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EZB-Sitzung: Weitere Zinssenkungen kommen - aber erst im September und Dezember!


07.06.24 12:00
AllianceBernstein

London (www.anleihencheck.de) - Erstmals seit fünf Jahren hat die EZB ihre Leitzinsen um 25 Basispunkte gesenkt - der lang erwartete Auftakt des Zinssenkungszyklus, so Sandra Rhouma, European Economist - Fixed Income bei AllianceBernstein.

Gleichzeitig würden die europäischen Währungshüter klarmachen, dass sie in diesem Jahr weiterhin restriktiv bleiben und damit Vorsicht walten lassen würden. Warum sie zwei weitere Zinssenkungen im Jahr 2024 für wahrscheinlich halte und warum in den kommenden Monaten, um die Veröffentlichung von Inflationsdaten, mit einer höheren Marktvolatilität zu rechnen sei, kommentiere Sandra Rhouma, European Economist - Fixed Income bei AllianceBernstein.

Der Zinssenkungszyklus habe begonnen, auch wenn die Juni-Prognose auf einen vorsichtigen Verlauf hindeute. Nach der ersten Zinssenkung laute nun die Frage, wie viele weitere folgen würden. Die makroökonomischen Projektionen vom Juni würden auf weniger Zinsschritte hindeuten als erwartet. So sei die Gesamtinflation auf 2,5% für 2024 und 2,2% für 2025 nach oben revidiert worden. Bei der Kerninflation würden die Währungshüter für 2024 2,8%, für 2025 2,2% erwarten. Insgesamt hätten die aktuellen Projektionen weniger dovishe Implikationen als noch im März: Die Inflation werde auch 2025 über ihrem Zielwert bleiben, obwohl die Marktpreisbildung für Zinssätze diesmal höher ausgefallen sei.

Zur Aufwärtsrevision hätten sicherlich auch angestiegene Rohstoffpreise beigetragen, vor allem dürfte jedoch der inländische Preisdruck eine Rolle gespielt haben, von dem erwartet werde, dass er dauerhaft auf hohem Niveau bleibe. Interessant sei in diesem Zusammenhang der Fakt, dass die Juni- und Dezemberprognosen von den nationalen Zentralbanken und nicht direkt von der EZB erstellt würden. Erstere würden zu falkenhafteren Annahmen neigen, insbesondere was das Lohnwachstum betreffe. Dies führe zu Inkonsistenzen von einer Prognose zur anderen. Daher könnte es bei den Septemberprognosen durchaus zu Abwärtskorrekturen bei den Inflationsaussichten kommen - je nachdem, wie sich die Daten bis dahin entwickeln würden.

Die Devise der EZB bleibe unverändert: Zukünftige Entscheidungen würden von Sitzung zu Sitzung getroffen, und zwar ganz in Abhängigkeit der aktuellen Daten. Angesichts des Kalenders für Inflationsdaten und des Fokus der EZB auf die Lohndaten seien quartalsweise Zinssenkungen jeweils zu Prognosesitzungen wahrscheinlich. Im September und Dezember dürften daher die nächsten beiden Termine anstehen. Dass die EZB den Juli überspringe, sei bereits vorher absehbar gewesen, da es an zusätzlichen Daten mangele. Mit den aktuellen Inflationsdaten, die eine hartnäckigere Dienstleistungsinflation als erwartet zeigen würden, bestärke diese Annahme nun.

Bevor sich die europäischen Währungshüter für eine weitere Zinssenkung entscheiden würden, würden sie weitere klare Hinweise sehen wollen und alle Nicht-Prognosesitzungen, einschließlich Oktober, überspringen. Dafür spreche auch, dass die für die Entscheidung wichtigen Lohndaten erst mit erheblicher Verzögerung - gerade rechtzeitig zu Prognosesitzungen - veröffentlicht würden. Insgesamt bleibe weiterhin zu erwarten, dass sowohl die Inflation als auch die Löhne nachlassen würden; wahrscheinlich langsamer als erwartet, aber nicht so langsam, dass sie den eingeschlagenen Trend umkehren würden: Weitere Zinssenkungen würden kommen.

Das Treffen am Donnerstag habe sich durch nahezu gedämpfte Marktreaktion ausgezeichnet. Im ersten Moment schien der Markt zwar auf die falkenhaften Elemente der Erklärung zu reagieren, was zunächst zu einem moderaten Anstieg der europäischen Renditen und einer Aufwertung des EUR/USD führte, so die Experten von AllianceBernstein. Da der Markt sowohl das Ergebnis als auch das Ausbleiben weiterer Hinweise der EZB bereits erwartet habe, sei die Marktreaktion insgesamt zurückhaltend ausgefallen.

Unverändert zur Erwartung vor der Sitzung preise der Markt rund zwei weitere Zinssenkungen für dieses Jahr ein. Vor dem Hintergrund der datengetriebenen Politik der EZB sowie des ungleichmäßigen Verlaufs der Desinflation sei es in den kommenden Monaten wahrscheinlich, dass es um die Veröffentlichungen der Inflationsdaten zu einer höheren Marktvolatilität komme. Insbesondere, da die Gesamtinflation aufgrund von Basiseffekten bei Energie im Sommer ihr angestrebtes Ziel erreichen könnte. (07.06.2024/alc/a/a)