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EZB-Zinserhöhung in 2022 wird wahrscheinlicher


17.02.22 15:30
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Nachdem die zehnjährigen Bund-Renditen in den vergangenen Tagen zeitweise über 0,30% gestiegen sind, hat die Unsicherheit über den Russland-Ukraine-Konflikt sowie die Interpretation des Protokolls der letzten FED-Sitzung wieder die Bund-Nachfrage angeregt, sodass die langfristigen Bund-Renditen nunmehr bei 0,26% liegen, so Dr. Cyrus de la Rubia Chefvolkswirt der Hamburg Commercial Bank.

Bei den T-Notes mit zehnjähriger Laufzeit sei eine ähnliche Bewegung zu beobachten gewesen. Sie würden jetzt bei 2,01% rentieren.

Das FED-Protokoll habe im Wesentlichen die Spekulationen bestätigt, die hinsichtlich des Tempos der Zinserhöhungen ohnehin im Umlauf gewesen seien. So werde darin festgehalten, dass der nächste Zinsschritt "bald" erfolgen werde. Das entspreche der Erwartung eines Zinsschrittes bei der FED-Sitzung am 16. März. Außerdem seien die meisten FED-Mitglieder der Meinung, die Straffung der Geldpolitik müsse rascher erfolgen, als beim vergangenen Zinsanhebungszyklus. Damals habe die FED Ende 2015 mit einer ersten Zinserhöhung gestartet, sich dann ein Jahr Zeit für den zweiten Zinsschritt gelassen und habe in der Folge höchstens einen Zinsschritt pro Quartal durchgeführt. Ende 2018 habe das Leitzinsniveau dann 2,5% erreicht und im Sommer 2019 habe die FED bereits wieder damit angefangen, die Geldpolitik zu lockern.

Wenn man jetzt rascher vorgehen möchte, könne dies bedeuten, dass man entweder größere Schritte zu gehen bereit sei - 50 Basispunkte bei der März-Sitzung statt 25 Basispunkte - und/ oder bei jeder der kommenden alle sechs Wochen stattfindenden FED-Sitzungen den Leitzins um 25 Basispunkte anheben werde. Letztlich werde das Tempo davon abhängen, wie sich die Inflation und die Konjunktur entwickeln würden.

Die Teuerungsrate sei in den USA im Januar auf einen höher als erwarteten Wert von 7,5% (YoY, Gesamtinflationsrate) bzw. 6,0% (YoY, Kernrate) gestiegen. Gleichzeitig sei die Beschäftigung zu Jahresbeginn deutlich stärker expandiert als antizipiert, während der Lohnauftrieb sich beschleunigt habe. Außerdem seien die Einzelhandelsumsätze im Januar stark gestiegen, was allerdings auf einen Rebound nach dem ebenso starken Einbruch im Dezember zurückzuführen sei. Auch wenn insgesamt die Zeichen auf eine beschleunigte Gangart bei den Zinserhöhungen stünden, sei zu diesem Zeitpunkt noch nichts ausgemacht. Insbesondere ein Einbruch an den Aktienmärkten könnte die FED weniger aggressiv werden lassen, zumal ein solcher die Finanzierungsbedingungen bereits verschärfen würde.

Hinsichtlich der Pläne, die Bilanz abzubauen, biete das FED-Protokoll Interpretationsspielraum. Einige FED-Mitglieder ("a number of participants") hätten sich dafür ausgesprochen, nach dem Ende der Nettoankäufe im März mit dem Abbau der Bilanz bereits in diesem Jahr zu beginnen. Dies scheine am Markt bereits Konsens zu sein. Dort werde jetzt vielmehr diskutiert, ob die FED den Abbau passiv oder aktiv gestalte. FED-Chef Jerome Powell habe bislang eine passive Vorgehensweise kommuniziert. Das heiße, die Bilanz reduziere sich nach einem Ende einer Wiederanlagepolitik von alleine, in dem Anleihen, die auslaufen würden, nicht wieder ersetzt würden.

Ein aktiver Abbau würde geschehen, wenn die FED darüber hinaus auch Anleihen am Sekundärmarkt verkaufe. Der Satz aus dem Protokoll "es wäre angemessen, die geldpolitische Unterstützung der Finanzierungsbedingungen rascher zurückzuziehen" könne man auf beides, den Leitzins und die Bilanzpolitik beziehen. Bislang würden die Analysten noch davon ausgehen, dass der Leitzins in diesem Jahr fünfmal angehoben werde und der Bilanzabbau in passiver Weise im vierten Quartal starte. Diese Erwartung könne sich ändern, wenn Powell voraussichtlich Anfang März bei der halbjährlich stattfindenden Anhörung vor dem Kongress spreche.

Während das FED-Protokoll eine gewisse Transparenz über die künftige Geldpolitik schaffe, bleibe die Zukunft hinsichtlich des Russland-Ukraine-Konflikts im Dunkeln. Widersprüchliche Meldungen über erste Truppenrückzüge Russlands auf der einen Seite und Truppenaufbau, auch Russlands, auf der anderen Seite, hätten Benchmarkstaatsanleihen unterstützt. Gleichzeitig wäre eine militärische Auseinandersetzung zwischen den beiden Kontrahenten jedoch ein Garant für einen zumindest kurzfristigen starken Anstieg der Energiepreise und damit der Inflation, was wiederum geldpolitische Implikationen hätte.

Derweil würden sich bei der EZB die Anzeichen mehren, dass es im vierten Quartal dieses Jahres zu einer ersten Zinserhöhung kommen könnte. So habe der französische Notenbankpräsident Villeroy de Galhau ein Ende der Nettoanleihekäufe im dritten Quartal ins Spiel gebracht. Das sei insofern wichtig, als die EZB im Zuge der Forward Guidance "versprochen" hat, Zinserhöhungen erst nach einem Ende der Nettoanleiheankäufe durchzuführen. Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel sehe das offensichtlich auch so, denn sie habe gesagt, der Schaden von Nettoanleiheankäufen rechtfertige möglicherweise nicht mehr den Nutzen dieser Käufe.

Interessanterweise habe Schnabel auch die steigenden Immobilienpreise und die geplante Umstellung des Inflationsindex zur Berücksichtigung von Immobilienpreisen ins Spiel gebracht. Auch wenn die Umstellung noch einige Zeit benötige, würde eine Berücksichtigung dieser Komponente - man berücksichtige in diesem Fall die höheren Mieten, und zwar auch für diejenigen Menschen, die im eigenen Heim wohnen würden - die Inflationsrate um 0,3 Prozentpunkte höher ausfallen lassen. Bei der Kerninflation würde die Immobilienkomponente sogar mit 0,6 Prozentpunkten ins Gewicht fallen und das könne man "nicht ignorieren".

Die Analysten würden von einem Ende der EZB-Anleiheankäufe und einer ersten Zinserhöhung noch in diesem Jahr ausgehen. Datenseitig stünden in der kommenden Woche unter anderem die PMI-Schnellschätzungen für den laufenden Monat in der Eurozone und einer ganzen Reihe von Industrieländern an (21.02./22.02.). Am 22.02. folge der ifo-Index (Februar). Hier stünden die Furcht vor einer Eskalation im Russland-Ukraine-Konflikt inklusive höherer Energiepreise einer erwarteten Öffnung der Volkswirtschaften und - zaghaft - einer Entspannung an der Lieferkettenfront gegenüber. (17.02.2022/alc/a/a)