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EZB: Ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk


16.12.22 15:30
Raiffeisen Bank International AG

Wien (www.anleihencheck.de) - Die Zinssitzung der Europäische Zentralbank (EZB) brachte ein vorgezogenes, für viele vielleicht unliebsames Weihnachtsgeschenk, so die Analysten der Raiffeisen Bank International AG (RBI).

Sei die Leitzinsanhebung um 50 Basispunkte (BP) noch allgemein erwartet worden, so sei die damit einhergehende Kommunikation überraschend falkenhaft ausgefallen. Die Leitzinsen sollten in weiterer Folge in einem konstanten Tempo und dabei signifikant steigen. Präsidentin Lagarde habe die Öffentlichkeit recht klar wissen lassen, dass damit eine Anhebung um 50 BP im Februar und vermutlich erneut im März und möglicherweise nochmals auf der darauffolgenden Sitzung gemeint sei. Begründet worden sei dies mit den neuen Wirtschaftsprognosen, welche einen für die EZB zu hohen zugrunde liegenden Preisdruck bis weit ins Jahr 2025 ausweisen würden. Der EZB-Rat habe dies als Auftrag gesehen, klar über eine Zinsnormalisierung hinauszugehen und die Leitzinsen auf ein restriktives Niveau zu führen, wo diese dann auch länger bleiben sollten. Auf Basis der neuen Guidance der EZB hätten die Analysten der RBI ihre Leitzins- und Euribor-Prognosen überarbeitet und das Hoch im Zinsanhebungszyklus um rund 100 Basispunkte nach oben revidiert.

Primäres Instrument der geldpolitischen Steuerung sei nach Vorstellung der EZB die Leitzinssetzung, die nunmehr eingeleitete Reduktion der Notenbankbilanz über eine Verringerung der erworbenen Anleihebestände (QT) sehe sie als ergänzendes Element. Ab März bis Ende Q2 sollten laut Beschlussfassung abreifende Anleihen des APP-Portfolio nicht mehr vollständig reinvestiert werden. Der Bestand werde so um durchschnittlich EUR 15 Mrd. pro Monat reduziert, was einem Reinvestitionsanteil abreifender Anleihen von 54% entspreche. Bis Februar würden weitere Details zum QT ausgearbeitet und auch das Tempo der Bilanzreduktion in der zweiten Jahreshälfte gelte es noch zu bestimmen.

Der französische Notenbankchef Villeroy habe heute diesbezüglich eine mögliche Erhöhung des Tempos ab Juli angedeutet, die bis Ende Q2 geltenden EUR 15 Mrd. jedoch bereits als signifikant bezeichnet. Interessant sei, dass sich die EZB bis Ende 2023 Zeit lasse, um die langfristigen Prinzipien ihrer Bilanzpolitik festzulegen (d.h. gewünschte Größe der Bilanz, Ausmaß der Überschussliquidität, Einwirkung auf Geldmarktsätze, etc.).

An den Märkten sei die EZB-Sitzung, vor allem aufgrund der Signale während der Pressekonferenz, richtigerweise als hawkish/falkenhaft interpretiert worden. Die Zinserwartungen zur EZB hätten sich auf über 3% geschraubt (Einlagesatz, Mitte 2023) und Bund-Renditen hätten unter Aufwärtsdruck gestanden. Vor allem am kurzen Ende der Bund-Kurve (2J) seien Renditen rasch gestiegen und würden nun nahe 2,5% notieren. Aber auch 10-jährige Renditen hätten nun das 2%-Niveau hinter sich gelassen. In Summe habe sich die Invertierung der Bund-Kurve deutlich auf einen Spread von -35 Basispunkte zwischen 2- und 10-jähriger Rendite verschärft. Die jüngsten Rendite-Bewegungen stünden nicht im Widerspruch zu den aktuellen Prognosen der Analysten der RBI auf Sicht der nächsten Monate. Einerseits hätten die Analysten der RBI darin gewisse Risiken hawkisher Überraschungen der EZB sowie den Beginn des Bilanzabbaus bereits reflektiert. Andererseits hätten die Analysten sinkende Renditen der letzten Wochen in der Eurozone vor allem als Spillovers aus dem USD-Zinsmarkt und nicht aufgrund von veränderten Rahmenbedingungen in der Eurozone interpretiert.

In Anbetracht des deutlich hawkisheren Tons der EZB und sicherlich einer herausfordernden Phase am EUR-Zinsmarkt im ersten Halbjahr 2023 (weitere EZB-Zinserhöhungen, Beginn von QT, Rückführung der TLTROs, erhöhter Emissionsausblick für 2023) möchten die Analysten der RBI ihre EUR-Kapitalmarktzinsprognosen nochmals unter die Lupe nehmen, würden diese somit in Revision stellen und etwaige Änderungen in einem Zinsausblick kommunizieren. (16.12.2022/alc/a/a)