Erweiterte Funktionen

EZB wird systematisch expansiver


23.09.19 10:45
National-Bank AG

Essen (www.anleihencheck.de) - Die FED hat bei ihrem jüngsten Zinsentscheid ihren Leitzinskorridor erwartungsgemäß erneut um 25 Basispunkte auf 1,75% bis 2,00% ermäßigt, berichten die Analysten der National-Bank AG.

Der Schritt sei als weiterer "Versicherungsschritt" kommuniziert worden, der nicht als Weiterführung einer Serie von Leitzinssenkungen zu interpretieren sei: Dieses Wording sei inhaltlich auch dadurch untermauert worden, dass die FOMC-Mitglieder für dieses und nächstes Jahr keine weitere Leitzinssenkung avisieren würden.

Auf die längere Frist würden die Mitglieder des FOMC in den Jahren 2021 und 2022 sogar wieder jeweils eine Leitzinsanhebung erwarten. Die FED-Spitze gehe von einem Plus an Wirtschaftswachstum in diesem sowie im übernächsten Jahr aus. Dabei würden vor allem die längerfristigen Projektionen von einer gewissen Lagerbildung zwischen den geldpolitischen "Tauben" und "Falken" zeugen. Die Mehrheit der FOMC-Mitglieder erwarte für diesen Zeitraum jedenfalls eine Normalisierung des Leitzinsintervalls.

Die Analysten der National-Bank AG sähen sich durch den Zinsentscheid in ihrer Linie bestätigt, dass die Befürchtungen vor einer Rezession weitestgehend an der Realität vorbeigehen würden: Eine solche bleibe sehr unwahrscheinlich. Die US-Notenbank gehe daher nicht in den nächsten Zinssenkungszyklus, da die Binnenwirtschaft robust bleibe. Die vielbeschworene Verschiebung der geldpolitischen Gleichgewichtswerte in den USA sei überzogen: Die Verflachung der Phillips-Kurve ergebe sich auch maßgeblich aus den langfristigen Folgen der Lehman-Krise. Diese Interpretation plausibilisiere gleichzeitig die Erwartung, dass der globale Aufschwung noch erhebliche Tragweite habe. Die Lösung des Handelskonfliktes könnte weltweit eine erhebliche Erwartungskorrektur auslösen, da der US-Arbeitsmarkt weiter sehr angespannt sei. Sobald sich der Welthandel in diesem Szenario wieder normalisiere, komme es binnen Jahresfrist zu spürbaren Zuwächsen bei den Preisen für international gehandelte Güter, was weltweit eine Reflationierung ermögliche. Im Ergebnis würde eine Beilegung der Handelsstreitigkeiten schlagartig eine vollkommen neue Lage am Kapitalmarkt schaffen.

Wie von den Analysten der National-Bank AG erwartet, habe der EZB-Rat auf seiner Sitzung am 12. September beschlossen, den Einlagezins von -0,4% auf -0,5% zu senken. Darüber hinaus werde die EZB ab November "so lange wie nötig" Anleihen im Wert von 20 Mrd. Euro monatlich erwerben. Geplant sei ferner diese Käufe erst im unmittelbaren Vorfeld der ersten Zinserhöhung abzuschließen. Die EZB führe weiterhin einen Staffelzins ein, sodass die Banken auf einen Teil ihrer Überschussreserven keinen Strafzins entrichten müssten. Die Zinsuntergrenze für die TLTROs werde um 10 Basispunkte gesenkt, entspreche also dem Durchschnitt des Einlagesatzes, der über die Laufzeit des Geschäfts gelte. Die Laufzeit der TLTROs werde von zwei auf drei Jahre verlängert.

Dieses umfangreiche Maßnahmenpaket bestätige die Einschätzung der Analysten der National-Bank AG, dass die Bank einmal mehr ihre geldpolitische Reaktionsfunktion ändere und systematisch expansiver werde: Es sei also nicht nur die Verschlechterung des gesamteuropäischen Datenkranzes, die eine Zunahme des Expansionsgrades bewirke - die EZB reagiere auch immer expansiver darauf. Abhängig von der weiteren Entwicklung des Handelskonfliktes könne es daher gut sein, dass die EZB bei weiter rückläufigen Inflationserwartungen geldpolitisch nachlegen werde, auch wenn die Grenzen der Geldpolitik allmählich näher rücken würden. Derweil werde der Ruf nach fiskalischer Intervention mit deutschen Steuergeldern immer lauter. Aus der Perspektive der Sparer erhalte dieser keinerlei Zins mehr und müsse zunehmend damit rechnen, dass darüber hinaus noch zusätzliche Abgaben fällig würden.

Die Akzeptanz für diesen Kurs vor allem in Deutschland nehme derzeit weiter spürbar ab, man dürfe gespannt sein, was politisch passiere, wenn die bestehenden juristischen Grenzen des Ankaufsprogramms erreicht würden. Die immer expansivere Geldpolitik nehme derweil den Anpassungsdruck aus dem Eurosystem, in der Folge müsse die Gelpolitik immer stärker auch Probleme bekämpfen, die jenseits ihres Mandates lägen. Die "Japanisierung" Europas und die "Liraisierung" der Geldpolitik dürften langfristig spürbaren Schaden anrichten. Die Analysten der National-Bank AG würden weiterhin davon ausgehen, dass über die Zukunft des Euro vor allem in Berlin entschieden werde. Eine europapolitische Strategie sei hier aber bis zuletzt nicht erkennbar gewesen. (Ausgabe vom 20.09.2019) (23.09.2019/alc/a/a)