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EZB muss Zinsen stärker und wohl möglicherweise sogar auch früher als FED senken


17.04.24 10:21
National-Bank AG

Essen (www.anleihencheck.de) - Wie von einigen Beobachtern erwartet, gestaltet sich die "letzte Meile" der Disinflation zumindest in den USA besonders mühsam, so die Analysten der National-Bank AG.

So hätten die jüngsten Daten zu den Verbraucherpreisen sowohl bereinigt als auch unbereinigt Aufwärtsüberraschungen aufgewiesen - so sei etwa die Jahres-Kernrate lediglich auf einen Wert von 3,8% statt wie erwartet auf eine Jahresrate von 3,7% gesunken. Aus Sicht der Analysten würden die Daten im Unschärfebereich bleiben, weiterreichende Schlussfolgerungen würden die vorliegenden Zeitreihen Daten hier noch nicht zulassen: So würden die am weitesten vorlaufenden Datensätze weiterhin auf einen zukünftig sehr moderaten Preisdruck verweisen, so zuletzt die Produzentenpreisdaten, die sogar ihren absoluten Abwärtstrend in der Kernrate wieder aufgenommen hätten.

Zentral sei schließlich, dass sich der Arbeitsmarkt weiter entspanne und das konjunkturelle Momentum in den USA eher weiter rückläufig sei: Derzeit würden die laufenden Schätzungen auf einen erheblichen Tempoverlust für die US-Ökonomie verweisen, sodass sich die Arbeitskräftenachfrage erheblich abkühlen dürfte. Offenkundig verlaufe der Disinflationsprozess in den USA also zwar zäher als erwartet, die Richtung stimme aber weiterhin - und das sei, was letztlich zähle. Im Ergebnis könnte sich die Leitzinswende in den USA möglicherweise um einen Monat verzögern, nach wie vor seien die Leitzinsperspektiven - vor allem mit Blick auf das sehr hohe Ausgangsniveau - aber klar abwärts gerichtet.

Der Disinflationspfad in Europa habe mittlerweile eine ähnlich starke Schubkraft entwickelt wie in den USA vor rund einem Jahr: Die diversen vorlaufenden Produzentenpreise würden mitunter wie ein Stein fallen, es sei höchstwahrscheinlich, dass sich der Preisdruck auf der Ebene des privaten Verbrauches weiter spürbar ermäßige - extreme Ereignisse nicht ausgeschlossen. Mittlerweile sehe es somit in der Tat danach aus, dass die These einer EZB, die die Zinsen stärker und wohl möglicherweise sogar auch früher als die FED senken müsse, bewahrheite.

Absolut bemerkenswert sei hier der dezent-diplomatische Hinweis des IWF im jüngsten Weltwirtschaftsbericht des Fonds, dass die EZB möglichweise ein Unterschiessen der Inflation riskiere, wenn sie nicht alsbald mit den Zinssenkungen beginne. Auch mehr und mehr EZB-Ratsmitglieder würden sich nun allmählich für deutlichere Zinssenkungen in der Eurozone aussprechen, zuletzt auch der französische Notenbankpräsident de Galhau. Würden die Rahmenbedingungen in Europa so bleiben, wie sie derzeit seien, arbeite die Zeit für eine immer expansivere Geldpolitik der EZB.

Insgesamt würden die Analysten die Schätzungen für die Zinssätze in etwa auf den bisherigen Niveaus belassen und die Renditen für die zehnjährigen Bundesanleihen aktuell auf 1,98% taxieren. Die Projektionen für die US-amerikanischen zehnjährigen Benchmark-Sätze würden sie aktuell bei Werten um 3,6% auf Sicht der nächsten zwölf Monate sehen. Damit hätten sie die US-Projektion mit Blick auf die zähere Disinflation in den USA und einen möglicherweise marginal flacheren Zinssenkungspfad der FED leicht angehoben. (Ausgabe vom 16.04.2024) (17.04.2024/alc/a/a)