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EZB dürfte mit einer ruhigeren Hand reagieren als die FED


06.03.20 10:00
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Die Renditen der Staatsanleihen sind in den vergangenen Tagen weiter gesunken, wobei der Abwärtstrend insbesondere in den USA vor dem Hintergrund der überraschenden Zinssenkung der US-Notenbank Fahrt aufgenommen hat, so Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt bei der Hamburg Commercial Bank.

Die zehnjährigen T-Notes-Renditen seien zeitweise auf unter 1% gefallen und lägen derzeit bei 0,96%. Vor einer Woche noch hätten die US-Anleihen bei 1,30% rentiert. Bund-Renditen hätten ebenfalls reagiert und lägen jetzt -64 BP, rund 10 BP niedriger als letzte Woche.

Treiber dieser Abwärtsbewegung sei - neben katastrophalen PMIs aus China - zuletzt die außerplanmäßige und überraschend starke Zinssenkung durch die FED gewesen. Die Analysten der Hamburg Commercial Bank hätten im letzten Wochenbarometer bereits darauf hingewiesen, dass durchaus eine Sondersitzung der Amerikanischen Zentralbank möglich sei, da FED-Präsident Jerome Powell erfahrungsgemäß sehr sensibel auf Aktienmarktturbulenzen reagiere. Der Leitzins liege nach der Senkung um 50 BP in der Bandbreite von 1,00% bis 1,25%.

Zwei Fragen würden sich jetzt stellen: Erstens, werde die FED erneut aktiv, wenn das reguläre Treffen am 18. März stattfinde? Und zweitens, was mache die Europäische Zentralbank (EZB), die am 12. März zusammenkomme?

Selbst wenn sich die Lage an den Aktienmärkten in den nächsten Tagen beruhigen sollte, dürfte die US-Notenbank bei ihrem Treffen dennoch ein weiteres Mal den Leitzins senken. Sie würde damit versuchen, weitere Turbulenzen unwahrscheinlicher zu machen. Dass sie dann kaum noch trockenes Pulver habe, um bei einer echten Marktpanik gegenzusteuern, werde gemäß der FED-Philosophie "beherztes Eingreifen ist besser als vorsichtiges Abwarten" vermutlich nicht so stark ins Gewicht fallen. Erneute Ankäufe von langfristigen Anleihen seien möglich, insbesondere dann, wenn am Geldmarkt erneut Spannungen auftreten, so wie das im September letzten Jahres der Fall gewesen sei. Aus Zinssicht - die Renditen der langfristigen Anleihen seien ja bereits auf Rekordtiefs - dränge sich ein QE-Programm nicht auf.

Und die EZB? Präsidentin Christine Lagarde habe bereits recht deutlich gemacht, dass die Notenbank handeln werde. Die Notenbank werde mit "gezielten geldpolitischen Schritten" auf die Corona-Krise reagieren. Vermutlich sei damit zum einen eine Zinssenkung um 10 BP auf -60 BP (Einlagensatz) gemeint; möglich sei zusätzlich auf die Senkung des Hauptrefinanzierungssatzes auf -10 BP. Zum anderen aber werde Medienberichten zufolge an langfristigen gezielten Finanzierungstendern (TLTRO) gearbeitet, die in erster Linie kleinen und mittleren Unternehmen zugute kommen sollten. Damit solle eine Kreditklemme in diesem Segment verhindert werden.

Die Befürchtung einer Kreditklemme sei weniger abwegig als es vielleicht auf den ersten Blick erscheinen möge. Tatsache sei auf jeden Fall, dass die Risikoprämien für Peripherie-Staatsanleihen erheblich zugenommen hätten. Italien habe zeitweise 170 BP über den Bunds (zehn Jahre Laufzeit) rentiert. Der iTraxx crossover, der die CDS-Spreads von Unternehmen im Nicht-Investmentgrade abbilde, habe sich ebenfalls signifikant auf knapp 300 BP ausgeweitet. Vor diesem Hintergrund dürften viele Banken bei bonitätsschwächeren Unternehmen zurückhaltender werden.

Es gebe noch andere Themen. So habe der Super-Tuesday, an dem in 14 Staaten Vorwahlen stattgefunden hätten, Joe Biden als Favorit nach oben katapultiert, was aus Marktsicht eher beruhigend sei. Der Kontrahent Bernie Sanders, der in Kalifornien die meisten Stimmen bekommen habe und für viele Investoren aufgrund seiner Umverteilungspläne ein Schreckgespenst darstelle, sei aber noch nicht aus dem Rennen. Am 10. März fänden weitere Vorwahlen in sechs Staaten statt, die hier noch mehr Klarheit bringen dürften.

Beunruhigend für die Märkte seien die Flüchtlingsunruhen an der Grenze zwischen der Türkei und Griechenland und der bislang mangelnde Einigungswillen in der EU. Der Krieg in Syrien, in den sich die Türkei begeben habe und indirekt gegen Russland kämpfe, baue weiteren Flüchtlingsdruck auf, ohne dass eine Lösung in Sicht wäre.

An der Datenfront sei auf die Arbeitsmarktdaten aus den USA zu achten. Vermutlich habe das Coronavirus hier noch keine Spuren hinterlassen, wenngleich andere Indikatoren weniger eindeutig seien. So habe der ISM für den Dienstleistungssektor zwar im Februar erneut zugelegt, der ähnlich gestrickte Index von IHS sei jedoch im selben Monat kräftig gefallen. Die Industrieproduktionszahlen in Europa, die in den nächsten Tagen für den Monat Januar veröffentlicht würden, dürften nur wenig Rückschlüsse auf den Coronaeffekt liefern, nachdem selbst die PMI-Einkaufsmanagerindices den Virusschock nur zu einem geringen Teil verarbeitet hätten. (Ausgabe vom 05.03.2020) (06.03.2020/alc/a/a)