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EZB: Die richtige Frau zur richtigen Zeit
05.07.19 11:45
Hamburg Commercial Bank
Hamburg (www.anleihencheck.de) - Die Entscheidung ist gefallen. Christine Lagarde, Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), wird ab November 2019 neue Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB) und folgt damit Mario Draghi, so Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der Hamburg Commercial Bank.
Der Bestätigungsprozess sollte eine Formalie sein. Die Wahl sei überraschend. An der Spitze der von Analysten auserkorenen Favoriten waren zwar zwei Franzosen, nämlich die EZB-Mitglieder François Villeroy de Galhau und Benoît Coeuré, aber Lagarde war auf der Liste unter ferner liefen, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank. Bundesbankpräsident Jens Weidmann seien ebenfalls gute Chancen zugesprochen worden. Die allgemeine Erwartung sei gewesen, dass dieser Spitzenposten nur mit einer Person besetzt werden könne, die bereits geldpolitische Erfahrung mit sich bringe, so wie das bei den Vorgängern der Fall gewesen sei. Trotzdem sei die durchsetzungsstarke Juristin Lagarde eine gute Entscheidung, die aufgrund ihrer internationalen Erfahrung und ihres Kommunikations-geschickes mit den zahlreichen Herausforderungen, vor denen die EZB stehe, in den heutigen Zeiten besser fertig werden dürfte als so mancher traditionelle Geldpolitiker.
Spätestens seit der Finanzmarktkrise von 2008/2009, die Lagarde als Finanzministerin und später als IWF-Chefin bei der Rettung Griechenlands hautnah miterlebt habe, verlaufe Geldpolitik nicht mehr in den geordneten Bahnen, wie man es aus den vorangegangenen Jahrzehnten kenne. Kreativität und politisches Geschick seien gefordert. Als IWF-Chefin habe Lagarde die extrem unterschiedlichen Herausforderungen kennengelernt, mit denen die vom Fonds beratenen und unterstützten Länder konfrontiert seien. Ohne neue Ideen und Überzeugungskraft könne man hier keine Erfolge erzielen. Genau das werde auch in der Geldpolitik gefordert sein.
Die Herausforderungen seien immens. Der klassische Transmissionsmechanismus, also die Übertragung von geldpolitischen Impulsen auf die wirtschaftliche Aktivität und letztlich die Inflationsrate, scheine kaum noch zu funktionieren. Die Tatsache, dass das Inflationsziel von knapp 2% seit 2012 fast durchgehend unterschritten worden sei, unterstreiche diese Beobachtung. Italien könnte der Eurozone angesichts rückwärtsgerichteter Reformen schon bald vor die Füße fallen. Außerdem bedrohe der Handelskrieg die Konjunktur.
Die große Frage sei, wie Lagarde vor dem Hintergrund eines stark ausgedünnten Instrumentenkastens der EZB mit diesen Aufgaben umgehen werde. Die eine Möglichkeit sei, den bereits vorbereiteten Weg von Mario Draghi zu betreten, die bisherigen Instrumente noch stärker zu nutzen - also etwa die Politik der Nettoanleihekäufe wieder zu aktivieren - und neue geldpolitische Techniken zu entwickeln, mit denen die Wirtschaft angekurbelt werden könne. Kurzfristig werde vermutlich genau dieser Weg beschritten. Die zweite längerfristige Möglichkeit aber sei - und hier dürfte Lagarde ihre kommunikativen und fachlichen Fähigkeiten voll ausspielen können -, wesentlich stärker und offensiver als ihr Vorgänger das Gespräch mit der Politik zu suchen.
Implizit würde sie damit von dem gebetsmühlenartig wiederholten Credo der Notenbanker abrücken, die EZB sei bei der Verfolgung ihres Inflationsziels alles andere als ohnmächtig. Stattdessen könnte Lagarde den Mitgliedsländern klar machen, dass die niedrige Inflation auch das Ergebnis von einem Mangel an Reformen, fehlenden öffentlichen Investitionen (hallo Deutschland!) und entsprechend fallender Produktivität sei. Diese Sichtweise könnte sie angesichts ihres IWF-Hintergrundes im Übrigen wesentlich glaubwürdiger vertreten, als Draghi das je gekonnt hätte. Dabei dürfte ihr auch ihr großes politisches Netzwerk, das sie mit den Finanzministern und den Zentralbankern der Euro-Mitgliedsländer in den vergangenen zehn Jahren aufgebaut habe, von Nutzen sein.
