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Eine höhere aber moderate Inflation in naher Zukunft?


24.06.20 08:45
Unigestion

Genf (www.anleihencheck.de) - In einer normalen Rezession beginnen typischerweise zwei deflationäre Kräfte auf die Wirtschaft einzuwirken: Eine direkte über Rohstoffe, die die Inflationsraten beeinflussen, und eine indirekte, die durch die Verlangsamung der Aktivität die Produktionsflaute erhöht und das Lohnwachstum senkt, wodurch ein allgemeiner deflationärer Druck entsteht, so die Experten von Unigestion.

Die Experten von Unigestion würden sich die Frage stellen, ob diesmal anders sei. Zunächst die direkten Auswirkungen auf die Rohstoffe: Der rasche Einbruch der Rohstoffnachfrage - erst seitens der Industrie und dann aufgrund der Endnachfrage - habe zu einem raschen Rückgang der Rohstoffpreise geführt. Die WTI-Ölpreise (ISIN XC000A0G9CM8/ WKN nicht bekannt) hätten 52% verloren, während die Industriemetalle um 24% gefallen seien. Diese Zahlen seien zwar beträchtlich, aber nicht so beeindruckend wie die von 2008. Der Rückgang der Ölpreise habe damals 70% und 64% für Industriemetalle betragen. Der Rückgang von 2020 liege zwischen denen von 2008 und 2001: Er sei intensiv gewesen, aber kürzer als der anhaltende Nachfragerückgang von 2008. Kurzfristig dürfte sich dies zunächst auf die Headline-Inflationsindizes auswirken.

Eine weitere Auswirkung könnte angesichts des historischen 18-monatigen Feedback-Mechanismus von den Rohstoffpreisen zur Kerninflation folgen. Ein starker Rückgang der Rohstoffpreise könne sich daher längerfristig auf die Kerninflation auswirken. Aufgrund der vorübergehenden Natur der aktuellen Schrumpfung sollte dieser Effekt jedoch nicht so stark wie üblich sein; man könnte eher erwarten, dass er nur geringfügig sei. Die Ölpreise hätten sich bereits teilweise erholt: In den kommenden Monaten dürften sie wieder einen positiven Beitrag leisten. Dasselbe gelte für die Industriemetallmärkte: Die derzeit niedrigere Headline-Inflation (+0,1% gegenüber dem Vorjahr in den USA) werde vermutlich nicht von Dauer sein.

Die zweite Konsequenz sei, dass mit dem Rückgang der globalen Nachfrage die Produktionskapazität erheblich zurückgegangen sei. In den USA sei die Kapazitätsauslastungsrate der Wirtschaft im April auf 64% gesunken, mit einem zaghaften Anstieg auf 64,8% im Mai. Die gleiche Zahl habe sich in der Eurozone auf 69,7% belaufen, allerdings sei einer gewissen Disparität: Diese Rate reiche von 56,7% für Irland bis 77% für Finnland. Diese beträchtliche Konjunkturflaute sei gewöhnlich ein Hinweis auf eine rückläufige Inflation in der Zukunft: Längerfristig sei laut der Wirtschaftstheorie die Stärke der zugrunde liegenden Wirtschaft, insbesondere die Wachstumsrate der Löhne, eng mit der Wachstumsrate der Preise verbunden. Die allgemeine Vorsicht der Unternehmen, die zahlreichen temporären Entlassungsprogramme und die Unsicherheit, die sich aus der Einzigartigkeit der gegenwärtigen Situation ergebe, würden diese makroökonomische Komponente der Inflation unsicher machen.

Diese beiden Effekte würden im Falle einer "normalen" Rezession gelten, d.h. einer Rezession, die von der Wirtschaft selbst ausgehe und nicht davon, dass jemand im März einfach den "Stopp"-Knopf gedrückt habe. Im Zuge des Wiederauflebens der Weltwirtschaft würden die Experten von Unigestion es für unerlässlich halten, auf die Inflationsrate zu achten. Die Experten sähen hier zwei dynamische Entwicklungen und zugleich ein fehlendes Stück in diesem Deflationspuzzle.

Zuerst das fehlende Stück: Eine klar definierte Deflation erfordere einen Rückgang des Lohnwachstums. In den USA z.B. liege einer der zuverlässigsten Indikatoren des Lohnwachstums der Atlanta FED nach wie vor bei etwa 3,5% für Arbeitnehmer, die in Beschäftigung geblieben seien. Dies sei eine wesentliche längerfristige Inflationsquelle und dürfte auch in naher Zukunft die Inflation positiv beeinflussen. Daher sei es unerlässlich, den Rückgang der Arbeitslosenquoten zu beobachten, um sich ein Bild von der Entwicklung dieser Reflation zu machen.

