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EZB versucht trotz erhöhter Unsicherheit die Normalisierung der Geldpolitik zu starten


11.03.22 11:17
Weberbank

Berlin (www.anleihencheck.de) - Die letzte Woche brachte eine gewisse Stabilisierung der Aktienkurse mit sich, so Jens Herdack, CEFA, CIIA von der Weberbank.

Am Mittwoch habe der Deutsche Aktienindex gar den siebtbesten Tag seiner Geschichte verzeichnet und sei in der Hoffnung auf eine mögliche Annäherung zwischen der Ukraine und Russland um knapp 8 Prozent gestiegen. Gleichzeitig würden sich immer mehr Folgewirkungen in einzelnen Marktsegmenten zeigen. So hätten zum Beispiel passive (ETFs) und aktive Fonds, die in größerem Volumen russische Aktien beinhalten würden, aufgrund der Schließung der russischen Börse den Handel ihrer Anteile aussetzen müssen. Zusätzlich hätten die Indexanbieter MSCI und FTSE den kompletten Ausschluss russischer Aktien aus ihren Indices beschlossen. Damit beinhalte beispielsweise der MSCI Osteuropa Index zukünftig gar keine russischen Aktien mehr. Stelle sich also für die ETF-Anbieter zusätzlich die Frage, was nun mit den noch im Portfolio befindlichen russischen Aktien geschehen solle und wie die geschlossenen Produkte wieder geöffnet werden könnten.

Im Bereich der Rohstoffe zeige sich, dass es immer schwerer werde, russisches Öl abzusetzen, obwohl es hier bisher keine offiziellen Sanktionen seitens der Europäischen Union gebe. Die bisherigen Sanktionsmechanismen würden aber faktisch bewirken, dass Banken aus Furcht, gegen Sanktionen zu verstoßen oder Reputationsrisken einzugehen, den Transport des Öls nicht mehr finanzieren würden und Versicherungen diese Ladungen nicht mehr versichern möchten. Darüber hinaus sei es historisch beispiellos, wie schnell große Firmen ihre Aktivitäten in Russland einstellen würden und dabei deutliche Umsatzeinbußen in Kauf nähmen. Allein in der abgelaufenen Woche seien McDonalds, Coca-Cola, PepsiCo, Starbucks, Heineken und PayPal diesem Trend gefolgt.

Für Investoren stelle sich im aktuellen Umfeld erneut die Frage, ob sie investiert bleiben oder zunächst einmal an den Rand zurücktreten und Kasse machen sollten. Hier biete der Mittwoch dieser Woche eine gute Antwort. Denn allein das Auslassen der sieben besten Tage des DAX seit seinem Berechnungsstart 1959 hätte dazu geführt, dass aus investierten 100 Euro (bzw. dem entsprechenden DM-Äquivalent) statt 3.660 nur 1.814 Euro geworden wären. Das wären stolze 50 Prozent weniger.

Umgekehrt hätte natürlich das Auslassen der schlechtesten Tage auch eine sehr positive Wirkung erzielt. Nur habe auch die aktuelle Krise einmal wieder gezeigt, dass sich die schlechtesten Tage in Regel nicht ankündigen würden. Wenn man dann als Investor diese Tage durchlebt habe, dann bringe das nachträgliche Kasse Schaffen häufig nicht mehr die gewünschte Wirkung, sondern könne im Extremfall zu einem Auslassen von sehr guten Tagen führen, was die Wertentwicklung langfristig weiter schmälere. Deshalb erscheine es sinnvoller, andere Wege der Risikoreduzierung zu wählen. Wie im letzten Finanzmarkt aktuell bereits beschrieben, präferieren wir hierbei Investitionen in den amerikanischen Aktienmarkt, da die Auswirkungen der Ukraine-Sanktionen stärker auf Europa wirken sollten, so die Analysten der Weberbank. Auch der US-Dollar sollte sich weiter stark zeigen.

In diesem unsicheren Umfeld versuche die Europäische Zentralbank EZB, die von ihr avisierte Normalisierung ihrer Geldpolitik trotz Gegenwind vorsichtig fortzusetzen. So habe EZB-Präsidentin Christine Lagarde in ihrer gestrigen Pressekonferenz zwar ein schnelleres Ende der Anleihekaufprogramme bekannt gegeben, sich aber beeilt gleichzeitig zu betonen, dass es sich hierbei nicht um eine Beschleunigung, sondern um eine Normalisierung der Geldpolitik handele und im übrigen Zinserhöhungen erst nach Abschluss der auslaufenden Kaufprogramme anstehen könnten.

Darüber hinaus habe sie auch betont, dass die EZB sich vorbehalte, in Abhängigkeit von der weiteren Entwicklung der Ukrainekrise ihre Maßnahmen anzupassen. Hier werde es insbesondere spannend zu sehen sein, wie die EZB auf einen möglichen weiteren Anstieg der Inflation in Europa reagiere. Ihre Erwartung habe sie immerhin schon auf 5,1 Prozent für das Gesamtjahr 2022 angehoben, rechne aber für die Folgejahre mit wieder sinkenden Inflationsraten bis auf 1,9 Prozent im Jahr 2024. Mit der angestrebten Normalisierung der Geldpolitik sollten Anleger weiterhin vorsichtig agieren und ihre Depots nicht mit zu lang laufenden Anleihen versehen. Nach Erachten der Analysten der Weberbank bestehe weiterhin das Risiko steigender Renditen einhergehend mit entsprechenden Kursverlusten. (11.03.2022/alc/a/a)