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Die EZB schafft es, die Märkte zu überraschen


05.06.20 08:30
Legg Mason

Baltimore (www.anleihencheck.de) - Mit den Ergebnissen der gestrigen Sitzung hat es der EZB-Rat geschafft, die Märkte zu überraschen: Die EZB lieferte bei allen Entscheidungen, die sie traf, mehr, als der Markt erwartet hatte, so Andreas Billmeier, Analyst bei der Legg-Mason-Boutique Western Asset Management.

So habe der EZB-Rat beschlossen, den geldpolitischen Spielraum weiter auszudehnen, indem das Pandemie-Notkaufprogramm (PEPP) um 600 Milliarden Euro erweitere und seine Laufzeit um sechs Monate bis mindestens Ende Juni 2021 verlängert werde. Zudem verpflichte sich die EZB, die Ziele dieser PEPP-Käufe bis mindestens Ende 2022 nicht durch andere Aktionen aufzuheben. Darüber hinaus habe Präsidentin Lagarde neue Makroprognosen vorgestellt, die die neuen Konjunkturdaten einbeziehen und für 2022 eine besorgniserregend niedrige Inflationsprognose von 1,3 Prozent zeigen würden.

Mit diesen Entscheidungen habe die EZB den Markt klar überrascht, was sich zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Erklärung in deutlich niedrigeren Renditeabständen der Peripherieländer gegenüber Bundesanleihen niedergeschlagen habe. Die Experten würden denken, dass die Überraschung in der Tat gelungen sei. Allerdings impliziere die Kombination von Erhöhung und Verlängerung, dass die Ankaufrate von Staatsanleihen im Rahmen von PEPP bis 2021 in etwa unverändert bleibe, sodass es keinen zusätzlichen Effekt gebe.

Zudem habe EZB-Präsidentin Lagarde gesagt, dass der EZB-Rat die Einbeziehung von Junk-Bonds in die Kaufprogramme nicht im Detail diskutiert habe. Im Hinblick auf das jüngste Urteil des deutschen Bundesverfassungsgerichts habe Lagarde gesagt, dass sich dieses Urteil an deutsche Behörden richte und sie zuversichtlich sei, dass eine gute Lösung gefunden werden könne. In diesem Zusammenhang habe sie unterstrichen, dass eine Version der beantragten Verhältnismäßigkeitsbeurteilung den Beratungen der EZB bereits inhärent sei und immer schon ihren Weg in die Sitzungsberichte gefunden habe. Damit habe sie einen Weg angedeutet, wie die Bundesbank und andere Institutionen die Angelegenheit entschärfen könnten.

Ein interessanter Punkt am Rande: Gegen Ende der Pressekonferenz habe sich Lagarde stark auf ihre schriftlichen Unterlagen konzentriert. Dies möge zwar als unwichtig erscheinen, zeige aber, dass Lagarde nach einigen Unklarheiten in früheren Pressekonferenzen am Donnerstag keine Fehler begangen habe. Und das, während sie Inflationsprognosen habe mitteilen müssen, die nicht mehr mit dem Ziel der EZB übereinstimmen würden. Jetzt werde der Markt noch Zeit brauchen, um die neuen Prognosen zu verdauen.

Die Experten seien der Meinung, dass die heutigen Entscheidungen vor dem Hintergrund der schockierend niedrigen Inflationsprognose gesehen werden müssten, aber auch vor dem Hintergrund der fiskalischen Entwicklungen in den europäischen Volkswirtschaften und auf europäischer Ebene. Während die diesjährigen Käufe von Staatsanleihen in etwa ausreichen würden, um die Ausgaben der Regierungen für Covid-bezogene Konjunkturmaßnahmen abzudecken, solle die PEPP-Verlängerung wohl zusätzlich die Kreditaufnahme der EU im Rahmen des Programms Next Generation EU berücksichtigen, über das derzeit noch verhandelt werde.

Die EZB sei eindeutig zufrieden mit den Fortschritten an der Haushaltsfront und werde diese Anstrengungen gerne unterstützen. Auch wenn es zum jetzigen Zeitpunkt schwer zu beurteilen sei, ob im Jahr 2021 immer noch ein Pandemie-Notstand bestehe, auch angesichts der von der EZB prognostizierten Wachstumserholung. (Ausgabe vom 04.06.2020) (05.06.2020/alc/a/a)