Zweitens, und wie bereits erwähnt, würden die Experten von Unigestion eine V-förmige Erholung erwarten. Diese Ansicht wird durch die jüngste Entwicklung unserer Growth Newscaster- und Nowcaster-Indikatoren gestützt, so die Experten von Unigestion. Die Wachstumsdaten würden nun deutliche Anzeichen einer Verbesserung zeigen, wobei 59% der Daten in beiden Indikatoren gegenüber 25% Ende April gestiegen seien. Diese makroökonomische Verbesserung dürfte die Rohstoffmärkte weiter beleben: Seit Beginn der COVID-19-Krise habe sich der Energiemarkt weltweit um 43% erholt, während Industriemetalle um 15% zugelegt hätten. Die Wirtschaftssektoren, die sich am schnellsten erholen würden, seien - nicht überraschend - der dauerhafte und nicht langlebige Verbrauch, insbesondere in den USA. Auch hier sollten die Wachstumskräfte der Konjunkturflaute entgegenwirken. Die Experten von Unigestion seien der Meinung, dass die wirtschaftliche Schwäche nur vorübergehend sein sollte.

Die Inflationsdaten hätten am 18. Mai ihren Tiefststand erreicht, während die Nachrichtendaten bereits vorher zu steigen begonnen hätten. Inzwischen würden sich etwa 70% der Daten verbessern und zumindest in den USA sei ein breit angelegter Beitrag der verschiedenen Komponenten der Inflation zu verzeichnen. Betrachte man schließlich die Inflationsdaten schlechthin, so verberge sich hinter der US-Kerninflation von 1% im Jahresvergleich eine bemerkenswerte Inflationsrate bei der medizinischen Versorgung von 6% und bei Lebensmitteln von 3%. Der Wohnungsbau habe etwas an Schwung verloren, aber insgesamt hätten bisher nur die rohstoffbezogenen Inflationskomponenten Anzeichen einer Deflation gezeigt. Wo lägen nun die Herausforderungen bei Investments in dieser konjunkturellen Reflation?

Die Hauptfrage sei, wie viel von dieser Reflation bereits eingepreist sei. Inflationsbreakevens seien ein guter Indikator, um zu beurteilen, wie die Anleger über den künftigen Inflationsverlauf denken würden, da sie den Renditeunterschied zwischen nominalen und inflationsgebundenen Wertpapieren widerspiegeln würden. Während makroökonomischer Schocks und anschließender deflationärer Bedingungen würden Break-evens dazu neigen, sich schnell an sich verschlechternde Inflationserwartungen anzupassen. Während der Krise seien die kurzfristigen Inflationsbreakevens in den USA zum ersten Mal seit 2008 tief in den negativen Bereich gefallen. Sie seien von 1,3% auf -1,3% abgestürzt, ein klares Signal, dass die Finanzwelt zumindest für die nächsten zwölf Monate eine Deflation befürchtet habe. Gleichzeitig seien auch die langfristigen Breakevens beträchtlich gefallen, jedoch in geringerem Maße als in 2008 (die US-10-Jahre Breakevens fielen 2020 um 1,16% gegenüber 1,80% im Jahr 2008).

Wie bei anderen makrogetriebenen Anlagen habe die Erholung in letzter Zeit an Zugkraft gewonnen und das Tempo des Aufschwungs sei bei langfristigen Breakevens in etwa vergleichbar mit dem von 2008, bei kurzfristigen Laufzeiten schneller, wobei der Ein-Jahres-Breakeven in den USA nun fast wieder das Niveau vor der Krise erreicht habe. Was die Bewertungen betreffe, so sähen die aktuellen Preise im Vergleich zur realisierten Inflation recht teuer aus: Der Core-PCE, die von der FED bevorzugte Kennzahl, sei auf knapp 1% zurückgegangen, während die Erwartungen jetzt 1,25% für das kommende Jahr und durchschnittlich 1,6% über einen Zeithorizont von zehn Jahren betragen würden.

Vorerst verhindert dieses Bewertungselement, dass wir bei Real Assets allgemein positiv werden, so die Experten von Unigestion. Dasselbe gelte für Energie und Industriemetalle. Die realen Vermögenswerte hätten sich bereits von einem großen Teil ihres Rückgangs erholt, während sie durch ihren Carry Anzeichen dafür aufweisen würden, dass sie teuer seien. Somit würden die Experten von Unigestion vorerst leicht untergewichtet bei Sachwerten bleiben. Die sich derzeit vollziehende makroökonomische Erholung zusammen mit der Stimmungsverbesserung habe die Experten dazu veranlasst, die meisten ihrer Short Real Assets-Überzeugungen in ihrer dynamischen Allokation zu eliminieren. Um dies weiter voranzutreiben, müsste man weitere makroökonomische Fortschritte erkennen, da in naher Zukunft Gegenwind auf realen Vermögenswerten lasten könnte, wie etwa die sehr hohe Sparquote in den USA. So weit sind wir noch nicht, so die Experten von Unigestion. (Ausgabe vom 23.06.2020) (24.06.2020/alc/a/a)