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EZB: Zinssenkung wahrscheinlich, aber Unsicherheiten bleiben


03.06.25 10:45
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Am 5. Juni 2025 steht die nächste Sitzung des EZB-Rats an, bei der die Analysten der Hamburg Commercial Bank eine Zinssenkung um 25 Basispunkte nahezu sicher erwarten.

Unsere Analyse aktueller Äußerungen der Ratsmitglieder legt nahe, dass etwa zwei Drittel eine weitere Lockerung der Geldpolitik befürworten dürften, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank weiter. Hingegen könnten rund 14 % für eine Zinspause plädieren.

Die Analysten der Hamburg Commercial Bank halten an ihrer Prognose fest und erwarten bis September drei weitere Zinssenkungen um jeweils 25 Basispunkte. Der Einlagensatz, derzeit bei 2,25 %, sinke damit auf 1,50 %. Diese Einschätzung decke sich weitgehend mit den Erwartungen der Finanzmärkte, die bis Jahresende etwas weniger als drei Zinssenkungen einpreisten.

Zwei Tage vor der EZB-Sitzung, am 3. Juni, erschienen für den EZB-Rat richtungsweisende Inflationsdaten für den Mai. Die Gesamtinflation im Euroraum habe im April stabil bei 2,2 % im Jahresvergleich gelegen, während die Kerninflation, die schwankungsintensive Energie- und Lebensmittelpreise ausschließe, mit 2,8 % weiterhin deutlich über dem EZB-Ziel von 2 % liege. Erste Schätzungen aus Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien deuteten auf eine Fortsetzung des Disinflationsprozesses hin.

Ein erheblicher Unsicherheitsfaktor bleibe die erratische Handelspolitik von US-Präsident Donald Trump. Obwohl die angedrohten 50 %-Zölle auf EU-Importe bis zum 9. Juli verschoben worden seien, bleibe die Lage angespannt. Kurzfristig könnten ein stärkerer Euro, gesunkene Energiepreise und nachlassender Lohndruck die Inflation weiter dämpfen. Mittelfristig hänge die Entwicklung jedoch stark von den Ergebnissen der Handelsverhandlungen zwischen den USA und der EU ab. Die EU verhandle derzeit mit der US-Regierung, um die angedrohten Zölle abzuwenden. Ein Scheitern der Verhandlungen trübe die wirtschaftlichen Aussichten im Euroraum. Sollte die Europäische Kommission mit Gegenzöllen reagieren, lege dies über gestiegene Importpreise Aufwärtsdruck auf die Inflation im Euroraum, insbesondere wenn europäische Unternehmen die höheren Kosten an Verbraucher weitergäben.

Isabel Schnabel (Direktorium), Robert Holzmann (Österreich) und Madis Müller (Estland), die die Anaylsten dem "hawkishen" Lager des EZB-Rats zuordnen würden, könnten sich für eine Zinspause einsetzen. Dafür würden die folgenden Zitate sprechen:

Schnabel: "Wir müssen vorerst eine ruhige Hand bewahren. […] Wir können die Zinssätze im Großen und Ganzen auf dem jetzigen Niveau belassen und sind zuversichtlich, dass wir auf diese Weise auch die Preisstabilität gewährleisten können."

Holzmann: "Wir sollten unser Pulver trocken halten [angesichts des schwelenden Handelskriegs zwischen der EU und den USA]. […] [Ich sehe] keinen Grund [für die EZB, die Zinsen auf ihren Sitzungen im Juni und Juli zu senken]. […] Eine weitere Verschiebung [der Zinssätze] nach Süden wäre riskanter, als dort zu bleiben, wo wir sind, und bis September zu warten."

Müller: "[...] die Zinssätze sind bereits so niedrig, dass sie unsere wirtschaftliche Erholung nicht behindern. [...] es ist für mich nicht offensichtlich, dass wir die Zinsen signifikant senken sollten."

Trotz einzelner mahnender Stimmen würden sich zahlreiche Ratsmitglieder klar oder implizit für eine weitere geldpolitische Lockerung aussprechen. Dazu würden beispielsweise EZB-Vizepräsident Luis de Guindos, François Villeroy de Galhau (Frankreich), Olli Rehn (Finnland), Yannis Stournaras (Griechenland), Mário Centeno (Portugal), Gediminas Šimkus (Litauen) (siehe Anhang "One person, one quote") zählen.

Überraschend "dovishe" Töne seien von Pierre Wunsch (Belgien) gekommen, den wir zuvor als eines der "hawkishsten" Mitglieder des EZB-Gremiums gesehen hätten. Er habe gegenüber der Financial Times erklärt: "Wenn ich mir die Wirtschaft anschaue – die Schocks, mit denen wir konfrontiert sind, und die Ungewissheit über das Wachstum –, könnte es gerechtfertigt sein, leicht unterstützend zu wirken. [Dies könnte bedeuten, dass der Zinssatz der Einlagefazilität der EZB auf] etwas unter 2 Prozent gesenkt wird. […] So wie ich sie lese, könnten wir gegen Ende 2025 leicht unterstützend sein."

Dieses Mal stamme das Lieblingszitat der Analysten von Klaas Knot, der bei der anstehenden Sitzung letztmals teilnehmen werde – seine Amtszeit bei der niederländischen Zentralbank ende am 30. Juni 2025 vor der übernächsten EZB-Sitzung im Juli. Dass Donald Trump mit seiner unvorhersehbaren Handelspolitik erhebliche Unsicherheit verursacht habe, habe er treffend auf den Punkt gebracht: "In the euro area, after a couple of years of high price increases, we have finally left the inflation surge behind us. Looking at our projections, the ECB’s inflation target of 2% is within reach. So one would expect monetary policy to return to stable waters. But then somebody threw a stone in the water." (Ausgabe vom 02.06.2025) (03.06.2025/alc/a/a)