmung im Euroraum bleibt verhalten, so die Analysten der Nord LB.

Die Einkaufsmanagerindices würden zwar weiterhin ein mäßiges Wachstum signalisieren, hätten jedoch im Juni mit einem unerwartet Rücksetzer überrascht. Vor allem der PMI Industrie sei deutlich gesunken und liege mit 45,6 Punkten klar im Kontraktionsbereich. Die monatliche Wirtschaftsumfrage der EU-Kommission zeichne ein ähnliches Bild, mit einem Rückprall des Industrievertrauens und einer nur langsamen Aufwärtsbewegung beim Verbrauchervertrauen. Der Economic Sentiment Indikator notiere denn auch weitgehend unverändert mit 95,9 Punkten weit unter dem langjährigen Mittelwert. Vorerst sei somit nicht mit einer Wachstumsbeschleunigung zu rechnen, weshalb die Analysten weiterhin für das Gesamtjahr 2024 nur von einem realen BIP Wachstum in Höhe von 0,7% im Vergleich zum Vorjahr ausgehen würden und damit etwas vorsichtiger seien als die EZB in ihren jüngsten Projektionen.

Bei den Europawahlen hätten rechte Parteien einen Stimmenzuwachs erzielt, wobei dies in einigen Mitgliedsländern wie Frankreich besonders ausgeprägt gewesen sei. In Reaktion auf den Wahlerfolg von Marine Le Pen (Rassemblement National, RN) sei Emmanuel Macron die Flucht nach vorn angetreten. So habe er die Nationalversammlung aufgelöst und Neuwahlen angesetzt. Dieser Schuss drohe nun nach hinten loszugehen, da Macrons Lager Ende Juni in Umfragen sogar nur auf Rang drei gelegen habe. Eine absolute Mehrheit für den RN sei zwar unwahrscheinlich, aber mit einem "hung parliament" und einer Phase der Cohabitation würde die Unsicherheit über den zukünftigen politischen Kurs erhöht bleiben. Macrons Vabanquespiel komme daher an den Finanzmärkten gar nicht gut an.

Die Aussicht auf einen Wahlsieg des RN in Verbindung mit einem starken Abschneiden des Linksbündisses Nouveau Front Populaire würden die wachsenden Sorgen begründen. Die mögliche zukünftige Ausrichtung der französischen Fiskal- und Europapolitik habe zu einer deutlichen Ausweitung der Renditespreads französischer OATs zu den deutschen Bunds (10J) geführt. Im Zuge der erhöhten politischen Unsicherheit seien auch leichte An steckungseffekte im Euroraum zu beobachten. Diese Entwicklung habe zwar die EZB noch nicht in Alarmzustand versetzt, werde aber nach Aussagen Lagardes aufmerksam verfolgt.

Erwartungsgemäß habe die EZB auf der letzten Ratssitzung die Phase der "Moderation des geldpolitischen Restriktionsgrades" eingeleitet und alle drei Leitzinssätze um jeweils 25 Basispunkte gesenkt. Alles andere als eine erste Zinssenkung im Juni wäre eine Überraschung mit viel Sprengkraft für die Märkte gewesen. Ein besonderes Augenmerk habe auf den aktualisierten Projektionen gelegen. Eine gewisse Irritation habe die Anhebung der Inflationsprognose für das Gesamtjahr 2025 bereitgehalten, wonach sich die Erreichung des 2%-Stabilitätsziels wieder zurück in das zweite Halbjahr verschoben habe. Mit den aktuellen Inflationsprojektionen drehe die EZB damit einen Gutteil der deutlichen Abwärtskorrektur aus dem März wieder zurück. Grundsätzlich bleibe das Narrativ - Rückkehr zum 2%-Ziel im Laufe des Jahres 2025 - seit September letzten Jahres unverändert. Wegen des vor allem bei Dienstleistungen noch immer hartnäckigen Preisauftriebs und einer anziehenden Konjunktur wolle der EZB-Rat nach wie vor keine Guidance für den zukünftigen Zinspfad geben. Die Leitzinsen sollten allerdings noch einige Zeit im restriktiven Bereich bleiben, auch wenn man langsam den Fuß vom Bremspedal nehme. Dazu passe auch die Kommentierung von Frau Lagarde auf der Pressekonferenz zum getroffenen Zinsentscheid des EZB-Rats.

Aus Sicht der Analysten würden die im Spätsommer zu erwartenden leicht abnehmende Inflation und eine wachsende Zuversicht, dass der Euroraum in absehbarer Zeit zur Preisniveaustabilität zurückkehre, die Tür für einen weiteren Zinsschritt öffnen. Aus Vorsichtsgründen sei dies aber erst im September zu erwarten, für den Juli sei eine Zinssenkung praktisch vom Tisch.

Die Analysten würden schon länger betonen, dass die Sitzungen mit aktualisierten Projektionen einen Vorzug für weitere Zinsanpassungen erhalten dürften, was für einen Zinspfad von 25 Basispunkten je Quartal spreche. Diesem Tempo folgend würden die Analysten auch im Dezember eine Leitzinsreduktion in gleicher Höhe erwarten. EZB-Ratsmitglied Olli Rehn - erfahrungsgemäß ein weder dem Falken- noch dem Taubenlager zuzuordnender Währungshüter - habe Ende Juni in einem Interview Prognosen als vernünftig und nachvollziehbar bezeichnet, die eine Senkung um 25 Basispunkte je Quartal vorsähen und für 2025 eine Terminal Rate von bis zu 2,25% unterstellen würden. Dies liege nah an ihrer Zinsprognose, an der die Analysten auch weiterhin festhalten würden. (Ausgabe Juli 2024) (01.07.2024/alc/a/a)