Insgesamt dürfte die EZB politischer werden. Manch einer möge dies verwechseln mit politischer Abhängigkeit. Das Gegenteil sei der Fall. Unter Lagarde könnte sich die EZB zu einem wichtigen politischen Spieler entwickeln, der den Mut habe, den Regierungen stärker Paroli zu bieten, ohne ihnen die Unterstützung zu versagen. Einigen Wirtschaftspolitikern dürfte es in Zukunft schwerer fallen sich hinter der EZB zu verstecken, wenn von dort die Defizite der Wirtschaftspolitik klarer angesprochen würden. Europa dürfte der Wechsel an der EZB-Spitze gut tun. (Ausgabe vom 04.07.2019) (05.07.2019/alc/a/a)
Der Bestätigungsprozess sollte eine Formalie sein. Die Wahl sei überraschend. An der Spitze der von Analysten auserkorenen Favoriten waren zwar zwei Franzosen, nämlich die EZB-Mitglieder François Villeroy de Galhau und Benoît Coeuré, aber Lagarde war auf der Liste unter ferner liefen, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank. Bundesbankpräsident Jens Weidmann seien ebenfalls gute Chancen zugesprochen worden. Die allgemeine Erwartung sei gewesen, dass dieser Spitzenposten nur mit einer Person besetzt werden könne, die bereits geldpolitische Erfahrung mit sich bringe, so wie das bei den Vorgängern der Fall gewesen sei. Trotzdem sei die durchsetzungsstarke Juristin Lagarde eine gute Entscheidung, die aufgrund ihrer internationalen Erfahrung und ihres Kommunikations-geschickes mit den zahlreichen Herausforderungen, vor denen die EZB stehe, in den heutigen Zeiten besser fertig werden dürfte als so mancher traditionelle Geldpolitiker.
Spätestens seit der Finanzmarktkrise von 2008/2009, die Lagarde als Finanzministerin und später als IWF-Chefin bei der Rettung Griechenlands hautnah miterlebt habe, verlaufe Geldpolitik nicht mehr in den geordneten Bahnen, wie man es aus den vorangegangenen Jahrzehnten kenne. Kreativität und politisches Geschick seien gefordert. Als IWF-Chefin habe Lagarde die extrem unterschiedlichen Herausforderungen kennengelernt, mit denen die vom Fonds beratenen und unterstützten Länder konfrontiert seien. Ohne neue Ideen und Überzeugungskraft könne man hier keine Erfolge erzielen. Genau das werde auch in der Geldpolitik gefordert sein.
Die große Frage sei, wie Lagarde vor dem Hintergrund eines stark ausgedünnten Instrumentenkastens der EZB mit diesen Aufgaben umgehen werde. Die eine Möglichkeit sei, den bereits vorbereiteten Weg von Mario Draghi zu betreten, die bisherigen Instrumente noch stärker zu nutzen - also etwa die Politik der Nettoanleihekäufe wieder zu aktivieren - und neue geldpolitische Techniken zu entwickeln, mit denen die Wirtschaft angekurbelt werden könne. Kurzfristig werde vermutlich genau dieser Weg beschritten. Die zweite längerfristige Möglichkeit aber sei - und hier dürfte Lagarde ihre kommunikativen und fachlichen Fähigkeiten voll ausspielen können -, wesentlich stärker und offensiver als ihr Vorgänger das Gespräch mit der Politik zu suchen.
Implizit würde sie damit von dem gebetsmühlenartig wiederholten Credo der Notenbanker abrücken, die EZB sei bei der Verfolgung ihres Inflationsziels alles andere als ohnmächtig. Stattdessen könnte Lagarde den Mitgliedsländern klar machen, dass die niedrige Inflation auch das Ergebnis von einem Mangel an Reformen, fehlenden öffentlichen Investitionen (hallo Deutschland!) und entsprechend fallender Produktivität sei. Diese Sichtweise könnte sie angesichts ihres IWF-Hintergrundes im Übrigen wesentlich glaubwürdiger vertreten, als Draghi das je gekonnt hätte. Dabei dürfte ihr auch ihr großes politisches Netzwerk, das sie mit den Finanzministern und den Zentralbankern der Euro-Mitgliedsländer in den vergangenen zehn Jahren aufgebaut habe, von Nutzen sein.
Insgesamt dürfte die EZB politischer werden. Manch einer möge dies verwechseln mit politischer Abhängigkeit. Das Gegenteil sei der Fall. Unter Lagarde könnte sich die EZB zu einem wichtigen politischen Spieler entwickeln, der den Mut habe, den Regierungen stärker Paroli zu bieten, ohne ihnen die Unterstützung zu versagen. Einigen Wirtschaftspolitikern dürfte es in Zukunft schwerer fallen sich hinter der EZB zu verstecken, wenn von dort die Defizite der Wirtschaftspolitik klarer angesprochen würden. Europa dürfte der Wechsel an der EZB-Spitze gut tun. (Ausgabe vom 04.07.2019) (05.07.2019/alc/a/a)


