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EZB: What-ever-it-takes 2.0?


23.03.20 11:00
Union Investment

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Mit der unverminderten Ausbreitung des Corona-Virus außerhalb Asiens setzte sich in der vergangenen Berichtswoche zunächst die massive Verunsicherung an den Finanzmärkten fort, so die Experten von Union Investment.

Angesichts der Unsicherheit über die weltweite Wirtschaftsentwicklung habe es sowohl an den Aktien- als auch den Anleihemärkten weitere Verluste gegeben. Die massiven Eingriffe der Notenbanken hätten aber im Verlauf des Freitags zumindest für eine erste Stabilisierung an den Märkten gesorgt. Dies habe auch für Gold gegolten, während der US-Dollar als sogenannte Funding-Währung in der vergangenen Berichtswoche aufgrund einer weltweit hohen Nachfrage gesucht gewesen sei und zum Beispiel gegenüber dem Euro habe aufwerten können.

Noch vor der ursprünglich anberaumten Mittwochs-Sitzung sei zum Wochenauftakt die US-Notenbank aktiv geworden. Die FED habe eine weitere Zinssenkung um 100 Basispunkte auf null bis 0,25 Prozent sowie umfangreiche Wertpapierankäufe im Gegenwert von 700 Milliarden US-Dollar beschlossen. Weitere Maßnahmen würden die Erhöhung von Repo-Geschäften sowie eine Reihe weiterer Operationen zur Liquiditätsbereitstellung umfassen. Für diese Woche habe die FED US-Staatsanleiheankäufe im Umfang von 275 Milliarden US-Dollar angekündigt. Weitere Maßnahmen zur Stützung des US-Unternehmensanleihemarktes würden zudem noch erwartet.

Die Europäische Zentralbank habe dann in der Nacht zum Donnerstag die Ausweitung ihrer Wertpapierankäufe angekündigt. Das neu geschaffene Pandemic Emergency Purchase Programme (PEPP) sehe ein zusätzliches Ankaufvolumen von 750 Milliarden Euro vor. Die Bestandteile der beschlossenen Maßnahmen im Einzelnen:

- Ausweitung der Anleihekäufe um 750 Milliarden Euro, bestehend aus Staats- und Unternehmensanleihen. Es würden nun auch griechische Staatsanleihen angekauft
- Alle bereits bislang ankauffähigen Papiere würden auch unter das PEPP fallen
- Aufteilung der Staatsanleihekäufe grundsätzlich nach Kapitalschlüssel, aber bei erhöhter Flexibilität
- Dauer so lange wie notwendig, mindestens aber bis Ende 2020
- Lockerung der Anlagerestriktionen unter dem Corporate Sector Purchase Programme (CSPP) und Erweiterung der ankauffähigen Papiere
- Erleichterungen für Geschäftsbanken bei den Collateral-Bestimmungen

Mit diesem Maßnahmenpaket habe die EZB ihre Bemühungen noch einmal drastisch intensiviert. Hinzu komme eine viel stärkere verbale Untermauerung der Entschlossenheit der Zentralbank. Vertrauen und Zuversicht bei Öffentlichkeit, Regierungen und Finanzmärkten seien eindeutig das Ziel dieser Entscheidung. Daher würden die Schritte nicht nur in der Wortwahl an Mario Draghis Whatever it takes-Rückversicherung im Sommer 2012 erinnern. Die Experten würden sowohl die Entscheidungen als auch die Betonung der Entschlossenheit der EZB für richtig halten.

Für eine nachhaltige Beruhigung an den Kapitalmärkten dürfte der PEPP-Beschluss aber nicht sorgen. Dafür sei in erster Linie eine deutliche, weltweite Eindämmung bei den Infektionszahlen notwendig. Die EZB mindere aber den Stresslevel im System. PEPP sei die notwendige Stabilisierungsmaßnahme, auf die alle gewartet hätten. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Die Maßnahmen dürften daher bei besonders betroffenen Segmenten des Kapitalmarktes helfen, etwa bei Peripherieanleihen. Ein Game Changer sei PEPP für die Märkte aber erst dann, wenn die Neuinfektionen zurückgehen würden.

Die wirtschaftlichen Folgen von Corona seien gravierend, eine Rezession komme. Die Experten würden für 2020 in der Eurozone einen Rückgang des Bruttoinlandsproduktes (BIP) um mindestens 3,5 Prozent erwarten. Besonders betroffen werde Italien sein, welches aktuell die höchsten Infektionszahlen außerhalb Chinas aufweise. Auch für Deutschland würden die Experten von einer Rezession ausgehen. Das erste und insbesondere das zweite Quartal 2020 sollten schwach ausfallen, bevor in der zweiten Jahreshälfte nach und nach eine Stabilisierung einsetze. Im Jahr 2021 würden die Experten wieder mit positiven Wachstumsraten rechnen.

Kurzfristig dürften die Kapitalmärkte turbulent bleiben. So lange das Wachstum der Infektionszahlen nicht zurückgehe, erscheine eine nachhaltige Aufwärtsbewegung bei Aktien- und Unternehmensanleihen unwahrscheinlich. Mittel- bis langfristig würden die Perspektiven aus Sicht der Experten aber konstruktiv bleiben.

Darüber hinaus hätten zahlreiche Notenbanken im Wochenverlauf die Leitsätze gesenkt und zusätzliche Liquiditätsmaßnahmen bekannt gegeben. (Ausgabe vom 20.03.2020) (23.03.2020/alc/a/a)